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Aus dem Nachlass des Literaturnobelpreisträgers:Nahrung für eine tiefe Masse

Elias Canetti Writer 01 May 1965 PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: MaryxEvansxxxAFxArchive 12049397 editorial u

Das Wechselspiel von Masse und Macht war sein Lebensthema: Elias Canetti (1905 – 1994) im Jahr 1965.

(Foto: imago images/Mary Evans)

Elias Canetti hat sich früh mit Pest, Epidemien und Ansteckung beschäftigt. Seine unveröffentlichten Notizen wirken erstaunlich aktuell.

Von Kristian Wachinger

Elias Canetti hat sein halbes Leben der Untersuchung des Wechselspiels von Masse und Macht gewidmet. Als junger Mann beeindruckt, verstört von Straßenereignissen der Zwischenkriegszeit, dann als Zeitzeuge des heraufkommenden Nationalsozialismus und schließlich als Geflüchteter hat er umfassend gelesen und unorthodox gesammelt, was ihm für das Thema wichtig erschien. 1960 erschien seine umfassende Studie "Masse und Macht".

Im Kapitel "Der Überlebende" finden sich Überlegungen zu Pest und Epidemien. Der Autor rückt den Tod in den Mittelpunkt, grenzt dabei das "von außen auferlegte" Sterben gegen "willkürliches" Töten und Selbstmord ab. Der Text mündet in die Betrachtung über die wenigen, die von der Pest genesen sind. Eingebettet in den Epidemie-Abschnitt findet sich ein wichtiger Aspekt, der die Lebenden angeht, bevor sich ihr Schicksal gegenüber der Krankheit entscheidet - die Absonderung der Menschen voneinander: "Das Einhalten von Distanz wird zur letzten Hoffnung."

Wie aus Canettis handschriftlichem Nachlass zu ersehen ist, beschäftigte er sich bereits früh mit dem Thema Ansteckung. Als promovierter Chemiker und als Bruder eines Mediziners, der sich später als Bakteriologe spezialisierte, stellt er Gedankenexperimente an, in denen sich die Passagen zu Epidemie und Ansteckung in "Masse und Macht" ankündigen. Unter Canettis Notizen aus dem Jahr 1935 finden sich Abschriften aus Georg Grandaurs 1892 erschienener Übersetzung der Chronik des Mathias von Neuenburg, welche die Pest in Straßburg um 1350 schildert. Ebenfalls 1935 exzerpiert und zitiert Canetti umfangreich aus Justus F. C. Heckers Standardwerk "Der Schwarze Tod im 14. Jahrhundert".

"Die gefährlichen Tiere im Bewusstsein des Menschen sind immer kleiner geworden."

In einem Briefentwurf an Hermann Broch heißt es: "Die Zeit um 1350 hat mich immer schon sehr beschäftigt, sie ist unserer in ihrer Aufgelöstheit sehr nahe; eine Pestnovelle, die im mittelalterlichen Straßburg spielt, wird sich auf die Dauer nicht vermeiden lassen, obwohl es schon so viele gibt. Jeder bildet sich ja ein, dass seine die einzige wird."

"Epidemien: aufzufassen als eine Erzeugung menschlicher Massen zur Unterjochung unter die Massen tiefstehender Einzeller, der Bakterien. oder: Rückverwandlung hochtierischer Individuen in den psychologischen Augenblick ihrer Entstehung aus der Samenmasse. oder: Das hochentwickelte Individuum als Nahrung für eine tiefe Masse - Sühne für die Entwicklung.

Die Einzeller haben noch eine erstaunliche Fähigkeit, die den späteren Geschöpfen abgeht: die Fortpflanzung ist bei ihnen noch recht eigentlich Vermehrung, Geschlecht und Masse fallen zusammen. Hunderttausend Bakterien können aus einer entstehen und sie bleiben zusammen und greifen zusammen einen Menschen z. B. an. Man müsste die Funktion der Masse im Aufbau des höheren Organismus exakt untersuchen." (13. Februar 1932 oder 1933).

Ganz im Sinne des interdisziplinär interessierten Canetti, und gewiss getrieben durch den Austausch mit seinem jüngsten Bruder, dem Mediziner Georges Canetti, tauchen in Elias Canettis Notizen immer wieder Überlegungen zwischen Bakteriologie und Soziologie auf.

"Eines der wesentlichen Phänomene des 19. Jahrhunderts ist die gleichzeitige Entstehung von Bakteriologie und Marxismus. Beides ist die Vorstellung massenhafter Bedrohung durch lebende Geschöpfe, die unvergleichlich kleiner sind als das Bedrohte. Der Leib, den die Bakterien attackieren, unsichtbar, einander gleich, in riesenhaften Mengen entspricht dem Staat, der von einem unerschöpflichen Proletariat unterwühlt wird. Es ist sehr merkwürdig, dass die Atomtheorie etwas nach der französischen Revolution wieder aufgekommen ist, eine Vorbereitung auf die organische Zellenlehre und Bakteriologie, die ein halbes Jahrhundert später aus der Atmosphäre der 48-Jahre hervorwachsen." (26. März 1942)

"Die gefährlichen Tiere im Bewusstsein des Menschen sind immer kleiner geworden. Von den Drachen der Urzeit bis zum Virus der Moderne ist ein sehr weiter Weg. So gleicht der einzelne Mensch immer mehr einem Gott, den winzige Neider zerstören wollen." (8. August 1943)

Vom 19. September 1956 datiert eine Notiz, von der es wenig später eine Reinschrift gibt, die nicht ins Manuskript von "Masse und Macht" aufgenommen wurde.

"Über Ansteckung. Das Wort wird für manches verwendet: man steckt Andere mit einer Krankheit an, aber auch mit bestimmten Gefühlen, mit Freude und mit Trauer, mit Kampflust und Mutlosigkeit, mit Übermut und Verzweiflung. Die leichte Übertragbarkeit der Affekte von Mensch zu Mensch kommt in dieser Art Verwendung des Wortes ,Ansteckung' zum Ausdruck. So wird es auch ganz besonders für Vorgänge der Masse gebraucht.

Es ist also etwas Archaisches im Wort, aus einer Zeit, da Böses wie Gutes als freibewegliche Kraft zwischen Menschen hin und herfloss. In diesem Charakter des Wortes ist eine sehr alte und wichtige Weisheit enthalten. Man soll ihr nicht misstrauen, man soll sie besser auszuschöpfen versuchen.

Die Ansteckung, in welcher Form immer sie operiert, geht immer weiter, sie hört nicht nach einem oder zwei oder drei Fällen auf. Solange sich Menschen finden, schreitet die Ansteckung an ihnen fort. Sie ereignet sich nur über Menschen, ohne diese gibt es sie nicht, und sie hört von selber nicht auf, solange sie Menschen findet. Sie ist auch immer geheimnisvoll, eine Art von Berührung genügt, sei es auch nur durch den Atem, um sie zu bewerkstelligen. Aber bis vor ganz kurzem - wenn man an die riesigen Zeiträume menschlicher Vorgeschichte denkt - wusste man nichts Genaues darüber, wie sie vor sich geht. Auch jetzt, da das Wesen so vieler Krankheiten enträtselt ist, da man die winzigen Geschöpfe kennt, die uns in ungeheurer Zahl mit Krankheiten überfallen, hat das Wort ,Ansteckung' selbst noch immer etwas von seiner Rätselhaftigkeit behalten. Noch völlig unaufgeklärt ist der Vorgang der Ansteckung, wenn er als innerhalb der Masse wirkend gedacht wird. Hier ist das Wesen der Ansteckung so geheimnisvoll geblieben, dass Viele sich kurzerhand entschlossen, sie überhaupt zu leugnen. Diese behaupten dann einfach, dass es weder so etwas wie Masse noch die Ansteckung gibt, die zu ihrer Bildung beiträgt.

Mir scheint es klüger und nützlicher, das Wort in seinem alten Sinn zu verstehen und ihm in seiner alten, überkommenen Anwendung nachzugehen.

Im krassesten Falle, dem der Pest, führt die Ansteckung zu Haufen von Leichen. Jede historische Schilderung der Pest gipfelt in der Darstellung solcher Haufen und ihre Furchtbarkeit wird gewöhnlich erhöht durch Geschichten von einzelnen Kranken, die innerhalb solcher Haufen von Toten plötzlich wieder zum Leben kamen, die diese Leichenhaufen also auf die innigste und tiefste Weise erlebt haben, mitten in ihm selbst, am eigenen Leib.

Aus ähnlichen Haufen bestehen die Schlachtfelder, nach der Schlacht. Doch denkt man sich nicht, dass die Toten hier durch Ansteckung gefallen sind. Überall wo der Mensch den Tod selbst erteilt, durch Hieb, Stich, Schlag oder Schuss, wo die Ursache des Todes genau bekannt ist, wo jeder weiss, dass er diesen oder jenen getötet hat und wenn nicht er, so bestimmt ein anderer, da hat das Wort ,Ansteckung' keine Anwendung mehr, sein Geheimnis ist ihm benommen worden.

Der andere extreme Fall, den man sich durch ihre Wirksamkeit entstanden denkt, ist die Masse, diesmal der Lebenden. Aber auch hier wendet man das Wort nur an, wenn man von der Art, in der diese konkrete Masse entstanden ist, keine allzuklare Vorstellung hat. Adepten einer Religion, die durch Predigt, also durch ganz bestimmte Worte gewonnen worden sind, gelten nicht als angesteckt. Wenn aber eine amorphe, revolutionäre Masse in einer Stadt besteht und Andere auf eine dunkle Weise getrieben zu ihr stossen, ohne konkret bestimmbaren, individuellen Anlass, so spricht man von Ansteckung.

Sehr interessant und einer besonderen Betrachtung wert sind die Versuche, Ansteckung - und zwar im doppelten Sinn des Wortes - zu verhindern. Das Weitergegebene, das Menschen so zusammenbringt, dass Massen aus ihnen entstehen könnten, gilt als Krankheit und gefährlich, und muss auf jede Weise verhindert werden. Um die Menschen aus beiderlei Gründen, die aber als ein einziger angesehen werden, auseinanderzuhalten, werden die strengsten Berührungsverbote eingeführt. Besonders schön sind diese im indischen Kastensystem zu studieren.

Ein Beginn von etwas. An sich noch nicht viel. Sollte zu einer ernsthaften Untersuchung der ,Ansteckung' ansetzen und wirklich ausgeführt werden."

"Ein Arzt, der eine Krankheit erfindet und propagiert, bis sie zur Epidemie wird ..."

Parallel zu Notizen zu "Masse und Macht" finden sich in Canettis Nachlass immer wieder Aufzeichnungen rund um das Thema.

Unter dem 13. Juni 1953 etwa das zum dystopischen Aphorismus zugespitzte Gedankenspiel: "Ein Arzt, der eine Krankheit erfindet und propagiert, bis sie zur Epidemie wird, die ihn dahinrafft."

Vielleicht hat Elias Canetti früh die Personifizierung eines Mechanismus gefunden, den wir heute "viral" nennen. Am 11. August 1960 notierte er: "Der Krankheits-Verbreiter, eine Figur, die mich seit Jahren beschäftigt. Er muss jede Krankheit, die ihn befällt, zu allen Menschen tragen. Er beginnt bei seinen guten Freunden, aber er geht auch in jedes Lokal. Er ist Gerücht und Epidemie; was immer er hat, muss zu Öffentlichkeit werden."

© SZ vom 03.06.2020

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