Schriftsteller Jules Barbey d'Aurevilly:Unter dem Knie der Revolution

Barbey d'Aurevilly

Unter dem Namen Jules Amédée Barbey d'Aurevilly 1808 in der Manche geboren, starb der französische Schriftsteller 1889 in Paris.

(Foto: Hulton Archive/Getty Images)

Der erzkatholische Dandy Jules Barbey d'Aurevilly verdient eine Wiederentdeckung. Mit seinem Roman "Der verheiratete Priester" wirft er sich stürmisch für die Orthodoxie ins Zeug.

Von Joseph Hanimann

Was wäre der Glanz Stendhals, Victor Hugos, Balzacs, Flauberts, Émile Zolas ohne das Flimmern der Rand- und Gegenfiguren? Die thematische Weite und Tiefe des französischen Romans im 19. Jahrhundert wird erst im Horizont des Disparaten, Paradoxen, Skurrilen wirklich sichtbar. Ein Lichtpunkt dieses Horizonts war der reaktionäre Aristokrat, Erzkatholik, Romancier, Journalist und Dandy Jules Barbey d'Aurevilly.

Der 1808 in der Normandie geborene Prophet vergangener Welten mit losem Mundwerk und giftiger Zunge ließ in seinen Romanen und Erzählungen romantische Liebeswallungen, abgebrühtes Salongetue, alte Volkssagen, Ritterheroik und postrevolutionäres Sozialelend durcheinanderwirbeln. Aus einem oder zwei Werken allein wäre die Literatur dieses Autors kaum zu begreifen. Umso verdienstvoller ist die Initiative des Verlags Matthes & Seitz, in einer schönen Ausgabe seit Jahren sukzessive ein breites Spektrum Barbey d'Aurevillys zugänglich zu machen, teilweise in Erstübersetzungen.

Er giftete gegen Goethe wie den "Tränenkrämer" Victor Hugo

Mit den Romanen "Die Gebannte" über eine verhexte Bauersfrau in der Normandie, "Die alte Mätresse" über eine raffinierte Intrigantin im Pariser Milieu, "Der Chevalier Des Touches" über einen dem Schafott entronnenen Gegenrevolutionär liegt schon manches vor. Auch Barbey d'Aurevillys Schrift "Über das Dandytum", eine Hommage an den englischen Dandy George Brummell, ist seit 2006 greifbar. Und was der Franzose vom deutschen "Langweiler" Goethe hielt, lässt sich in der Polemik "Gegen Goethe" nachlesen. Von allen Geschossen, die im Deutsch-Französischen Krieg über Paris niedergegangen seien, heißt es dort, seien Goethes "Sämtliche Werke" für ihn das schwerste gewesen.

Ebenso gut konnte aber Barbey d'Aurevilly, der Baudelaire schätzte und Flaubert im Prozess um "Madame Bovary" unterstützte, auch gegen eigene Landsleute giften. Victor Hugo nannte er einen "Tränenkrämer" und in den naturalistischen Romanen Émile Zolas sah er nur "Wortschlammpfützen". Fehlt im Angebot der Neuübersetzungen einstweilen noch das skandalumwogte Buch "Diabolische Geschichten", das den Autor 1874 berühmt machte.

"Ein verheirateter Priester" heißt nun also der neue Roman in der Reihe. Es geht um die Geschicke eines aus der Soutane gesprungenen Pfarrers, der nicht wie bei den von Barbey d'Aurevilly beeinflussten Autoren Léon Bloy oder Georges Bernanos in innere Gewissensnöte gerät, sondern seinen Weg ins Verderben als selbstgewisser Adept des neuen wissenschaftlichen Glaubens beschreitet. Zur Zeit der Französischen Revolution war der zum Priester geweihte Bauernsohn Jean Sombreval von seinem Bischof in geheimer Mission nach Paris geschickt worden. Dort hatte er sich leidenschaftlich in den revolutionären "Abgrund von Korruption, Wissenschaft und Atheismus" gestürzt wie einst Empedokles in den Schlund des Ätna, nur dass bei ihm nicht einmal mehr die Priestersandalen am Kraterrand gefunden wurden.

Stringente Handlungen sind nicht seine Stärke

Eine nicht weiter benannte Frau gebiert ihm dann eine Tochter und stirbt nach der Geburt. Diese Tochter Calixte wird für Sombreval neben seinen chemischen Forschungen sein Ein und Alles. Mit einem angeborenen kreuzförmigen Mal auf der Stirn wird dieses engelhafte Wesen sein ganzes kurzes Leben lang hingebungsvoll das Vergehen des geliebten Vaters sühnen wollen.

In seiner heimatlichen Normandie hat dieser Mann das verwahrloste Schloss Quesney gekauft, in einer Mischung aus Trotz und Triumph gegen die ihn - von den Adeligen bis zu den Bürgern, Bauern und Bettlern - verdammende Gesellschaft. Einer, der eigentlich ebenfalls vors Schlosstor getreten ist, um den Abtrünnigen zu verfluchen, der junge Aristokrat Néel de Néhou, verfällt in stürmische Liebe zu Calixte und wird so der Dritte im Unglücksbunde. Denn das trübe Wasser eines von Weiden zugewachsenen Teichs auf dem Schlossgelände, auf dem die drei zunächst friedlich dahingleiten, wird am Ende alle drei ins Verderben ziehen.

Im Bau einer stringenten Romanhandlung liegt beileibe nicht die Stärke von Barbey d'Aurevilly. Faszinierend sind aber seine in Paradoxien und Verworrenheit gewundenen Personen- und Situationsschilderungen, seine Abschweifungen in zeitkritische Apropos sowie seine Art, aus der Tiefe der Erzählung alte Volksweisen hörbar zu machen. Das Buch ist gespickt mit normannischen Redewendungen, die auch im Originaltext durch Fußnoten erklärt werden müssen und in der Übersetzung oft geschickt in den deutschen Sprachton transponiert wurden.

Die "erste Salzflut jeder Sprache"

Das macht aus diesem Autor, der seine Normandie umso einfühlsamer beschrieb, als er sie aus dem fernen Paris betrachtete, keineswegs einen Regionalautor. Der Erzähler im Roman, ein diskretes Alter Ego des Autors, will wie einst Homer nichts aufschreiben, sondern "mitten in unserer modernen Zeit die Tradition der alten Rhapsoden fortführen" und "in die wilden Quellen des Dialekts, diese erste Salzflut jeder Sprache, eintauchen".

Dieses Schürfen nach alten Redeweisen und Erzählungen des Volksmunds, die von einer durch den Roman geisternden Seherin eingestreut werden, erlaubt dem Autor, die Grundmauern der Überzeugung für oder wider den abgesprungenen Pfarrer zu untergraben und tiefere Lagen freizulegen. Als Verteidiger des Ancien Régime im politischen wie im religiösen Sinn konnte Barbey d'Aurevilly das positivistische Weltbild seines in der Schlossküche mit Chemikalien experimentierenden Helden nicht gutheißen. Er breitet dessen Atheismus aber vorbehaltlos in all seinen Facetten vor uns aus und veredelt ihn durch die grenzenlose Liebe Sombrevals für seine Tochter, die er unter den gehässigen Blicken der Gemeinde auch auf ihren Kirchgängen begleitet. "Er war eine verlorene Seele", heißt es im Roman, "er glaubte nicht mehr an Gott, aber trotzen wollte er ihm nicht".

Der Autor versäumt keine Gelegenheit anzudeuten, dass das Darniederliegen von Kirche und Monarchie, mit dem Knie der Revolution auf der Brust, weitgehend selbstverschuldet ist. Eher als an einen tief empfundenen Gottesglauben klammerte der Pariser Dandy mit den extravaganten Krawatten sich wohl an die katholische Orthodoxie als eine Art "majestätischer Bau aus Verboten und vieldeutigen Zeichen", wie Pierre Klossowski in einem dem Buch beigefügten Essay schrieb. Und wie das zusammengeht, kann man in diesem fesselnden Roman nachlesen, in Erwartung der "Diabolischen Geschichten".

Barbey d'Aurevilly: Ein verheirateter Priester. Roman. Aus dem Französischen und mit einem Nachwort von Hermann Hofer sowie einem Essay von Pierre Klossowski. Herausgegeben von Gernot Krämer. Matthes & Seitz, Berlin 2020. 498 Seiten, 32 Euro.

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