Süddeutsche Zeitung

Auktionen:Gleiche Favoriten

Corinth, Liebermann, Münter, aber auch Nachkriegskunst und Zeitgenossen auf Auktionen in Berlin, Köln und München.

Von Dorothea Baumer

In Berlin, Köln und München gehen in den Tagen vom 30. Mai bis 9. Juni die wichtigsten Moderne-Auktionen über die Bühne. Für Sammler dürfte es anstrengend werden. Das Angebot ist von einem beachtlichen Volumen, wenn auch ohne überragende Spitzenwerke. Ein Blick auf die Highlights in den diversen Häusern verrät vielmehr einen heftigen Wettbewerb um die immer gleichen Favoriten in der Gunst der Käufer. Dabei ist von den expressionistischen Künstlern der "Brücke" Nennenswertes nur noch von Emil Nolde geboten, der "Blaue Reiter" behauptet sich noch mit Gabriele Münter und Alexej Jawlensky, während verstärkt die Älteren, Max Liebermann und Lovis Corinth, zum Zug kommen, um vor allem mit ihrem Spätwerk die Lücken zu füllen. Die Gewichte verlagern sich, nicht unerwartet, zunehmend in die Nachkriegs- und zeitgenössische Kunst.

Villa Grisebach ist dieses Mal das einzige Haus, das über ein Millionenlos verfügt: ein Gemälde Max Beckmanns aus dem Jahr 1942. Das Bild, ein dreißig Zentimeter schmales Hochformat, das der Künstler mit den Stichworten "weiblicher Kopf, von unten beleuchtet" in seinem Tagebuch festhielt, welches das Berliner Haus als geheimnisvolle Ägypterin vermarktet, stammt aus dem Nachlass von Barbara Göpel, der Autorin des Beckmann-Werkverzeichnisses. Es ist von herausragender malerischer Qualität, zum ersten Mal auf dem Markt und daher ein veritables Starlos, das mit einer Schätzung von 1,5 bis zwei Millionen Euro an den Start geht. In gehörigem Abstand folgt von Gabriele Münter eine Landschaft aus den ersten Murnauer Tagen, "Kohlgruberstraße" von 1908, mit einer Taxe von 350 000 Euro als höchst bewertete Arbeit der Künstlerin, die mit weiteren Gemälden in allen drei Münchner Häusern vertreten ist. Ein virtuoses Spätwerk Lovis Corinths, "Astern im Kelchglas" (1925), ist mit 250 000 angesetzt; ein torfbraunes Mädchenbildnis von Paula Modersohn-Becker, "Mädchen in Dämmerung" um 1904, mit ehrgeizigen 300 000 Euro. Günther Uecker, auch in Köln und München prominent vertreten, steuert mit dem Nagelbild "Interferenzen" von 1985 das Hauptlos der zeitgenössischen Kunst bei (500 000). Teurer mit 700 000 Euro ist ein monumentales Seestück, von Anselm Kiefer dem russischen Dichter Velimir Chlebnikow gewidmet, mit Bleiboot auf stark haptischer Struktur von 2004/05.

Das üppigste unter den aufgebotenen Wannsee-Bildern von Max Liebermann verzeichnet das Auktionshaus Lempertz mit dem Gemälde "Blumenstauden im Nutzgarten nach Südwesten", das in seinem freien gestischen Malduktus Moderne-Erwartungen bestens erfüllt (1926, 400 000 Euro). Auch das Kölner Haus setzt ambitionierte 300 000 Euro für ein frühes Modersohn-Becker-Motiv, "Kinder vor Bauernhaus", von 1901 an. Titellos der Auktion ist eins der suggestiven, ikonenhaft stilisierten "Heilandsgesichter" Alexej Jawlenskys von 1919 (400 000), aufgeboten neben einem "Mystischen Kopf: Erde" des Künstlers aus dem gleichen Jahr (200 000). Wilhelm Lehmbrucks berühmte Plastik "Büste der Knienden (Geneigter Frauenkopf)" von 1912/14 wird in einem noch zu Lebzeiten des Künstlers entstandenen Terrakotta-Exemplar aufgerufen(250 000). Im zeitgenössischen Bereich wären zwei bestechend elegante großformatige Acrylbilder auf Blei von Günther Förg aus den Neunzigerjahren zu haben, monochrome Farbfelder in Blau-Türkis, respektive Grau-Rost (je 150 000). Hauptlos ist ein um 1958 entstandenes "Achrome" von Piero Manzoni, angesetzt mit 400 000 Euro.

Mit drei hochkarätigen Werken aus der Sammlung des Saturn-Gründers Friedrich Wilhelm Waffenschmidt geht Van Ham an den Start. Bis 800 000 Euro reichen die Erwartungen für ein Ölbild Emil Noldes von 1928, ein Stillleben, das neben Blumensträußen ein afrikanisches Holzrelief in die Komposition einbezieht. Die Versteigerung von Max Liebermanns Freilichtszenerie "Gartenlokal an der Havel" aus den beginnenden Zwanzigerjahren folgt einer gütlichen Einigung mit den Erben der ursprünglichen Besitzer Dagobert und Martha David (300 000). Ansonsten wartet auch hier ein Bouquet von Lovis Corinth: "Herbstblumen in Vase", diesmal in gedeckten Farben (1924, 130 000). Als Impressionist ist Paul Gauguin mit der Landschaft "Les falaises de la Bouille" von 1884 kennenzulernen (500 000). Bei den Zeitgenossen kommen mehrere Uecker-Werke zum Aufruf. Großformatiges Hauptwerk unter den sieben Imi Knoebel-Arbeiten ist die farbstarke Gitterstruktur "Molain" (2002, 250 000).

Karl & Faber eröffnet die Münchner Auktionsserie und bietet dazu einen weiteren Blumenstrauß von Lovis Corinth mit "Tulpen, Flieder und Kalla". Das Gemälde ist zehn Jahre vor dem Berliner Bild, 1915, entstanden, brilliert ebenfalls mit malerischer Verve, was mit einem Einsatz von 250 000 Euro zu honorieren wäre. Gabriele Münter ist mit einem herben späten Winterbild, "Tauwetter im Dorf", vertreten (250 000). Aus seinem letzten Bauhaus-Jahr, 1930, stammt Paul Klees (Selbst-) "Bildnis in der Laube", ein farbiges Blatt im "pointillistischen Stil" mit Alfred Flechtheim-Provenienz (250 000). Von Max Liebermann wäre eins der "holländischen" Motive, "Reitender Junge am Strande", zu haben (180 000). Werke von Gerhard Richter und Sigmar Polke führen die Offerte der Zeitgenossen an: das abstrakte Gemälde "Grün-Blau-Rot" aus der Parkett-Serie von 1993, beziehungsweise Polkes orientalische Fotoarbeit "Quetta" aus den Siebzigern (Taxen 350 000, 200 000 Euro).

Auch bei Neumeister, wo man das Angebot zum sechzigjährigen Firmenjubiläum etwas weiter fasst und beispielsweise eine im Kontext der Moderne stehende Offerte afrikanischer Kunst mit einbezieht, stellt Gabriele Münter eins der Toplose. 1908 ist ihr kleiner Karton einer Murnauer "Dorfstraße" entstanden, frisch, auffallend lapidar und mit breitem Pinsel umrissen (150 000 Euro). Aus etwa der gleichen Zeit stammt eine spätimpressionistische Szene aus dem Pariser Jardin du Luxembourg des Amerikaners Maurice Prendergast (100 000).

Mit wichtigen Emil-Nolde-Blättern, einer dämmerblauen Gabriele-Münter-Landschaft, "Haus am Hang", von 1940 und vier Alexej-von-Jawlensky-Motiven aus den verschiedenen Schaffensphasen, darunter das frühe Murnau-Bild "Gelbe Häuser" (1908, 250 000 Euro), sucht Ketterer zu reüssieren. Ein heimlicher Star der Offerte ist die malerisch bewegte Lovis-Corinth-Landschaft "Luzernersee am Vormittag" von 1924, bis 1937 im Besitz der Staatsgalerie in München, nun auf mindestens 300 000 Euro geschätzt. Starke Akzente in der Kunst nach 1945 setzen nicht nur Günther Ueckers Nagelbild "Woge, Japan" von 1995 mit einer Taxe von 600 000 bis 800 000 Euro (neben einem kleineren "Feld (For Ezra Pound)" von 1999 für 140 000), sondern ebenso Ernst Wilhelm Nays prachtvolles Gemälde "Purpurmelodie" von 1951 aus der Serie seiner "Fugalen Bilder" (200 000), ein Rasterbild Sigmar Polkes aus den Neunzigern (280 000) oder das Sechziger-Jahre-Gemälde "Der Chefideologe" in Konrad Klaphecks unverwechselbarer Handschrift (180 000). An der Spitze aller aufgebotenen Großformate: Tony Craggs Monumentalplastik "Point of View" von 2002 mit 252 Zentimetern (300 000).

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SZ vom 26.05.2018
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