Auktion Stier im Porzellanladen

In den Vierzigern entdeckte Picasso die Keramik für sich. Bis zu seinem Tod schuf er rund 4000 Stücke. Lange galten die Arbeiten als zweitrangig, heute erzielen sie teils Preise im Millionenbereich.

Von Ulrich Clewing

Am 28. Juli 1946, einem Sonntag, betrat Pablo Picasso nach einem ausgiebigen Frühstück gegen elf Uhr vormittags die Coopérative Agricole Nérolium in Vallauris, um sich eine Ausstellung der örtlichen Töpfergenossenschaft anzusehen. Dies sollte ungeahnte Folgen haben. Gleich am nächsten Tag suchte er die Keramikwerkstatt von Suzanne und Georges Ramié auf und ging nicht eher, bis er dort drei Skulpturen aus Ton geformt hatte. So begann eine Leidenschaft, die bis zu seinem Tod im Jahr 1973 anhielt.

Kurz nach dem Besuch der Ausstellung in Vallauris erwarb er die Villa La Galloise an der Côte d'Azur. Von nun an war er regelmäßig zu Gast bei den Ramiés. Besonders Suzanne half ihm anfangs viel. Picasso lernte schnell, aber da er zum ersten Mal mit Ton arbeitete, fehlten ihm die grundlegenden Techniken. Auch das Gespür, was mit dem Material alles möglich war, entwickelte er erst mit der Zeit. Doch er machte sich mit der ihm eigenen unbändigen Energie an die Arbeit.

So entstanden in den kommenden 25 Jahren zusätzlich zu seinen Gemälden, Skulpturen, Zeichnungen und Grafiken noch rund 4000 Keramiken. Das heißt, dass er im Durchschnitt jeden zweiten Tag einen neuen Gegenstand aus Ton formte. Dazu muss man noch jene 600 Vasen, Schalen und Teller zählen, die Picasso als Auflagenobjekte auswählte. Für diese Editionen lieferte er die Vorlagen, nach denen die geschickten Kunsthandwerker in Suzanne und Georges Ramiés "Madoura"-Werkstatt die Stücke bemalten. Dabei schwankten die Auflagen je nach Werk zwischen 25 und 500 Exemplaren.

Ist das Kunst? Design? Kunsthandwerk? Experten halten diese Frage für falsch

Diese Produktivität hat der Kunstmarkt den Nachfahren von Picasso und den Ramiés in den letzten Jahren mit zum Teil exorbitanten Preissteigerungen gedankt - was für sich nicht unbedingt eine Überraschung ist. Der Spanier, der ab 1904 in Paris lebte, ist auch in dieser Hinsicht ein Jahrhundertkünstler. Erst vor fünf Wochen erzielte eines seiner eher mittelmäßigen Gemälde, das zu einem Schlüsselwerk der Résistance stilisierte Bild "Tomatenpflanze am Fenster" vom August 1944, bei einer Sotheby's-Auktion in London inklusive Käuferaufschlag mehr als 17 Millionen Pfund.

Etwas erstaunlicher ist da schon die Tatsache, dass bei den Preissprüngen für seine Keramik bisher zwischen Unikaten und den "Madoura"-Editionen kaum ein Unterschied bestand. Natürlich werden erstere im Allgemeinen teurer bezahlt. Doch was die Steigerungen in Prozent betrifft, können die Editionen in der Preisentwicklung durchaus mithalten.

In den vergangenen fünf Jahren wurden schwindelerregende Regionen erreicht. So wechselte 2013 der Prototyp für Picassos "Grand vase aux femmes voilées", die große Vase mit den (im übrigen nicht sehr stark) verhüllten Frauen, die später in einer Auflage von 25 produziert wurde, bei Christie's für knapp eine Million Pfund den Besitzer - enorm viel Geld für Töpfergut.

Picasso war Kommunist. Er sah in der Keramik die Chance, Kunst für alle zu schaffen

Am Montag findet beim Konkurrenten Sotheby's in London die nächste Auktion mit Keramiken von Picasso statt. Rund 80 Lose werden aufgerufen, zu Schätzungen zwischen 1000 Pfund für einzelne Teller und 150 000 Pfund für die Vase "Gros oiseau visage noir", ein Gefäß, in dem man mit etwas Fantasie eine stehende Eule erkennen kann, die ein Gesicht auf dem Bauch trägt. Bleibt die Frage nach dem Rang dieser Arbeiten. Ist das noch Kunst? Oder schon Gebrauchskunst, Design, Kunsthandwerk, eine Gattung zweiter Klasse?

Experten wie Imogen Kerr von Christie's in London halten diese Unterscheidung für unangebracht. Picasso habe für seine Keramiken sehr spezifische Motive entwickelt und bei manchen Stücken auch mit der Mehrdeutigkeit des Materials gespielt. Etwa, wenn er einen großen Obstteller mit einem Stillleben darauf formte, und der Teller so selbst Teil des Stilllebens wurde. Bei anderen Objekten, besonders bei Gefäßen, habe er sich, so Kerr, gerne an antiken Vorbildern orientiert, an griechischen rotfigurigen Vasen aus Attika zum Beispiel.

Das könne man nach den Arbeiten der frühen Zwanzigerjahre daher als seine zweite klassische Phase betrachten: "Man sieht dort Feiern und Trinkgelage, Tänzerinnen, Figuren aus der Mythologie, Faune, die Panflöten spielen, aber alles in der für Picasso typischen, sehr zeitgenössischen Darstellungsform." Auch der Stierkampf, der den Künstler seit jeher faszinierte, taucht hier als Motiv auf. Ganze Service gibt es davon.

Picasso selber hätte die Frage wahrscheinlich gar nicht verstanden. Er betrieb alles, was mit Gestaltung zu tun hatte, mit so großem Selbstbewusstsein und Ernst, dass er wohl nie auf die Idee gekommen wäre, ein Teil seines Œuvres könne zweitrangig sein. Im Gegenteil: Er sah in der Keramik eine Chance, "Kunst für alle" zu schaffen. Ende der Vierzigerjahre war er bereits ein gefeierter Maler, der für seine Bilder Summen verlangen konnte, die längst nicht mehr jeder aufzubringen imstande war.

Aber Picasso war auch Kommunist und Mitglied der Partei. Offenbar hoffte er, den Konflikt, der sich zwangsläufig daraus ergab, mit Hilfe seiner Keramik zu lösen. Alain Ramié, der mittlerweile über 70-jährige Sohn von Suzanne und Georges und als Verfasser des gültigen Werkverzeichnisses zur "Madoura-Keramik" die Instanz in allen Marktfragen, erinnert sich, dass Picasso oft bei seinen Eltern in der Werkstatt gestanden habe und sich freute, dass sich jetzt endlich jeder einen echten Picasso leisten könne.

Das große Drama, die Abgründe, Tragödien und Untiefen, die sein Werk noch in den Dreißigerjahren ausgezeichnet haben, darf man bei der Keramik allerdings nicht erwarten. Es überwiegen fröhliche Motive. Aber auch das war kein Zufall. Als Picasso begann, sich mit Ton zu beschäftigen, war nicht nur gerade der Zweite Weltkrieg vorbei. Auch für ihn ging eine schwierige Lebensphase zu Ende, und eine neue, bessere kündigte sich an.

Nachdem ihn Françoise Gilot verlassen hatte, lernte er - Laune des Schicksals - bei den Ramiés die junge Jacqueline Roque kennen, die dort als Verkäuferin arbeitete. Sie wurde seine letzte Lebensgefährtin und blieb bei ihm, bis er starb. Die Fünfziger- und Sechzigerjahre waren für ihn eine Zeit relativer Unbeschwertheit, das merkt man allen seinen Werken dieser Zeit an, nicht nur den Keramiken.

Am Ende hat sich die Sache, die mit einem Ausflug an einem Sonntag Vormittag im Juli 1946 begann, für alle Beteiligten gelohnt. Auch für die Ramiés: Durch Picasso zog ihre Werkstatt andere Künstler an. Alle wollten sie wie der große Spanier den Ton formen und bemalen: Marc Chagall kam und Alberto Giacometti, Le Corbusier, Jean Arp und Germaine Richier. Und natürlich Henri Matisse, Picassos langjähriger heimlicher Gegenspieler, der es sich nicht nehmen ließ, das Ganze auch mal zu probieren. Doch so konsequent wie Picasso war keiner von ihnen.