Auktion bei Sotheby's in New York Rekordsumme für Munchs "Schrei" erwartet

Die Kunstwelt ist in Aufregung: In der Nacht zum Donnerstag könnte "Der Schrei" von Edvard Munch bei einer New Yorker Auktion für eine Rekordsumme verkauft werden. Doch die Versteigerung wird von heftigen Vorwürfen gegen den aktuellen Besitzer des Gemäldes überschattet.

Eines der berühmtesten Gemälde der modernen Kunst kommt in der Nacht zu Donnerstag unter den Hammer: In New York wird bei Sotheby's das Bild "Der Schrei" des norwegischen Expressionisten Edvard Munch versteigert. Sotheby's geht davon aus, dass das Bild für mehr als 80 Millionen Dollar (umgerechnet etwa 60 Millionen Euro) den Besitzer wechseln könnte, bezeichnete den Ausgang aber als "unberechenbar". Dieser Schätzpreis ist der höchste, der je für ein Pastell angegeben wurde.

Ob der geltende Auktionsrekord - aufgestellt vor zwei Jahren mit 106,5 Millionen Dollar für Picassos "Akt mit grünen Blättern und Büste" - gebrochen werde, wagte Simon Shaw, Sotheby's Chef der Abteilung für Moderne Kunst, nicht vorhersagen: "Wir sind sehr gespannt." Es sind zwar noch teurere Verkäufe bekannt, Jackson Pollocks "No. 5" etwa kostete vor gut fünf Jahren satte 140 Millionen Dollar. Doch das waren Privatgeschäfte, keine Auktionen.

Bei dem nun zum Verkauf stehenden Stück handelt sich um eines von vier Exemplaren des Gemäldes, das einen stilisierten Mann zeigt, der unter einem blutroten Himmel mit verzerrtem Gesicht einen Schrei ausstößt. Das 1895 von Munch gemalte Bild gilt als Symbol für die Ängste und Verunsicherung des modernen Menschen und ist bis hin zu T-Shirt- und Kaffeetassenaufdrucken populär geworden.

"Wir sind mit dem Verkauf nicht einverstanden"

Die Nachfahren des jüdischen Kunstsammlers Hugo Simon haben die bevorstehende Versteigerung indes als unmoralisch kritisiert. Rafael Cardoso, der in Brasilien lebende Urenkel des Sammlers, sagte der Tageszeitung Die Welt: "Wir sind mit dem Verkauf nicht einverstanden." Sein Vorfahr sei in der Zeit des Dritten Reichs aus Deutschland geflohen und habe das Bild im Exil aus Not verkauft. "Wir meinen, es ist eine wichtige moralische Angelegenheit, die Fehler der Vergangenheit zu korrigieren", so Cardoso weiter. Laut Welt sind er, seine Mutter und sein Bruder die einzigen lebenden Nachfahren des Sammlers.

Dem jetzigen Eigentümer Petter Olsen wirft Cardoso vor, die Auktion ethischer Bedenken zum Trotz durchzuführen. Ein Angebot von Olsens Anwälten, 250.000 US-Dollar für einen gemeinnützigen Zweck zu spenden, wenn sie der Versteigerung zustimmten, sei in den Augen der Familie ein Zeichen dafür, dass die fragwürdige Herkunft des Werkes bekannt sei.

"Jetzt scheint die Zeit gekommen"

Thomas Olsen, der Vater des aktuellen Besitzers Petter Olsen, hatte vor gut 100 Jahren in Hvitsten bei Vestby in Südnorwegen einen neuen Nachbarn bekommen: Edvard Munch. Das Bild ging durch viele Hände, bevor Thomas es um 1937 erwarb. Sohn Petter will mit dem Verkauf des Meisterwerkes ein Museum für Munch (1863-1944) bauen. "Ich habe mein ganzes Leben mit diesem Werk gelebt, und seine Kraft und Energie sind mit der Zeit nur noch stärker geworden", zitierte das Auktionshaus Sotheby's den Sammler. "Jetzt jedoch scheint die Zeit gekommen, dem Rest der Welt die Chance zu geben, dieses bemerkenswerte Werk zu besitzen und zu bewundern."

Die anderen Versionen des "Schreis" befinden sich in norwegischem Staatsbesitz; eine zeigt das Nationalmuseum, die beiden anderen das Munch-Museum in Oslo. Sowohl das Exemplar im Nationalmuseum als auch eines der Gemälde aus dem Munch-Museum waren bereits zur Beute von Räubern geworden. Beide Bilder konnten jedoch wieder sichergestellt werden. Die New Yorker Version wird von Sotheby's als die farbstärkste und eindrücklichste beschrieben. Es ist auch die einzige Version, deren Rahmen vom Künstler selbst gestaltet wurde.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sei das Bild schon ein Faszinosum gewesen, sagte der Co-Chef der Modernen Kunst bei Sotheby's, David Norman. "Aber dann kamen Zweiter Weltkrieg und Holocaust und mit einem Mal hat die Welt dieses Bild ganz anders gesehen. Es drückte die Gefühle der ganzen Menschheit aus."