Augustus-Roman Einsame Spitze

John Williams hat mit "Stoner" viele Leser gerührt. Sein dritter Roman wagt sich an ein historisches Thema - den römischen Kaiser Augustus. Seine Macht, seine Intrigen, seine Einsamkeit.

Von Johan Schloemann

Auch Kaiser haben mal Probleme. Dieser hier sagt am Ende seiner Tage: "Ich bin zu der Ansicht gekommen, dass im Leben eines jeden Menschen früher oder später der Moment kommt, in dem er - über das hinaus, was er sonst noch versteht, und unabhängig davon, ob er sein Verstehen in Worte fassen kann - die schreckliche Tatsache begreift, dass er allein ist, getrennt von allen anderen, und dass er niemand sonst sein kann als dieses arme Geschöpf, das er nun mal ist."

Oh je. War es so schlimm, der mächtigste Mann der Welt zu sein? War es so lonely at the top, so einsam dort oben? Man kriegt ja regelrecht Mitgefühl mit dem Mann, dessen große europäische Zivilisationsleistung teuer erkauft war, mit Terror, Unnahbarkeit, Propaganda, raffinierten Machtspielen, Bürgerkrieg und Militärdiktatur. Die Rede ist von Gaius Octavius, auch Oktavian genannt, der sich als adoptierter Erbe Julius Cäsars bald Imperator Caesar nannte, frech behauptete, alte Sitten und Tugenden wiederherzustellen, und dann den Ehrentitel Augustus bekam, "der Erhabene".

Und die Zivilisationsleistung ist das Römische Reich, das nach Jahren der Brudermorde und der De-facto-Abschaffung der Republik im Inneren lange Zeit friedlich, wohlhabend, stabil war. Und außerdem voll von Marmorbauten, Wasserleitungen, Straßen, Schulen, Theatern, Künstlern, Dichtern, Einkaufsmöglichkeiten und geheizten Bädern. Das goldene Zeitalter war ein blutiger Frieden, heißt es bei dem Historiker Tacitus. Dass der brutale Augustus all diese wunderbare Kultur und Infrastruktur hinterließ, erinnert ein wenig an das Argument, Adolf Hitler habe doch immerhin die Autobahnen gebaut.

Das Gefühl existenzieller Einsamkeit aber, das der zitierte Satz ausdrückt, dieses Gefühl ist nun gerade nicht eine spezifische Alleinherrschersorge, kein Sonderfall von Führungskräfteschwermut. Es soll auf jeden Menschen lauern. Der wiederentdeckte amerikanische Schriftsteller John Williams hat jenen Satz dem ersten Kaiser Roms in den Mund gelegt, in dem 1972 erschienenen Roman "Augustus", der jetzt zum ersten Mal auf Deutsch erscheint. Der Satz könnte aber auch gut von Stoner stammen, also von William Stoner, dem Titelhelden des 1965 erschienenen Romans "Stoner". Dieses Buch ist in den letzten Jahren, fünfzig Jahre nach Erscheinen und zwanzig Jahre nach dem Tod des Autors, weltweit zu einem Überraschungserfolg geworden, auch hierzulande.

So nah, so fern: Bronzekopf des Augustus aus Meroë (im heutigen Sudan), um 25 v. Chr.

(Foto: Trustees of the British Museum)

Viele "Stoner"-Leser waren und sind fasziniert davon, dass sie die ruhig und illusionslos erzählte Geschichte eines mittelmäßigen Literaturdozenten an einem mittelmäßigen College derart faszinieren kann. Stoner bewahrt sich eine Art tragische Integrität inmitten eines unerfüllten Lebens, in einer Geschichte, die einfach, klug und bewegend zugleich ist. Weil "Stoner" damit so einschlug, werden jetzt überall auch die anderen beiden Romane, die John Williams abgesehen von einem Probestück und Gedichten veröffentlicht hat, neu herausgebeben, der Anti-Western "Butcher's Crossing" von 1960 und eben "Augustus". John Williams war zu Lebzeiten keine große Nummer, er unterrichtete Jahrzehnte lang Literatur und kreatives Schreiben an der Universität Denver. Für den Augustus-Roman durfte er sich immerhin den "National Book Award" des Jahres 1973 mit einem anderen Preisträger teilen, aber mehr Ruhm als 10 000 verkaufte Exemplare gab es auch dafür nicht.

Die entscheidende Frage für alle bekennenden und potenziellen "Stoner"-Fans ist nun natürlich: Wird man mit diesem Buch, das im alten Rom spielt, auch so unglücklich glücklich? Es fällt nämlich nicht mühelos in die Kategorie "Leser, die dieses Buch kauften, mochten auch . . .". Und trotzdem lautet die Antwort: Ja - wenn man bereit ist, das Allgemeinmenschliche in einer erst einmal viel fremderen Welt zu entdecken und sich auf eine andere literarische Technik einzulassen.

Das Buch behandelt nämlich in seinen drei Teilen den unerhörten, skrupellosen Aufstieg Oktavians mit seinen Siegen über die Cäsarmörder, über Antonius und Kleopatra und über sonst alle; nach Erringung der Herrschaft dann die Intrigen, die berühmten Dichter, die dynastischen und moralischen Familienprobleme der augusteischen Ära; und am Ende auf fünfzig Seiten Augustus' eigene Bilanz, formuliert zehn Tage vor seinem Tod mit 76 Jahren im Jahr 14 nach Christus, auf seiner letzten Reise nach Capri und Kampanien. Und das Erzählgenre ist der Briefroman, genauer eine Montage von Tagebüchern - darunter das von Julia, der wegen Ehebruchs von ihm verbannten Tochter des Augustus -, von Memoiren, etwa von seinem Feldherrn und Bauherrn Agrippa, von Briefen von Cicero, dem Geografen Strabon, den Dichtern Horaz, Vergil und Ovid, von Senatsprotokollen, satirischen Gedichten und Militärbefehlen. Aus all dem setzt sich die Story zusammen, in gewisser Weise die Fortsetzung von Thornton Wilders Briefroman "Die Iden des März" aus dem Jahr 1948.

Zuallererst muss man den unglaublichen Wagemut von John Williams bewundern. Denn alle diese geschickt verteilten "Dokumente" sind bis auf kleine Ausnahmen von ihm erfunden. Das ist deswegen so mutig, weil einerseits kaum eine Epoche des Altertums so viele echte Quellen und Briefe bietet wie der Bürgerkrieg und der Untergang der Republik; und weil es andererseits in der Überlieferung viele blinde Flecken gibt, deren fiktive Ausfüllung aber im Vergleich leicht peinlich und ungelenk ausfallen könnte. Williams gelingt es aber bravourös, die historische Atmosphäre zu wahren und zugleich die vergangenen Zeitgenossen mühelos "normal" reden zu lassen.

John Williams (1922-1994) ist posthum Bestsellerautor geworden.

(Foto: dtv)

Er wollte die antiken Figuren nicht platt aktualisiert verstanden wissen - "fest entschlossen, nicht Henry Kissinger in einer Toga auftreten zu lassen", hat Williams in seinen Aufzeichnungen notiert. Und doch ist es verblüffend, wie gegenwärtig vieles klingt, etwa wenn Mark Anton berichtet: "Octavius, dieses Milchgesicht, ist gestern Vormittag zu mir gekommen. Er ist seit etwa einer Woche in Rom und führt sich auf wie eine trauernde Witwe, nennt sich Cäsar und gibt auch sonst allen möglichen Unsinn von sich." Und etwas später: "Er ist ein dermaßen kaltblütiger Fisch, dass ich ihn fast schon wieder bewundere." Oder wenn ein Zugereister über die Römer notiert: "Es sind wirklich außergewöhnliche Menschen. (. . .) Man möchte meinen, sie könnten weder Sicherheit noch Frieden noch Wohlstand ertragen."

Dass dieses Buch eine spannende Geschichte aus einer revolutionären Epoche der Weltgeschichte erzählt, von der Macht und ihrem Preis (das tut es, wenn man ein bisschen einsteigt, durchaus), das ist also nicht allein der Grund, warum man es gerne liest. Dann könnte man auch diverse andere Bearbeitungen des Stoffs verschlingen, die Biografien der Althistoriker oder jüngste Gesamtdarstellungen von Greg Woolf ("Rom"), Mary Beard ("SPQR") oder Tom Holland ("Dynastie"). Nein, das Besondere ist, wie John Williams mit seiner klaren, beweglichen Sprache Licht auf Charaktere wirft, die einem wie Figuren des menschlichen Lebens selbst erscheinen.

John Williams hat in einem Brief über den Roman gesagt, Augustus sei zwar kein College-Professor wie "Stoner", aber er sei "in dasselbe Drama von inneren versus äußeren Werten involviert". In der Vorbemerkung schreibt er, es gehe ihm "um literarische, nicht um historische Wahrheit". Und so kommt es, dass inmitten bunteren Personals die Zentralfigur selbst, der Kaiser, der schon in der Antike als Chamäleon galt, gerade nicht persönlich greifbar wird - sondern eine Ausnahmeerscheinung und ein trauriger Jedermann zugleich.

John Williams: Augustus. Roman. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. dtv, München 2016. 475 Seiten, 24 Euro. E-Book 19,99 Euro.