Augustin Hadelich:Der Geiger, der durchs Feuer ging

Augustin Hadelich: An seiner Geige und der Liebe zur Musik hat er immer festgehalten: Augustin Hadelich.

An seiner Geige und der Liebe zur Musik hat er immer festgehalten: Augustin Hadelich.

(Foto: Rosalie O'Connor)

Augustin Hadelich überlebte als Kind eine Brandexplosion mit schweren Verletzungen und ist heute ein international bekannter Violinist. Die Musik gibt ihm Halt.

Von Harald Eggebrecht

Dies ist nicht die übliche Story vom Wunderknaben, der schon in früher Kindheit Staunen erregendes Talent zeigt, rasch entdeckt und von großen Lehrern gefördert wird, dann erste Erfolge verzeichnet und schließlich kontinuierlich an die Weltspitze vordringt. Augustin Hadelichs Karriere hätte wohl genau diesen Verlauf genommen, wäre es nicht sehr anders gekommen. Dass dieser Musiker heute zu jenen gehört, die in den nächsten Jahrzehnten die Kunst des Violinspiels mit prägen werden, ist ziemlich sicher, dass er überhaupt so weit gekommen ist, eher wundersam. Denn Augustin Hadelich erlebte eine Katastrophe, die die Chance, seine Begabung voll auszuschöpfen, zu zerstören schien.

Hadelich wurde 1984 im toskanischen Cecina als Sohn deutscher Eltern geboren. Schon früh zeigte sich die musikalische Begabung, der Junge komponierte, spielte ausgezeichnet Klavier und geigte bewunderungswürdig. Uto Ughi, Christoph Poppen und andere unterrichteten Augustin. Alles schien den prognostizierten Verlauf zu nehmen. Dann geschah 1999 im Elternhaus eine Explosion mit Brand. Augustin Hadelich erlitt schwerste Verbrennungen am Oberkörper und an der rechten Hand, auch das Gesicht wurde in Mitleidenschaft gezogen. Doch vier Finger der linken Hand blieben verschont. Eine Unzahl von medizinischen Eingriffen musste Hadelich über sich ergehen lassen. Trotz allem überdauerte die Musik als seine Leidenschaft. Er überwand mit Berge versetzender Energie und außergewöhnlicher Willenskraft die Folgen des Unfalls und gewann 2006 den wichtigsten Violinwettbewerb der USA in Indianapolis mit Bravour. Seitdem ist Hadelich in den Vereinigten Staaten einer der erfolgreichsten Violinisten. Inzwischen wächst auch in Europa sein Ruf.

Hadelich selbst sieht den Unfall eher nüchtern und wehrt sich gegen Thesen, dass erst großes Leiden den großen Künstler ausmacht, solche katastrophischen Erfahrungen das Talent früh reifen lassen. Ansichten dieser Art geistern auch immer herum, wenn beklagt wird, dass es heutzutage nicht mehr solche charismatischen Meister gebe wie die Geiger Menuhin oder Oistrach, wie die Dirigenten Furtwängler oder Toscanini, wie die Cellisten Casals und Rostropowitsch oder wie die Pianisten Rubinstein und Horowitz. Die hätten doch hochdramatische Erfahrungen mit Kriegen und Verfolgungen gemacht, so etwas präge die Künstler existenziell. Nun, der große Violinweise Ivry Gitlis, selbst von Krieg, Todesgefahr und Flucht gezeichnet, hat gegen dergleichen Vorurteile sarkastisch eingewandt, ob man dann extra Kriege führen, Lager einrichten und anderes Unheil über die Menschen bringen solle, damit junge Musiker genug prägende Erlebnisse hätten, die ihre Kunst vertiefen könnten.

Hadelich sieht den Unfall zwar als tiefen Einschnitt, weil er gleichsam von Neuem beginnen musste, aber mit zunehmender Distanz zum Ereignis sieht er auch dessen Bedeutung schwinden. Er versteht sich nicht als der Geiger, der aus dem Feuer kam, sondern vielmehr als jemand, dem die Liebe zur Musik Halt und künstlerische Substanz gegeben hat.

Er konzertiert rund um die Welt und hat auch schon ein paar CDs aufgenommen. Die jüngste (Avie) widmet sich dem 2. Violinkonzert von Béla Bartók und dem berühmten Konzert von Felix Mendelssohn Bartholdy. Gerade dieses bekannte Stück bereitet jungen Violinisten oft Schwierigkeiten. Es ist, als fänden sie zur melodischen Schönheit, der nervösen Entflammtheit, der Sehnsucht nach lyrischer Emphase und der prickelnden rhythmischen Eleganz dieses Meisterwerkes keinen rechten Zugang, so als sei Mendelssohns Klangwelt doch sehr fern gerückt. Aber Hadelich spielt das mit ungewohnt ernsthafter Leichtigkeit, mit verhaltener Wehmut und, um es altmodisch zu sagen, reiner Empfindung. So kommt er dem Charakter und der Idee des Stückes wieder nah.

All das kennzeichnet auch sonst sein Spiel. Bei einem Auftritt beim SWR-Orchester in Stuttgart bot Augustin Hadelich das Konzert von Antonin Dvořák nicht als vermeintlich "böhmisches Husarenstück", sondern als vielfältig gestaltete Landschaft, mit eher hell timbriertem Ton, virtuos ohne Blenderei und frei von Forcierungen. Kein Zweifel, dieser Geiger ist ein echter Musiker.

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