Augsburger Friedensfest:Von NSU bis Sadomaso

Lesezeit: 2 min

Eine Tagung fragt, wie frei Literatur sein kann

Von Thomas Jordan, Augsburg

"Schöne, kontroverse Diskussionen, die über den Tag hinaus andauern", hatte sich die Organisatorin der Augsburger Gespräche zu Literatur und Engagement, Stephanie Waldow gewünscht. Stattdessen begann der Abend mit einem etwa halbstündigen Referat der Schriftstellerin Sybille Lewitscharoff. Nun muss man der Tagung, die 2019 zum zweiten Mal im Rahmen des Augsburger Friedensfestes stattfand, zugute halten, dass sie Work-in-Progress-Charakter hat: Ihr Herzstück sind die mehrtägigen, nichtöffentlichen Workshops von Schriftstellern und Studenten. Ausgangspunkt für die Augsburger Gespräche ist die Beobachtung, dass sich Autoren seit einigen Jahren wieder intensiver in gesellschaftspolitische Debatten einmischen und sich lieber auch außerhalb rein ästhetisch-formaler Diskurse zu bewegen. Anlässe dafür gibt es in Zeiten drängender Themen wie dem Sterben auf dem Mittelmeer und der Erderwärmung genug.

Nachdem es bei der Premiere im vergangenen Jahr um Literatur und Utopie gegangen war, stand dieses Mal das Thema Freiheit im Mittelpunkt. Und es zeigte sich bei der öffentlichen Podiumsdiskussion: Das Schöne an der Belletristik ist, dass sie prinzipiell erst mal gar nichts muss. Sie muss sich schon gar nicht auf ein vorgegebenes Thema beschränken. Auch wenn dieses ausgerechnet die Freiheit der Literatur selbst ist. So näherten sich die auf dem Podium in der Neuen Stadtbücherei diskutierenden Schriftsteller Sybille Lewitscharoff, Kathrin Röggla und Christoph Peters auf ganz eigenen, mitunter verschlungenen Pfaden dem Tagungsgegenstand.

Lewitscharoff, die 2014 mit ihrer Fundamentalkritik an künstlicher Befruchtung für kontroverse Diskussionen gesorgt hatte, berichtete von den sexuellen Abgründen des Berliner Nachtlebens. Bei der Recherche zu ihrem neuen Roman, in dem es um eine moderne Version des Jüngsten Gerichts geht, sei sie auf eine Tonaufnahme einer 40-Jährigen Berlinerin gestoßen. Das Kirchenchormitglied berichte darin mit zunehmend selbstbewusster Stimme von ihren sadistischen Praktiken in Berliner Clubs. Selbst bei dieser Form der sexuellen Freiheit geht's nicht ohne Regeln: Teilnehmer müssten vor Betreten acht Seiten Regeln unterschreiben.

Einen rechtspolitischen Zugang zum Thema wählte die österreichische Autorin Kathrin Röggla. Sie las Abschnitte aus ihrem Romanprojekt zum NSU-Prozess, den sie im Gerichtssaal in München verfolgt hatte. Ein wichtiger Grund für ihr Schreiben sei, dass sie mit dem Ausgang des Prozesses nicht zufrieden ist. Auch Angehörige der Opfer hatten das Urteil 2018 als zu milde kritisiert. Welche Freiheit sich ein fiktionaler Text im Umgang mit dokumentarischen Fakten nehmen darf, wollte Waldow daraufhin von Röggla wissen. Wäre es für die Autorin denkbar, in ihrem Roman zu einem anderen Urteilsspruch zu kommen? Nein, in ihrer Fiktion setze sie vielmehr an den Zuschauern des Verfahrens an, sagte Röggla, über deren unterschiedliche Perspektiven ein anderer Blick auf den NSU-Prozess möglich wird.

Dass es bei der Freiheit der Literatur neben den Entscheidungen der Autoren auch darum geht, welche Erwartungen aus der Gesellschaft an Texte herangetragen werden, wurde in einer Zuschauerfrage an den Schriftsteller Christoph Peters deutlich: ob man Peters Roman "Das Jahr der Katze", in dem es um einen Yakuza, einen Angehörigen der japanischen Mafia geht, als Aufruf zur Gewaltverherrlichung verstehen müsse? Ihm sei wichtig, die Ambivalenzen im menschlichen Umgang mit Gewalt sichtbar zu machen, sagte der Autor. An Märtyrerbildern zeige sich, dass Gewalt mitunter ästhetisch faszinierend und unerträglich zugleich sein könne, sagte Peters und erzählte davon, wie er seine halbe Kindheit vor einem Altar des Heiligen Georg in seiner Heimatstadt verbracht habe. Auf die Frage nach der Freiheit der Literatur, so zeigte es sich an diesem Abend, antworteten die Autoren am liebsten mit ihren Geschichten.

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