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Augsburg:Warten auf die Revolution

"Alle rennen nach dem Glück, das Glück rennt hinterher", heißt es in Brechts Lied von der Unzulänglichkeit des menschlichen Strebens, das der Münchner Rapper Fatoni fürs Festival einstudierte und performte. Seine Fans schienen zumindest über seinen Auftritt sehr beglückt.

(Foto: Christian Menkel)

Das Brecht-Festival eröffnet mit dem ersten Teil eines groß angelegten Spektakels und einem ausgedehnten Band-Marathon, beides Kaleidoskope, derer man nur mit Verzicht Herr wird

Dem Augsburger Oberbürgermeister Kurt Gribl geht bei seiner Begrüßung vielleicht das kleine Riesenrad im Kopf herum, jedenfalls sagt er, er entdecke selbst gerade Orte, an denen er noch nie war, und außerdem teile er die These nicht, wonach Brecht vernünftig sei und ihn deshalb jeder verstehe. Es ist Brecht-Festival in Augsburg, dieses beginnt mit einem Spektakel, Teil 1, und deshalb steht im Martini-Park ein Riesenrad, deshalb gibt es Popcorn und der ganze Laden brummt. Ist ja auch Staatsaktion, wenn die Stadt und das Staatstheater zusammen den, wie man stets so schön sagt, größten Sohn Augsburgs feiern, egal, was der von Augsburg hielt.

Mit diesem Jahr sind fürs Festival zuständig Tom Kühnel und Jürgen Kuttner, und deren Ansatz beschreibt Kuttner bei der Begrüßung, Helmut Schmidt zitierend, so: "Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen, wir sind nach Augsburg gegangen." Die Visionen sahen dann bezüglich des Spektakels so aus: Wer etwas beizutragen hat, soll beitragen, ob er vom Staatstheater kommt oder vom Gymnasium St. Stephan, ob er rappt, singt, Musik macht, Texte rezitiert, schauspielt oder Unsinn macht. Dann bedankt sich Kuttner noch bei der "werktätigen Bevölkerung", also den Technikern, für die im Normalfall des Theaterbetriebs gelte, dass man die im Dunkel nicht sieht, eine Erkenntnis, die Kühnel&Kuttner auch dazu brachte, Girisha Fernando, dem an sich eigenständig handelnden Kurator der Langen Brechtnacht, also des zum Brecht-Festival dazugehörigen Bandmarathons, einen Künstler sehr ans Herz zu legen, den Voodoo Jürgens aus Wien. Denn der Voodoo singt auch über die, über die sonst keiner singt, über die, die durch die Nacht treiben, wenn die letzte Kneipe geschlossen ist, die nichts sind, nichts haben, außer des Voodoos Liebe.

Viel Brecht war in der Brechtnacht traditionell nicht immer drin, doch diesmal versuchte Fernando eine Brechtsche Klammer zu spannen. Etwa, indem er die Musiker einlud, sich in einem Song mit Brecht auseinanderzusetzen. Das wurde von einigen gewissenhaft umgesetzt, von anderen ignoriert, vielleicht will eine Band wie The Notwist einfach auch ihr eigenes Ding machen, wobei die Gebrüder Acher ja auch bei der "Dreigroschenoper" im Münchner Volkstheater für die Livemusik verantwortlich sind. Fatoni jedenfalls, der Rapper, auf den man in München so stolz ist, der aber längst in Berlin lebt, hat brav "Das Lied von der Unzulänglichkeit des menschlichen Strebens" einstudiert und zupft es kichernd nach seinen ersten Partynummern auf der Akustikgitarre, was seine Fans amüsiert bis irritiert. Er singt zwar deutlich schlechter zur Gitarre, als er rappt, aber hey, wann hat man schon mal die Chance, einen Rapper Brecht singen zu hören? Eben.

Der Kongress am Park, wo die Brechtnacht diesmal stattfindet, ist ein etwas biederer, aber dafür ausreichend weitläufiger Ort für eine Musiknacht mit 2200 Besuchern, so dass keine Beklemmungsgefühle beim Umherwandern aufkommen müssen. Wer sich allerdings für den mitternächtlichen Auftritt von Spaßmacher Fatoni entscheidet, muss leider Voodoo Jürgens verpassen, der nebenan im kleineren Saal Baramundi zeitgleich neben den lustigen Liedern aus dem dunklen Wien die "Zuhälterballade" spielt - und das in feinstem Hochdeutsch, wie man sich berichten lassen kann, denn Voodoos Auftritt ist flugs wegen Überfüllung geschlossen, was auch für das Gespür von Kühnel&Kuttner, aber gegen die Planung der Auftrittsorte spricht. Aber das beherzte Verpassen des einen zugunsten von etwas anderem ist schließlich auch Teil des Gesamtkonzepts der beiden, es trifft fürs 20-teilige Spektakel am Freitag genauso zu wie für die Brechtnacht am Samstag.

Insofern muss man gelassen beim Verpassen bleiben, ebenso im Kongress beim Warten auf das Bier, was so viel Zeit frisst, dass es als eigener Programmpunkt betrachtet werden kann. Wer Bier hat, kann dem sanften Gisbert zu Knyphausen zuhören, der ein Lied über Großstadtbewohner nachreicht, welches er für das vergangene Brechtfestival komponiert hatte, damals aber kurzfristig absagen musste. Oder man geht zu Shari Vari, einem exzeptionellen Elektrofrauenduo, dem Brecht zwar wurscht ist, aber eben auf großartige, schroffe, zeitgemäße Art und Weise. Im Foyer spielt parallel dazu die Augsburger Formation The Cold War, die Songs aus der Wendezeit charmant neu interpretieren, etwa "99 Luftballons", oder Bowies "Heroes" in einer wunderbar jazzigen Version der Sängerin Hanna Sikasa, aber auch die "Internationale" in instrumentaler Schunkelschmiere. The Notwist dann, nominell die Headliner, zaubern ein gewohnt großartiges, mehr als einstündiges Set, bestehend aus neuen wie alten Songs und der Sammlung "Messier Objects", Kompositionen für Film, Theater und Hörspiele.

Und doch liegt der Kern des musikalischen Abarbeitens an Brecht, dem Denker, woanders, bei der Banda Internationale aus Dresden und Bernadette La Hengst. Auch im kleinen Saal, wo es einfach spannender zugeht. Die tatsächlich internationale Blaskapelle, bei der auch syrische Flüchtlinge und überhaupt Menschen, die wie Brecht ihre Heimat wegen einer menschenverachtenden Diktatur verlassen mussten, mitspielen, schart sich um die eine Frau, Bernadette im roten Kleid. Sie erzählen von Brecht, rezitieren Gedichte und überwölben alles Denken und jede politische Entrüstung mit polternden Klangopern und grandiosen Hymnen, La Hengst mit der überlegenen Grandezza zorniger Verzweiflung. Alle miteinander sind sie übrigens bei Trikont verlegt, dem weltbesten Musiklabel Münchens und überhaupt.

Schon klar, angesichts der Bands kommt hier das Spektakel zu kurz, aber da es von diesem noch einen zweiten Teil, am kommenden Samstag, gibt, muss die weitergehende Beschäftigung damit verschoben werden. Erst einmal lässt man sich durch Probenräume und die Eingeweide der Spielstätte Martinipark treiben, begegnet dabei zum Beispiel den Rappern von Zugezogen Maskulin und deren scharf geschnittener Persiflage rechter, dummer, machohafter Attitüden. Man kann den Schülerinnen und Schülern des Gymnasium St. Stephan zusehen, wie sie sich mit hervorragender Ernsthaftigkeit an Brechts Lehrstück "Der Jasager" abarbeiten; nach ihnen müssen ihre Eltern mit "Der Neinsager" ran - was für eine fabelhafte Idee. Aber halt auch spröde.

Kern des Spektakels ist Kühnel&Kuttners Inszenierung von Heiner Müllers "Der Auftrag", eine Koproduktion der Ruhrfestspiele und des Schauspiels Hannover aus dem Jahr 2015. Die Augsburger Aufführung ist die Derniere der weit gereisten Inszenierung, in der mit einem überbordenden Zirkus an eine Revolution, die in Jamaika nie stattfand, erinnert wird. Der Text kommt weitgehend vom Band, Heiner Müller hat ihn selbst 1980 eingesprochen, die Darstellenden sind mimische Stellvertreter, die Musik der Tentakel von Delphi treibt sie an. In der Vielgestalt der Mittel ist "Der Auftrag" Festival im Festival, durch Müllers Stimme auch ein Beitrag zur Frage nach der Historizität im Umgang mit Brecht und dessen scharfem Echo Heiner Müller. Corinna Harfouch brilliert, wie später um Mitternacht zusammen mit den Tentakeln und einer zornigen Musikshow zu Brechts Exil-Stationen.

© SZ vom 17.02.2020
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