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Augsburg:Mehr wert als alles Geld der Welt

Der Unternehmer Jakob Fugger bekommt vom Theater Augsburg ein eigenes Musical. "Herz aus Gold" erzählt von seinem Ruhm, aber auch von einer verlorenen Liebe

Der Herr vom Tourismusbüro ist schon mal aus dem Häuschen. Wie großartig sei es doch, dass sich das Theater Augsburg des Themas Fugger annehme. Toll sei das für die ganze Stadt, die Region und ach, auch für alle Touristen, die kämen. Worauf sich dieser Herr so freut, ist "Herz aus Gold", ein Musical über Jakob Fugger. Klar: Fugger, Musical und Augsburg - wenn das zusammenkommt, muss ja jedem Tourismusmenschen das Herz aufgehen.

Dabei gibt es an diesem Tag erst mal nur ein paar kleine Einblicke in das neue Werk, André Bücker, Intendant, hat geladen. Das ganze Team ist da: Komponist Stephan Kanyar, Autor Andreas Hillger, Regisseur Holger Hauer und die beiden Hauptdarsteller Roberta Valentini und Chris Murray. "Herz aus Gold" beschließt die erste Saison des nicht mehr ganz neuen Intendanten Bücker am Theater Augsburg mit einem fetten Ausrufezeichen. Ein Auftragswerk für die Bühne am Roten Tor, das sich ganz einem Augsburger Wahrzeichen widmet, denn nichts anderes ist Fugger schließlich. Dass da noch keiner vorher drauf gekommen ist.

Wie meist, wenn eine Stadt für eine Person besonders bekannt ist, ist die Beziehung der Einwohner zu dieser Person nicht immer ausschließlich harmonisch. Manche Augsburger halten Fugger für einen berechnenden Kapitalisten, der sich sein katholisches Seelenheil durch ein paar gute Taten erkaufen wollte. Andere rühmen eben diese Taten, wie etwa die Gründung der Fuggerei, als wichtige Meilensteine einer verantwortungsvollen Gesellschaft. Wie immer steckt vermutlich in beiden Versionen ein wenig Wahrheit.

Das Fugger-Musical ist wie Denver-Clan im Spätmittelalter

Sich festlegen musste aber Andreas Hillger, der die Geschichte zum Musical entwickelt hat. Er grub sich zunächst hinein in Biografien und Archive, was bald langweilig wurde. Jedes Augsburger Schulkind kennt zwar die wichtigsten Punkte in der unternehmerischen Karriere Fuggers, "aber ein Musical machen über doppelte Buchführung?" Das Musical lebt schließlich von Gefühlen. Hillger stolperte über die Ehe Jakob Fuggers mit der zwanzig Jahre jüngeren Sibylla. Eine Ehe, die kinderlos blieb. Kein Erbe für das Imperium. So spann Hillger eine Liebesgeschichte um diese Ehe. Laut dieser liebte Jakob eigentlich die Mutter von Sibylla, ebenfalls Sibylla. Diese Liebe wird jäh beendet, als Jakob Fugger mit nur 14 Jahren für die Geschäfte der Familie nach Venedig geschickt wird. Sibylla und er versprechen, aufeinander zu warten. Doch, wie sollte es anders sein, sie muss in seiner Abwesenheit einen anderen heiraten. Als Fugger nach Augsburg zurückkehrt (da setzt das Musical ein), scheint ihm die Stadt provinziell und verschlafen. Der unglücklichen Sibylla verspricht er, ihre Tochter zu heiraten.

Als Teenager verliebten sich Sibylla (Roberta Valentini) und Jakob Fugger ineinander, dann trennt sie das Leben: Sie wird mit einem anderen verheiratet.

(Foto: Jan-Pieter Fuhr)

Ein schaler Kompromiss, findet Autor Hillger. In seiner Geschichte ist es dieser Schmerz, den Fugger mit Arbeit und dem, was man heute Karriere nennt, auffüllt. "Das Musical ist eine Familiengeschichte, eine Wirtschaftsgeschichte und eine Liebesgeschichte. Denver-Clan im Spätmittelalter", sagt Hillger. "Sicher wird es die Erbsenzähler geben, die das unhistorisch finden. Aber wir schreiben ja keinen Wikipedia-Eintrag. An den Rändern des Wirklichen ist das Mögliche."

Darüber, wie das Mögliche klingen sollte, durfte sich der Komponist Stephan Kanyar Gedanken machen. Seit vielen Jahren schreibt er vor allem neue Musicals und hatte zuletzt "Casanova" oder "Einstein" komponiert. Dem Fugger-Sound näherte er sich, indem er Renaissance-Musik hörte, Orlando di Lasso zum Beispiel. "In dem Musical sind jetzt mehr Nummern, die auf typischen Kirchen-Tonarten basieren. Der Zuschauer wird das vielleicht nicht erkennen, sondern nur hin und wieder eine gewisse Sperrigkeit, einen renaissancigen Charakter spüren, die ich dann aber auch gern wieder aufgebe." Besonders "renaissancig" wird es immer dann, wenn die Stadt Augsburg und ihre Bewohner im Vordergrund stehen. Mögliche Evergreens (denn auch die braucht ja ein jedes Musical) könnten aber eher die Songs "Herz aus Gold" oder "Nach oben" werden. Darin singt Fugger: "Nach oben, nur immer nach oben. Der Platz hier ist mir viel zu klein. Ich fühl' mich zu Bess'rem erhoben. Mein eigener Herr will ich sein."

Jakob Fugger (Chris Murray) muss sich in Venedig um die Familiengeschäfte kümmern.

(Foto: Jan-Pieter Fuhr)

Musicals haben an deutschen Theatern noch immer einen schweren Stand. Oft sind die Intendanten mutlos, wenn es darum geht, neue Stücke auf die Bühne bringen und weichen lieber auf eine sichere "West Side Story" aus, damit die Bude voll wird. Wenig Risiko, gute Erfolgsaussichten. Wie schwer es neue Musicals selbst großer Produktionsfirmen haben, sieht man gerade in München, wo das gut geschriebene, schön inszenierte "Fack ju Göhte" einfach nicht genug Zuschauer anlockt. Ein anderes Problem ist die Besetzung, bei der sich viele Theater gern mit Personal aus dem Ensemble behelfen. Nur: Gute Schauspieler sind nicht zwingend gute Musicalsänger. Gute Opernsänger auch nicht.

Intendant Bücker ist mutig genug, es mit einem neuen Musical zu probieren und kam glücklicherweise gar nicht erst auf die Idee, zu improvisieren. Er besetzte "Herz aus Gold" mit renommierten Musicaldarstellern. Roberta Valentini hat schon die Elphaba in "Wicked" und die Titelrolle in "Elisabeth" auf dem Buckel. Sie singt Fuggers verlorene Liebe Sibylla Senior. Jakob Fugger spielt der Amerikaner Chris Murray, der sich auch schon durch sämtliche Musical-Hauptrollen gesungen hat. Regisseur Holger Hauer ist selbst ausgebildeter Musicalsänger, er spielt Fuggers unternehmerischen Gegenspieler Welser. Außerdem hat der Intendant alles an die Freilichtbühne am Roten Tor geschafft, was das Theater hergibt: 120 Künstler aus Ballett, Musicalensemble, Solisten und dem Orchester, historische Kostüme, passendes Bühnenbild (Karel Spanhak). Die Freilichtbühne am Roten Tor ist, ganz nebenbei bemerkt, auch die einzige Original- Spielstätte des sich derzeit in Sanierung befindlichen Theaters Augsburg.

Natürlich hätte man "Herz aus Gold" auch einfach "Fugger - das Musical" nennen können. Aber das wollte Autor Hillger nicht. "Dafür ist die Figur Fugger nicht groß genug." Da hat er vermutlich recht. Und schließlich soll das Musical auch in Städten funktionieren, die nicht Augsburg heißen. "Und Herz aus Gold", sagt er, "das sagt alles - und nichts."

Herz aus Gold , UA, Samstag, 30. Juni, 20.30 Uhr, Theater Augsburg, Bühne am Roten Tor