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"Auge um Auge" im Kino:Hinter den sieben Bergen

Christian Bale in "Auge um Auge"

Christian Bale als Russell Baze in "Auge um Auge".

(Foto: dpa)

Das Stahlarbeiter-Drama "Auge um Auge" mit Christian Bale will uns - wie einst "The Deer Hunter" - in einen archaisch brodelnden Hochofen aus Hass, Verzweiflung und Rache einsperren. Doch wie simpel darf das böse "Andere" sein?

Russell arbeitet im Stahlwerk, wie schon seine Väter und Vorväter. Er liebt seine Verlobte, er legt Doppelschichten ein für ein besseres Leben, gelegentlich fährt er zur Hirschjagd in die Allegheny Mountains. Rodney, sein Bruder, ist Soldat, drei Runden im Irak hat er schon hinter sich. Der Krieg hat einen kalten Schimmer in seine Augen gelegt, ein unsichtbarer Schleier trennt ihn nun von der Wirklichkeit, treibt ihn in gefährliche Hinterhofkämpfe, bloße Fäuste, hohe Einsätze... und spätestens an dieser Stelle denkt man sich: Moment mal.

Wer je Michael Ciminos Seventies-Filmklassiker "Die durch die Hölle gehen/The Deer Hunter" gesehen hat, muss hier von einem heftigen Déja-vu-Gefühl befallen werden. Zwar wird der Regisseur Scott Cooper in "Auge um Auge" nie wirklich in den Irak gehen, und es wird auch kein Russisches Roulette mit Revolverkugeln gespielt. Ansonsten aber soll alles wie damals sein - die Themen und Obsessionen, die Stahlarbeiter-Romantik, der abblätternde Stolz und die nagenden Zweifel an einer Idee namens Amerika.

Geografisch gesehen liegt das alte Carnegie-Stahlwerk, wo Russell arbeitet, in North Braddock am Monongahela River. Das ist nur ein paar Windungen flussabwärts von den Hochöfen von Clairton, wo einst Robert De Niro, Christopher Walken, John Savage und John Cazale geschuftet haben. Viel Wasser ist seitdem den Fluss hinab, viel rotglühender Stahl in seine Gussformen geflossen - aber doch nicht soviel, dass man all das nicht noch einmal aufleben lassen könnte.

Völlig andere Wirklichkeit

Wie fühlt es sich an, das nun wiederzusehen? Durchgehend merkwürdig. Einerseits ist da, ganz ehrlich, Dankbarkeit. Dass es überhaupt noch neuere amerikanische Filmemacher gibt, die von "The Deer Hunter" und echten Stahlarbeitern träumen - und nicht nur davon, den vierten, fünften oder sechsten Teil von "Iron Man" zu drehen. Und dass so viele großartige Talente - der wieder unglaubliche Christian Bale, der ebensogute Casey Affleck, die tolle Zoe Saldana, dazu Woody Harrelson, Willem Dafoe, Forest Whitaker, Sam Shepard, lauter Schwergewichte in den Nebenrollen - sich in den Dienst einer Sache gestellt haben, auf die in der Facebook-Welt ja nun niemand mehr wartet.

Andererseits aber gibt es natürlich einen sehr guten Grund, warum solche Filme nicht mehr gemacht werden. Allein dieser Gegensatz - hier der Einsatz in der Fabrik, der Kampf um Zivilisation und Fortschritt, der das Land der Einwanderer erst schmiedet und formt, dort der Einbruch einer völlig anderen Wirklichkeit aus Tod, Gewalt und archaischsten Ritualen - muss ja mühsam konstruiert werden. Das war schon bei Michael Cimino so, der den Vietcong alle humanen Eigenschaften nahm, um erst die Hölle zu schaffen, durch die er dann gehen konnte. Und heute?

Heute ist das ein noch größeres Problem. Denn die Hölle muss nun im Inneren gesucht werden, im eigenen Land. So viel ist selbst den größten Nostalgikern klar - man kann das ganz Andere nicht mehr einfach in den Osten auslagern, ob fern oder nah. Die Lösung, die Scott Cooper findet, wirft dann allerdings einen dunklen Schatten auf sein Unternehmen, den selbst Christian Bale mit seiner Schauspielkunst allenfalls ein wenig aufhellen kann.

Wie sich herausstellt, lebt nämlich hinter den sieben Bergen - genauer gesagt tief in den Wäldern der Ramapo Mountains im Nordosten New Jerseys, fünf Autostunden von North Braddock entfernt - ein eigentümlicher Menschenschlag. Offiziell nennt man ihn heute "Ramapough Lenape Nation": ein Stamm amerikanischer Ureinwohnern, der sich aber schon zu britischen Zeiten so stark mit holländischen und auch deutschen Siedlern vermischt, dass man diese Waldbewohner bis vor Kurzem als "Jackson Whites" bezeichnet hat - durchaus abwertend. Ihre Isolation und Eigenständigkeit kommt nun Scott Cooper gerade recht, um sich jene Welt jenseits von Gesetz und Zivilisation zusammenzuphantasieren, die er für seine Erzählung braucht.

Und dabei kennt er dann wirklich kein Pardon. Immer wieder werden diese Menschen als "Inzuchtpack" bezeichnet, schon die Eröffnungsszene zeigt ihren Anführer, gespielt von Woody Harrelson, bei einem sinn- und kontextlosen, puren Akt der Gewalt. In diesen Wäldern hat der Staat, hat der Sheriff nichts zu melden. Hier wird Crystal Meth gebraut, bis sich die Schornsteine biegen, hier haben die Drogen sich längst in die Gesichter gefressen, und der einzige Spaß, den es sonst noch gibt, sind eben Gladiatorenkämpfe mit bloßer Faust.

Hier zieht es Rodney (Affleck), den kriegsgeschädigten jüngeren Bruder, todessehnsüchtig hin - und natürlich ist es Aufgabe der Bergmonster, diese Sehnsucht dann auch zu erfüllen. Woraufhin es für Russell (Bale), den älteren, geradlinigen, der mit dem Jagdgewehr umgehen kann, nur noch um eines geht: Rache. Er fährt in die Wälder des Bösen, um nach seinem Bruder zu suchen, und diese Sequenz wirkt tatsächlich wie halluziniert. Aber kommt man wirklich noch einmal durch, sich so die Hölle zu imaginieren, mitten in Amerika? Eher nicht.

Sind Filme wie "The Deer Hunter" heute noch möglich?

Woody Harrelson, der Oberböse, trägt im Film beispielsweise den Nachnamen DeGroot. Acht reale Familien aus den Ramapo Mountains, die den dort sehr häufigen Namen ebenfalls tragen, gehen nun in einer Sammelklage gegen den Filmemacher und seine Produktionsfirma vor. Sie nennen den Film ein "Hate Crime" - und man kann durchaus verstehen, warum. Soll man ihnen erklären, dass Scott Cooper gar nichts gegen sie hat? Dass er einfach nur eine Gegenwelt brauchte, eine Enklave des "ganz Anderen", wo all unsere Albträume noch ein Zuhause haben dürfen, und dass er bei seiner Recherche in den Ramapo Mountains hängen geblieben ist?

Man könnte es versuchen. Aber tatsächlich ist eine Erzählung, die zwingend nach einer solchen Gegenwelt verlangt, die uns im Hier und Heute noch in einen derart archaisch brodelnden Hochofen aus Hass, Verzweiflung und Rache einsperren will - "Out of the Furnace" heißt der Film im Original - vielleicht selbst das Problem. Man kann jetzt das Finale des Films nicht verraten, aber spätestens dort wird klar, dass Scott Cooper nicht einmal in die Nähe dessen kommt, was Cimino seinerzeit an Ratlosigkeit und Trauer, an existenzieller Verunsicherung erreicht hat.

Für die eigentliche Frage also, ob Filme wie "The Deer Hunter" heute noch möglich sind, taugt "Out of the Furnace" nicht wirklich als Studienobjekt. Allenfalls kann man erkennen: Die Milieus dafür gibt es noch, auch die Hochöfen, und selbst ihre stillgelegten Ruinen eignen sich noch bestens für den Kampf Mann gegen Mann, als eine alternative Form des Dschungels. Auch die Tatsache, dass diese ganze Industrie im Niedergang begriffen ist und eines Tages Richtung China verschwinden soll, macht die Geschichte ja nur besser. So wertvoll diese Sehnsucht nach dem Anfassbaren, dem Handgeschmiedeten, dem glorreichen alten Schauspiel- und Erzählhandwerk des amerikanischen Kinos aber ist - man kann sie nicht nur regressiv ausleben. Wenn man das macht, mit einer solchen Sehnsucht nach Simplifizierung, wie sie Scott Cooper hier zeigt, erweist man sich nicht nur als Epigone - man fällt auch no ch weit hinter seine großen Vorbilder zurück.

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Aufgeben kommt nicht in Frage

Out of the Furnace , USA 2014 - Regie: Scott Cooper. Buch: Brad Ingelsby, S. Cooper. Kamera: Masanobu Takayanagi. Mit Christian Bale, Casey Affleck, Zoe Saldana, Woody Harrelson, Willem Dafoe, Forest Whitaker, Sam Shepard. Tobis, 117 Minuten. In deutschen Kinos seit dem 3. April 2014.