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Aufzeichnungen zum Nahost-Konflikt:Wer tot ist, schicke eine SMS

Die Autorin bei einer Dachparty.

(Foto: privat)

"Na, mein Kleiner, sind wir heute wieder im Bunker?" Das Baby gluckst vor Freude. Ein Kriegstagebuch aus Israel.

Am vergangenen Wochenende schrieb die deutsche Schriftstellerin Sarah Stricker an dieser Stelle, wie sie die Bombenangriffe in Tel Aviv erlebt hat. Ihr israelisches Kriegstagebuch hat sie nun fortgesetzt.

Nahost-Konflikt Tagebuch aus dem Bunker
Aufzeichnungen zum Nahost-Konflikt

Tagebuch aus dem Bunker

Alltag im Krieg: Während der Fußball-Weltmeisterschaft sitzt die Schriftstellerin Sarah Stricker in Tel Aviv im Bunker. Trotz der Bombenangriffe geht das normale Leben weiter - mit Public Viewing und Dachpartys. Ein Tagebuch.   Von Sarah Stricker

Freitag, 18. Juli

Freundin N. ruft an: "Hast du dein Kriegstagebuch endlich rausgeschickt? Ja? Dann komm doch mit zum Strand!"

Ich tunke gerade den großen Zeh ins Wasser, da heult die Sirene los. Hinter mir schreit eine Mutter nach ihrem Kind. Ich renne los, durch den Sand, über zurückgelassene Handtücher hinweg.

Ein paar Amerikaner am Eingang eines Parkhauses rufen mir zu, N. greift nach meiner Hand und zieht mich zu ihnen. Die Mutter mit dem Kind kommt hinter uns an, lässt sich auf den Boden des Parkhauses fallen. Plötzlich laufen die Amerikaner zurück nach draußen, "Wow, did you see that? There it is!", sie halten ihre Smartphones zum Himmel.

Auch ich mache einen Schritt zum Eingang, sehe die weißen Dunststreifen der Iron-Dome-Geschosse, die der Rakete über unseren Köpfen folgen - und mache sofort wieder kehrt, schäme mich, so dumm zu sein, meine Vernunft der Neugier zu opfern, schäme mich vor allem, dass das Kind meine Unvernunft gesehen hat.

Über unseren Köpfen knallt es. Einmal. Zweimal.

Vielleicht ist es der Schlafmangel, vielleicht die Angst der Mutter, die auf mich übergreift. Auf jeden Fall merke ich, dass mir plötzlich die Tränen kommen. N. nimmt mich in den Arm, aber ich mache mich los, laufe tiefer ins Parkhaus hinein, will genauso wenig, dass das Kind meine mangelnde Gelassenheit mitbekommt wie meine mangelnde Vorsicht zuvor.

E. schreibt auf Whats-App: "Durchzählen. Wer tot ist, schicke eine SMS!"

Zwei Minuten später sind alle Handtücher wieder belegt.

Samstag, 19. Juli

Nachmittagskaffee bei der Familie. Im Hintergrund läuft der Fernseher. Blutüberströmte Menschen in Gaza, ein selbst gedrehtes Filmchen vom Iron Dome in Aktion. Onkel G. sagt: "Jeder, der so blöd ist, die Raketen zu filmen, und damit riskiert, die Zahl der Todesopfer auf israelischer Seite in die Höhe zu treiben, ist ein Terrorist."

Mein Freund ruft R. an. Vor ein paar Tagen wurde er eingezogen, seit 24 Stunden haben wir nichts mehr von ihm gehört.

Er nimmt nicht ab.

Ich setze mich an den Schreibtisch. Der neue Roman will geschrieben werden, aber seit zweieinhalb Wochen habe ich außer diesem Tagebuch und unzähliger E-Mails, in denen ich mein Überleben bestätigt habe, keinen Satz zustande gebracht. Ich lese mir die letzte Zeile noch mal durch. Lösche sie. Schreibe sie wieder hin. Surfe doch wieder durchs Netz.

Freunde des ersten getöteten israelischen Soldaten veröffentlichen seine letzte SMS: "Es geht los, in zwei Minuten nehmen sie mir das Handy weg. Ich hab euch lieb. Hoffen wir, dass wir in einem Stück zurückkommen."

T. postet ein Video, in dem Palästinenser vor israelischen Luftschlägen flüchten.

G. postet ein Video, in dem Palästinenser vor Hamas-Mitgliedern flüchten, die sie mit Schlagstöcken an der Flucht hindern wollen.

Meine Mutter ruft an, fragt, ob ich ihr nicht wenigstens einmal am Tag ein Lebenszeichen geben könne. Bei den deutschen Nachrichten blicke doch keiner durch, wann, wie, wo, welcher Alarm gewesen sei.

Ich verspreche, jeden Morgen eine E-Mail zu schicken.

Am Habimah-Theater findet eine Kundgebung gegen die Bodenoffensive statt. Ein paar Demonstranten haben sich untergehakt, bilden eine Kette aus Juden und Arabern. Rechte Extremisten bewerfen sie mit Eiern.

Ich kämpfe schon wieder mit den Tränen.

Die Tränen gewinnen.

"Du willst doch hier leben, oder?"

Sonntag, 20. Juli

Und kommen, während ich mich am nächsten Morgen durch die Nachrichten klicke, gleich wieder.

"Was ist denn los mit dir?", fragt mein Freund, "du warst doch die letzten Tage so ruhig."

"Ich weiß auch nicht", sage ich, "ich hab im Moment einfach zu nah am Wasser gebaut."

Mein Freund schüttelt den Kopf. "Dann bau mal ganz schnell woanders hin, sonst hältst du es hier nicht lange aus. Du willst doch hier leben, oder?"

Die mir unbekannte Jana S. schreibt mir auf Facebook: "Ich hab dein Tagebuch in der SZ gelesen. Wieso lebst du in Israel? Warum nicht in Gaza? Weißt du, wie dein Text klingt? Als würden die Israelis angegriffen."

Nach dem Bombenalarm ist dieser Flohmarkt menschenleer,

(Foto: privat)

Ich rufe meine israelische Ersatzoma an. Gabi ist 90, hat den Holocaust überlebt, aber keine Familie, weshalb ich sie jede Woche besuche. Seit dem Beginn der Angriffe, lässt sie mich nicht mehr kommen.

Sie: "Was willst du denn machen, wenn es ausgerechnet dann Alarm gibt, wenn du bei mir bist?"

Ich: "Dann geh ich mit dir in den Schutzraum."

Sie: "Schätzchen, wie soll ich denn bitte da mit meiner Hüfte hinkommen? In anderthalb Minuten schaff ich's nicht mal aus dem Sessel."

Ich: "Dann bleib ich eben bei dir, dann bist du wenigstens nicht allein."

Sie: "Nichts da! Glaubst du, ich will eine Deutsche auf dem Gewissen haben? Nein, nein, wenn ich mal vor unseren Schöpfer trete und er über gut und böse entscheidet, möchte ich, dass die Schuldverhältnisse eindeutig geklärt sind."

R. nimmt noch immer nicht ab.

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Montag, 21. Juli

Sirene am Morgen. Außer mir ist nur eine Nachbarin mit ihrem Baby im Bunker: "Na, mein Kleiner", sagt sie mit Gutschi-gutschi-guh-Stimme, "sind wir heute wieder im Bunker? BunggaBunggaBungga! Kannst du schon Bunker sagen?" Das Baby gluckst vor Freude.

Freundin V. und ihr Mann streiten. Ihr zehnjähriger Sohn Alon wollte in der vergangenen Nacht zum ersten Mal seit Jahren bei ihnen im Bett schlafen, der sechsjährige Nir nässt sich seit Beginn der Raketenangriffe wieder ein. V. will die Kinder für den Rest der Ferien zu ihrer Schwester nach Spanien schicken, ihr Mann ist dagegen. "Krieg gehört hier eben zum Leben dazu", sagt er, "daran müssen sie sich gewöhnen.

V.: "Ich will nicht, dass sie sich an so was gewöhnen."

Er: "Glaubst du, es hilft ihnen, wenn du sie von allem abschirmst? In ein paar Jahren gehen sie selbst zur Armee."

V. "Glaubst du, es hilft mir, wenn du mich daran erinnerst?"

Ihr Mann versucht, sie zu beschwichtigen. "Du machst dir zu viel Sorgen, sie sind sicher hier."

V: "Wenn sie noch länger hier bleiben, bin ich mir meiner selbst nicht mehr sicher. Wie soll ich denn bitte meine Kinder zu weltoffenen, unvoreingenommenen Menschen erziehen - und ihnen gleichzeitig beibringen, dass sie bei Alarm sofort in den Keller rennen müssen, weil das bedeutet, dass die Araber wieder auf uns schießen?"

Ihr Mann kauft zwei Tickets nach Madrid.

Von irgendwoher hört man Explosionen

Dienstag, 22. Juli

Eine Rakete schlägt in der Nähe des Flughafens ein. Iberia streicht alle Flüge von und nach Tel Aviv.

C. fragt, ob ich sie auf den Flohmarkt begleiten möchte. Die Straße vor den Ständen, auf der sich sonst die Menschen drängen, ist so gut wie leer, einige der Händler haben schon geschlossen, dabei ist es noch früh am Nachmittag. Also entscheiden wir uns stattdessen für ein Bier in der Abendsonne. Am Nebentisch sitzt ein junger Mann, dessen Freund vor wenigen Stunden in Gaza gefallen ist. Er wirkt ganz normal, trinkt viel, lacht aber auch viel, die meiste Zeit ist er am Telefon. Von irgendwoher sind mal wieder Explosionen zu hören. Er schaut nicht mal auf.

Auf dem Heimweg will ich eine Flasche Wasser kaufen. Schon von Weitem höre ich Geschrei im Laden. Der arabische Verkäufer reißt die Hände hoch, ein älterer Mann protestiert lautstark auf Hebräisch. Erst als ich näher komme, höre ich, dass sie über Fußball diskutieren. Der Jude ist Deutschland-Fan, der Araber liebt Messi.

Mein Freund ruft an: "R. ist krank, sie haben ihn nach Hause geschickt!"

Ich: "Was hat er denn?"

Er: "Ist doch scheißegal. Wahrscheinlich eine Magenverstimmung. Hauptsache, er ist zu Hause!

Ein bisschen klingt es, als kämpfe er auch mit den Tränen.

Mittwoch, 23. Juli

Im Bunker sitzen und abwarten.

(Foto: privat)

Wieder eine Mail in meinem Postfach mit mir unbekanntem Absender: "Du Judenschlampe! Was fällt dir ein, so was zu schreiben! Ich hoffe du entspannst dich schön beim Yoga, während Israel kleine Kinder lyncht. Geh doch ins Gas!"

T. fragt, ob ich nicht ein paar nette Deutsche kenne, die den Sommer in Tel Aviv verbringen möchten. Er will den August über nach Berlin, aber die Airbnb-Familie, die die ersten beiden Wochen eigentlich seine Wohnung übernehmen sollte, hat gecancelt. "Dabei ist doch noch ewig bis hin. Da kann doch alles längst vorbei sein!"

"Unsinn", sagt N., "das ist nie vorbei."

B. stöhnt. "Du weißt, was ich meine."

Eine Stunde später sagt auch der Mieter für die letzten beiden Augustwochen ab.

O. postet: "Bibi hat versprochen, die Ruhe in Israel wieder herzustellen. Hat er gut gemacht, endlich ist Schluss mit dem ganzen Fluglärm."

Donnerstag, 24. Juli

Meine Mutter ruft an, Panik in der Stimme: "Alles okay?"

Ich habe die morgendliche E-Mail vergessen.

Gabi stimmt endlich zu, dass ich sie wieder besuche.

"Was machst du denn nun, wenn es Alarm gibt?", frage ich, als ich reinkomme.

"Na was schon? Sitzen bleiben."

"Aber bei dir ist doch alles verglast. Hast du keine Angst?"

"Wovor denn, Schätzchen? Vor dem Tod? Der soll ruhig kommen. Ich sag dir, wenn die Hamas es schaffen würde, endlich jemanden in Tel Aviv zu treffen, hätte sie vielleicht endlich den Erfolg, den sie so dringend braucht und könnte uns wieder in Ruhe lassen. Aber wie ich unseren Schöpfer kenne, wird er so gnädig nicht sein."

Neben dem Bankautomaten sitzt ein Obdachloser. "Nur ein paar Schekel, Süße", jammert er, "wovon soll ich denn leben? Keine Touristen weit und breit!" Auf der Schulter des Obdachlosen prangt eine Tätowierung: "Homo homini lupus."

Freitag, 25. Juli

Wieder am Strand. Es sind doch noch ziemlich viele Urlauber da, aber die Handtuchreihen lichten sich. Ein Pärchen aus Frankreich betrachtet angeekelt den bräunlichen Schleim auf seiner Luftmatratze. Ein Spaziergänger sagt, der ganze Dreck käme aus Gaza. Die Kläranlage sei ausgefallen, deshalb würden die Palästinenser ihr Abwasser direkt ins Meer leiten.

Die Frau schlägt sich mit den Händen auf die Wangen. "Aber da muss man doch was tun! Das ist ja lebensgefährlich!"

R. ruft an. Es war tatsächlich nur eine Magenverstimmung. Am Abend muss er zurück an die Grenze.

Die Autorin

Sarah Stricker wurde 1980 in Speyer geboren und lebt seit fast fünf Jahren in Tel Aviv. 2013 erschien ihr hochgelobter Roman "Fünf Kopeken" im Eichborn Verlag.