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Auftakt der neuen Grönemeyer-Tour:"Tief im Westen" funktioniert auch im Osten

Auftakt zur "Dauernd jetzt"-Tour von Herbert Grönemeyer

Tourauftakt in Chemnitz: Herbert Grönemeyer, wie er singt und lacht.

(Foto: dpa)

Herbert Grönemeyer startet die Tour zu seinem neuen Album "Dauernd Jetzt" vor 11 500 Begeisterten im sächsischen Chemnitz. Musikalisch sind die neuen Titel Durchschnittsware, doch Grönemeyer muss gar nicht so viel Neues bieten, weil das Alte so schön ist.

Was man sieht, ist zunächst recht wenig: eine schwarze Bühne. Und darauf Musiker mit Stirnlampen. Wie Bergmänner. Aber man hört ihn schon, diese Stimme ist wirklich unverkennbar. Herbert Grönemeyer singt, besser: knödelt knurrig das Lied "Unter Tage" von seinem neuen Album "Dauernd Jetzt". Ein starker Auftakt als Hommage an seine Heimat, das Ruhrgebiet.

Der Kohlenpott-Poet, Deutschlands größter Popstar, ist wieder auf Tour. Nachdem er im Januar in Dresden gegen Pegida ansang und zuletzt die Musik für den "Faust" am Berliner Ensemble komponierte, hat er am Dienstagabend im sächsischen Chemnitz die Show zu seinem 14. Studioalbum vom vergangenen November gestartet.

11 500 Fans sehen in der ausverkauften Chemnitz-Arena ein Konzert, das ohne große Überraschungen und Experimente auskommt. Selbst das große Bühnenbild, das es bei der Tour zum Vorgängeralbum "Schiffsverkehr" gab, fehlt dieses Mal. Sie erleben aber eine gewohnt emotionale Vollgas-Veranstaltung. Wer sagt denn, dass Grönemeyer immer Neues bieten muss, wenn das Alte soooo schön ist?

Neu sind jedenfalls die Lieder. Grönemeyer, in schwarzem Sakko und weißen Turnschuhen, spielt fast alle Songs des neuen Albums, nur zum Glück nicht "Der Löw".

Gleich zu Beginn erklingen fünf hintereinander, leider noch in suboptimalem Soundgewand, so dass sein Nuschelgesang noch schlechter verständlich ist als sonst.

Der Meister ist gerührt

Während über die Leinwand ein Teppich aus Zahlen flimmert, mahnt er in "Uniform", nicht zu viel in der digitalen Welt preiszugeben. Er singt es vor einem Meer aus Handylichtern.

Der erste Höhepunkt ist dann aber ein Klassiker, sein Durchbruch: "Bochum" von 1984, obligatorisch mit dem "Steigerlied" als Einleitung. "Tief im Westen" funktioniert auch hier, tief im Osten. Zur Erleichterung des Sängers. "Jetzt sind wir drin", sagt der 59-Jährige, der aus Göttingen stammt. "Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie nervös man ist, wenn man sein neues Programm vorstellt."

Wer in der Folge Grönemeyer auf den kleinen Leinwänden tief in die Augen blickt, sieht einen Menschen, der so glücklich wirkt wie seine textsicheren Fans. Immer wieder ballt er die Hände aus Freude über die fantastische Stimmung, ruft "wunderbar", bedankt sich brav: "Dafür lebt man." Der Meister ist begeistert und gerührt. Da ist nichts Gespieltes.

Nie perfekt

Ein Grönemeyer-Konzert läuft immer ähnlich ab. Es ist immer Familientreffen, Party ("Zeit, dass sich was dreht") und Emotion ("Der Weg") zugleich. Und nie perfekt. Er verschluckt wie eh und je Endungen, textet spontan neue Zeilen, probiert alle Tonlagen, macht sich über sich selbst, sein Gewicht und seine geistigen Ergüsse lustig.

Politisch wird der Sänger - gerne als Stimme des Volkes gesehen -, als er vor "Unser Land" die NSA-Affäre anspricht oder am Ende den Flüchtlingen im Mittelmeer "Feuerlicht" widmet. Er rennt unentwegt die Bühne und den Laufsteg entlang, der Tapsige tänzelt umher wie ein kleines Kind. Seine Band: gewohnt gut.

Zur Freude der Fans hat Grönemeyer fast all seine alten Hits im Gepäck. "Männer", "Alkohol". Sogar nicht so oft gespielte Perlen wie "Ich dreh mich um dich" oder "Land unter", zwei seiner Lieblingslieder. "Schiffsverkehr" will er so lange spielen, bis es alle verstehen. "Flugzeuge im Bauch" gehört zu den vier Songs, die er im ruhigen Mittelteil der Show auf einer zweiten Bühne mitten im Publikum am Piano singt - eine schöne Abwechslung, die mittlerweile viele Künstler nutzen.

Abschied nach drei Stunden

Ohne Zweifel: Das neue Album "Dauernd Jetzt" ist zwar eine solide Mischung aus hingerummstem Deutschrock, der großen Ballade und ein bisschen Elektronik. Aber die Magie von "Mensch" hat es nicht. Da kann von "Dauernd Jetzt" höchstens der Titel "Morgen" live mithalten.

Letzteres Lied leitet den üppigen Zugabeblock ein. Nach knapp drei Stunden verabschiedet sich Grönemeyer mit dem gewöhnungsbedürftigen "Hoopieshnoopie-Remix" von "Fang mich an" und bunten Konfettifontänen in die gewittrige Nacht.

Die Tour: Bis zum 23. Juni stehen insgesamt 28 Konzerte in Deutschland, Österreich, der Schweiz und in Holland auf dem Programm. Fortsetzung 2016.