Süddeutsche Zeitung

Politische Bewegung "Aufstehen":Aufbruch zum Kampf gegen die Verhältnisse

  • Die von Sahra Wagenknecht angestoßene Sammlungsbewegung "Aufstehen" soll eine linke Mehrheit in Deutschland schaffen.
  • Der Berliner Dramaturg und Hochschullehrer Bernd Stegemann ist eine Art Mastermind hinter dem Projekt.
  • Seit er die Grenze von der Kunst zur Politik übertreten hat, sieht er sich dem Vorwurf des Populismus ausgesetzt.

Von Verena Mayer und Jens Schneider

Bernd Stegemann bittet, während des Essens das Aufnahmegerät auszuschalten. "Das Erste, was ich gelernt habe ist: Es kann alles gegen einen verwendet werden", sagt er. Vor Kurzem ist der Theatermann gefragt worden, warum er sich mit der Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht in einem feinen Restaurant traf, um über eine linke Bewegung zu sprechen. Wie das denn zusammenpasse?

Jetzt sitzt Stegemann beim Schlosswirt zu Meseberg, in der Nähe seines Sommerhauses, und schaut drein wie einer, der nicht weiß, wo er da hineingeraten ist. Er ist eine Art Mastermind der großen Inszenierung um die linke Ikone Sahra Wagenknecht, die der Mann mit dem Blick für Dramen "eine Figur" nennt. Stegemann, 51, ist Professor für Schauspielgeschichte und Dramaturgie an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" in Berlin. Er ist Dramaturg am Berliner Ensemble, und er hat einen Essay über Populismus geschrieben, der Wagenknecht sehr interessierte. Ein paar Monate später steht der Name Stegemann nun als verantwortlich im Impressum der Bewegung "Aufstehen", deren Gründer sich in dieser Woche in Berlin erstmals präsentieren wollen.

Das Projekt, das mit großem Anlauf eine linke Mehrheit in Deutschland schaffen will, hat schon viel Spott auf sich gezogen. Es fängt mit dem Namen an, der klingt, als hätte Oskar Lafontaine, Wagenknechts Ehemann, in seinem Poesiealbum geblättert und ein Lied aus der Friedensbewegung der Achtziger wieder entdeckt: "Alle, die nicht gerne Instant-Brühe trinken, solln aufstehn." Wenig raffiniert wirkt bisher auch die Webseite der Bewegung, aber es gibt eine Zahl, die sie relevant erscheinen lässt: 85 000 Menschen haben sich registrieren lassen, bevor überhaupt Inhalte bekannt wurden.

Es ist mindestens ungewöhnlich, dass sich per Aufruf von Parteipolitikern eine Bewegung bildet, die überparteilich sein will. Da sammeln sich linke Weggefährten von Wagenknecht, deren Parteispitze das Projekt mit Argwohn verfolgt, dazu Polit-Veteranen wie die Grüne Antje Vollmer und weniger bekannte Sozialdemokraten. Der in der Politikwelt Unbekannteste könnte der interessanteste sein: Fragt man Stegemann nach seiner Aufgabe, so antwortet er mit einem halbironischen Grinsen, als ob er das selbst nicht so richtig wisse.

Aus "Aufstehen" soll ein Forum der Mitbestimmung werden

Es ist die Pose eines Polit-Novizen, der gleichzeitig bestaunen und gestalten will. Als Chef des Trägervereins der Initiative bemüht sich der Dramaturg um Leute, die für populistische Mobilisierung sonst weniger empfänglich sind: Künstler, Intellektuelle, Wissenschaftler. Er hat an allen großen Berliner Theatern gearbeitet. Er ist fest verwurzelt im bürgerlichen Kulturbetrieb - in jenem Land, in dem Wagenknecht aufgewachsen ist, hätte man wohl gesagt: er steht für die Bourgeoisie.

Nun sitzt er auf der Terrasse des Restaurants in Meseberg und erzählt von den Vorbereitungen. Mit Hochdruck werde die Seite mit Computersoftware aus dem Ausland programmiert, damit es direkte Möglichkeiten zur Meinungsbildung gibt, ähnlich, wie es die Piratenpartei unter dem Schlagwort "liquid democracy" versuchte. Ein Forum der Mitbestimmung soll entstehen, das an den Stil von Bewegungen wie Bernie Sanders "Our Revolution" in den USA oder Jeremy Corbyns "Momentum" in der Labour Party anknüpfen soll.

In Stegemanns künstlerischem Umfeld gilt er als kluger Kopf, der mit Regisseuren wie Nicolas Stemann oder Michael Thalheimer zusammenarbeitet und vielen ihrer Arbeiten die intellektuelle Tiefe gab. Einer, der dem Theater dient und nicht ins Lampenlicht drängt. Sein aktueller Chef Oliver Reese, Intendant des Berliner Ensembles, der ihn seit vielen Jahren kennt, glaubt, dass "es Stegemann wohl selbst überrascht", was da gerade mit ihm passiert. Früher haben ihn Kulturmagazine interviewt. Talkshows genoss er aus der Distanz, als gelungene Inszenierung: "Das ist wie Volkstheater, wo typisierte Charaktere sich gegenseitig auf den Kopf hauen." Nun ist er selbst ein Kandidat. Es gibt diesen Film "Plötzlich Prinzessin", in dem sich eine junge Frau aus normalen Verhältnissen unversehens als Schlossherrin wiederfindet. Im Fall von Stegemann müsste der Filmtitel lauten: "Plötzlich Populist".

Was nicht heißt, dass es Stegemann nicht darauf angelegt hätte. Wer seine theaterwissenschaftlichen Publikationen kennt, weiß, dass sich darin bereits Frust über die Welt abzeichnete, über "die Verhältnisse", wie es Stegemann vollkommen unironisch nennt. In seinem Buch "Kritik des Theaters" machte er das 2013 noch ästhetisch fest und beklagte, das aktuelle Theater sei in seiner postdramatischen Ausformung zu sehr damit beschäftigt, sich in Schlaufen von Ironie und Selbstreferenzialität zu verlieren. Es sei damit ein Abbild der heutigen Verhältnisse, in denen sich Stegemann zufolge die Gesellschaft durch den Neoliberalismus so sehr individualisiert hat, dass die Menschen die Zusammenhänge nicht mehr erkennen können, deren Opfer sie werden - sei es die Globalisierung, die Interessen der Kapitalwirtschaft oder den Zwang zur ständigen Selbstoptimierung.

Das Theater als Inspirationsquelle des Populismus

2017 skizzierte er in seinem Essay "Das Gespenst des Populismus" als Gegenmittel einen linken Populismus. Stegemann dachte früher schon über politisches Engagement nach. Für eine Partei fand er sich "zu solitär". Er hatte keine Lust, "bei Treffen mit 25 Leuten in einem Hinterzimmer über Parkuhren zu diskutieren". In der Sammlungsbewegung habe er "das Gefühl, ich kann so bleiben wie ich bin". Er fremdelt noch damit, auf einer Seite verortet zu sein, "ich denke mir aber, bei Willy Brandt gab es ja auch Grass und Böll, die sich engagierten und das hat ihnen als Künstler nicht geschadet". Sagt er, und fragt dann: "Oder?"

Schon immer hat sich die Politik vom Theater inspirieren lassen, von seinen Techniken und davon, wie man Aufmerksamkeit erzeugt. Stegemann erkennt im Populismus selbst eine "Theatertechnik", bei der "in großer Zuspitzung, Widersprüche klar gegeneinander gesetzt werden, um Zuschauer in ein Erlebnis zu verstricken - das ist der klassische Begriff von Drama". Auf dieses Gegeneinander will er hinaus. Damit die Menschen die Mechanismen erkennen, die hinter individuellen Sorgen stecken. "Welche Strukturen sind dafür verantwortlich, dass die Pflegekräfte so schlecht bezahlt werden und fehlen? Warum werden Pflegeheime von Fonds mit Renditeerwartungen betrieben?"

Es gehe darum, gesellschaftliche Widersprüche anzunehmen und auszuhalten. Beispiel: Antigone, jene Theaterfigur von Sophokles, die ihren toten Bruder gegen den Willen ihres Onkels Kreon begraben will. "Da muss man sich klar machen, dass beide recht haben. Die Lesart, dass nur Antigone einen Punkt hat, weil sie die junge wütende Frau ist, ist Bullshit, dann würde es das Drama gar nicht geben."

Wagenknecht als Projektionsfigur für Sehnsüchte und Ängste

Bei der Figur der wütenden Frau ist man schnell bei Wagenknecht, Stegemann hat sich mit Theaterleuten die Nächte um die Ohren geschlagen, in der Hoffnung, dass die Kollegen in ihr entdecken, was er sieht. "Was sie von anderen Politikern unterscheidet: Sie ist ein autonomer Kopf", sagt er. "Sie denkt, sie versucht, eigene Vorschläge zu machen, wie man Dinge ökonomisch verändern könnte. Sie lässt sich nicht in eine Parteidisziplin einsperren." Ihre Kontrahenten aus der Linken würden das anders beschreiben. Sie beklagen, dass sie sich dem internen Dialog verweigere.

Stegemann weiß um ihre öffentliche Wirkung, "in sie wird vieles hineinprojiziert: Hoffnungen, Wünsche, Sehnsüchte, aber auch Ängste, Wut, Hass und Aggression". Politisch verbindet Stegemann und Wagenknecht unter anderem ihre kritische Haltung zu einer Form der Migrationspolitik, die "offene Grenzen für alle" will. Wagenknecht macht sich im linken Lager Feinde, wenn sie sagt, dass durch die Migration Druck auf dem Niedriglohnsektor und dem Wohnungsmarkt für sozial Schwache entstehe. Geht es nach Stegemann, soll die Flüchtlingsfrage nur ein Randthema der Sammlungsbewegung sein. "Das Thema wird uns immer aufs Auge gedrückt", sagt er. "Da kann man nur antworten: Das lässt sich nicht losgelöst behandeln von allen anderen sozialen Verwerfungen in diesem Land."

Manche Gründer der Bewegung träumen bereits von einer linken Bundeskanzlerin. Stegemann sagt, dass es doch ein Erfolg wäre, wenn es in einer Talkshow um die Erbschaftsteuer oder die Pflege geht, "und da säße jemand von der Sammlungsbewegung, erklärt die grundsätzlichen Widersprüche im System und macht dann neue, unkonventionelle Vorschläge". Er muss weiter, schon wartet der nächste Reporter. Und dann zurück nach Berlin, hier beginnt dieser Tage die neue Theater-Saison. Stegemann wird "Macbeth" betreuen, das Stück über eine Machtergreifung, die von einer Frau angetrieben wird.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4113773
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 03.09.2018/cco
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.