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Politische Bewegung "Aufstehen":Das Theater als Inspirationsquelle des Populismus

2017 skizzierte er in seinem Essay "Das Gespenst des Populismus" als Gegenmittel einen linken Populismus. Stegemann dachte früher schon über politisches Engagement nach. Für eine Partei fand er sich "zu solitär". Er hatte keine Lust, "bei Treffen mit 25 Leuten in einem Hinterzimmer über Parkuhren zu diskutieren". In der Sammlungsbewegung habe er "das Gefühl, ich kann so bleiben wie ich bin". Er fremdelt noch damit, auf einer Seite verortet zu sein, "ich denke mir aber, bei Willy Brandt gab es ja auch Grass und Böll, die sich engagierten und das hat ihnen als Künstler nicht geschadet". Sagt er, und fragt dann: "Oder?"

Schon immer hat sich die Politik vom Theater inspirieren lassen, von seinen Techniken und davon, wie man Aufmerksamkeit erzeugt. Stegemann erkennt im Populismus selbst eine "Theatertechnik", bei der "in großer Zuspitzung, Widersprüche klar gegeneinander gesetzt werden, um Zuschauer in ein Erlebnis zu verstricken - das ist der klassische Begriff von Drama". Auf dieses Gegeneinander will er hinaus. Damit die Menschen die Mechanismen erkennen, die hinter individuellen Sorgen stecken. "Welche Strukturen sind dafür verantwortlich, dass die Pflegekräfte so schlecht bezahlt werden und fehlen? Warum werden Pflegeheime von Fonds mit Renditeerwartungen betrieben?"

Es gehe darum, gesellschaftliche Widersprüche anzunehmen und auszuhalten. Beispiel: Antigone, jene Theaterfigur von Sophokles, die ihren toten Bruder gegen den Willen ihres Onkels Kreon begraben will. "Da muss man sich klar machen, dass beide recht haben. Die Lesart, dass nur Antigone einen Punkt hat, weil sie die junge wütende Frau ist, ist Bullshit, dann würde es das Drama gar nicht geben."

Wagenknecht als Projektionsfigur für Sehnsüchte und Ängste

Bei der Figur der wütenden Frau ist man schnell bei Wagenknecht, Stegemann hat sich mit Theaterleuten die Nächte um die Ohren geschlagen, in der Hoffnung, dass die Kollegen in ihr entdecken, was er sieht. "Was sie von anderen Politikern unterscheidet: Sie ist ein autonomer Kopf", sagt er. "Sie denkt, sie versucht, eigene Vorschläge zu machen, wie man Dinge ökonomisch verändern könnte. Sie lässt sich nicht in eine Parteidisziplin einsperren." Ihre Kontrahenten aus der Linken würden das anders beschreiben. Sie beklagen, dass sie sich dem internen Dialog verweigere.

Stegemann weiß um ihre öffentliche Wirkung, "in sie wird vieles hineinprojiziert: Hoffnungen, Wünsche, Sehnsüchte, aber auch Ängste, Wut, Hass und Aggression". Politisch verbindet Stegemann und Wagenknecht unter anderem ihre kritische Haltung zu einer Form der Migrationspolitik, die "offene Grenzen für alle" will. Wagenknecht macht sich im linken Lager Feinde, wenn sie sagt, dass durch die Migration Druck auf dem Niedriglohnsektor und dem Wohnungsmarkt für sozial Schwache entstehe. Geht es nach Stegemann, soll die Flüchtlingsfrage nur ein Randthema der Sammlungsbewegung sein. "Das Thema wird uns immer aufs Auge gedrückt", sagt er. "Da kann man nur antworten: Das lässt sich nicht losgelöst behandeln von allen anderen sozialen Verwerfungen in diesem Land."

Manche Gründer der Bewegung träumen bereits von einer linken Bundeskanzlerin. Stegemann sagt, dass es doch ein Erfolg wäre, wenn es in einer Talkshow um die Erbschaftsteuer oder die Pflege geht, "und da säße jemand von der Sammlungsbewegung, erklärt die grundsätzlichen Widersprüche im System und macht dann neue, unkonventionelle Vorschläge". Er muss weiter, schon wartet der nächste Reporter. Und dann zurück nach Berlin, hier beginnt dieser Tage die neue Theater-Saison. Stegemann wird "Macbeth" betreuen, das Stück über eine Machtergreifung, die von einer Frau angetrieben wird.

© SZ vom 03.09.2018/cco
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