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Aufsatz:Festlichkeit sondergleichen

Thomas Mann in Hamburg, ein Auftritt im Jahr 1953. Der zurückgekehrte Autor liest aus seinem "Felix Krull", und manche in der jungen Bundesrepublik haben ihre Probleme damit.

Die Aufnahme musste mehrmals unterbrochen und neu begonnen werden, weil die Kamera nicht lief oder der Ton ausfiel, aber Thomas Mann machte das Spiel geduldig mit, stieg ein und wieder aus, sprach würdevoll aus dem geöffneten Fenster, winkte zum Abschied, sodass er am folgenden Abend fast schon live zu sehen und zu hören war in einer "sprechenden Fernseh-Aufnahme in grellem Licht", wie der Dichter im Tagebuch festhielt, dem ersten O-Ton-Interview der damals kaum sechs Monate alten "Tagesschau".

Eine kleine Koalition aufrechter Bürger hatte es 1953 gewagt, den wegen seiner Rundfunkreden als "Vaterlandsverräter" geschmähten Nobelpreisträger nach Hamburg einzuladen, wo er an zwei Abenden aus dem entstehenden "Felix Krull" las. Nach einem Vierteljahrhundert war Thomas Mann wieder nach Norddeutschland gekommen, wo er "Heimatluft atmete, hanseatische Luft", und einen rauschenden Empfang erlebte.

Unter dem Titel "Auf schmalem Grat" schildert Rainer Nicolaysen in einem Aufsatz für die Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte in buchenswerter philologischer Feinmalerei, wie der Besuch des Nobelpreisträgers zustande kam und zelebriert wurde.

Verglichen mit der "Spezial-Audienz" sechs Wochen zuvor beim Papst ("Hielt lange meine Hand") war der Auftritt in Hamburg nur ein kleiner Termin. Gerührt war Mann trotzdem, weil die Hamburger, vor allem die Studenten, ihm die Verehrung bezeigten, die ihm Lübeck lieber vorenthielt. Für Hamburg konnte er "Ergebenheit" notieren - der Nordwestdeutsche Rundfunk hatte ein Auto zur Verfügung gestellt für die vielen Termine -, während sich im Senat seiner Vaterstadt für eine Einladung des Senatorensohns keine Mehrheit fand, weil er als Amerikaner galt und als Jude. Immerhin kam eine Delegation herüber und überreichte als kleinen Abwehrzauber Lübecker Marzipan und eine Flasche Rotspon aus dem Ratskeller für DM 19,20.

"Wenn er sich politisch äußerte, war es oft schwer, ihm zu folgen", grummelte ein ansonsten wohlmeinender Redakteur der Lübecker Nachrichten. In Hamburg gab man sich alle Mühe, den Dichter zu feiern und den Mann zu übergehen, dem von Frank Thieß vorgeworfen wurde, er habe "aus den Logen und Parterreplätzen des Auslands" dem Treiben in Deutschland zugeschaut, das natürlich eine "Tragödie" gewesen war.

Vor dem zweiten Auftritt in der Musikhalle vor zweitausend Zuhörern raunte der Germanistik-Ordinarius Hans Pyritz in seiner Einführung von den "bitteren Jahren der Trennung", aber selbstverständlich ohne den Grund für die Trennung zu nennen, dass nämlich Mann ausgebürgert worden war und Männer wie Pyritz mithilfe der NSDAP Karriere gemacht hatten. Versöhnung war das Gebot der Stunde, sodass bei einem Frühstück im "Amtshaus" des nach 1933 emigrierten Bürgermeisters Max Brauer auch der Wirtschaftssenator Karl Schiller erscheinen konnte, 15 Jahre zuvor noch Ortsgruppenleiter der NSDAP in Kiel.

Die Studenten der Universität forderte der Rückkehrer in einer kleinen Rede auf, sich klar und einmütig "nicht zu einem deutschen Europa, sondern zu einem europäischen Deutschland" zu bekennen. Sie feierten ihn, und der 78-Jährige war's insgesamt zufrieden: "Demonstrative Festlichkeit sondergleichen."

© SZ vom 06.11.2015
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