bedeckt München 20°
vgwortpixel

Aufregung um TTIP in Kulturszene:"Sicherlich schwingen antiamerikanische Ressentiments mit"

Ist eines dieser Teufelchen das immer wieder kritisierte Investitionsschutzabkommen?

Haselbach: Um bei der Buchpreisbindung zu bleiben: Da wird gern behauptet, dass Amazon gegen dieses Investitionshindernis vorgehen könnte. Aber diese Regeln gelten ja für alle auf dem Markt. Im schlimmsten Fall müsste man also verhandeln, worauf sich der Investitionsschutz bezieht.

Claudius Seidl von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung findet die TTIP-Diskussion "gefährlich und kulturfeindlich", weil sie antiamerikanischen Parolen eine Plattform biete.

Lendle: Sicherlich schwingen hier und da antiamerikanische Ressentiments mit.

Es ist die alte Frage: Wie viel gebe ich von mir selber auf für ein größeres Ganzes? Wir in Europa wissen ja, dass wir unsere Identität nicht verlieren, nur weil man im deutschen Supermarkt jetzt auch griechischen Feta kriegt. Aber das hier ist schon eine größere Nummer. Zwischen der EU und den USA finden etwa 40 Prozent des Welthandels statt. Es geht um Datenschutz, um Urheberrecht - TTIP verändert die Welt.

Video Anti-Amerikanismus Video
Diskussion über TTIP und die Kultur

Anti-Amerikanismus

Was halten Kulturschaffende vom Freihandelsabkommen TTIP? Jo Lendle, Chef des Hanser Verlags, Christian Stückl, Intendant des Münchner Volkstheaters, und Soziologe Dieter Haselbach über anti-amerikanische Ressentiments in der Diskussion.

Haselbach: Die Frage ist, wo die wirtschaftliche Macht auf dieser Welt in Zukunft sitzt. Da sind auf der einen Seite Europa und die USA und auf der anderen die aufstrebenden asiatischen Staaten, die uns den Schneid abkaufen. Der Westen will mit dem transatlantischen Abkommen globale Standards festsetzen. Der Protest gegen TTIP erklärt sich auch dadurch, dass die USA in Europa mit ungezügeltem Kapitalismus gleichgesetzt werden.

Unsere europäische Hochkultur gegen die amerikanische Entertainment-Industrie?

Haselbach: Natürlich ist Kultur eine Handelsware, nur wollen das alle ausblenden. Wir begehen als deutsche Gesellschaft einen Fehler: Wir wollen den Zustand, den wir erreicht haben, ewig festhalten. Doch die Gesellschaft dreht sich weiter.

Lendle: Mir widerstrebt sehr zu sagen, wir sind Hochkultur und Amerika ist Entertainment. Das ist falsch. In der Literatur gibt es brillante Geschichten aus den USA.

Stückl: Auch im Film.

Lendle: Die Amerikaner haben auch ohne Subventionen große kulturelle Leistungen hervorgebracht. Jüngstes Beispiel: die Fernsehserien. Sie sind großartig, dafür fehlt es unseren öffentlich-rechtlichen Sendern an Mumm. Aber in den USA gibt es ebenfalls Traditionen der Kulturförderung wie privates, steuerbefreites Mäzenatentum. Unsere von Individualinteressen unabhängige öffentliche Forderung sollten wir uns nicht nehmen lassen.

Stückl: In vielen kulturellen Bereichen kann man sich aus den USA Inspiration holen und sollte das auch. Die Skepsis gegenüber TTIP hat nichts mit Antiamerikanismus zu tun. Man glaubt nicht mehr an das System. Woher sollen denn durch TTIP plötzlich 160.000 Arbeitsplätze kommen, wie Bundeskanzlerin Merkel sagt?

TTIP-Recherche Freihandel ja - aber mit Bedingungen
Die Recherche - Essay
Handelsabkommen TTIP

Freihandel ja - aber mit Bedingungen

Handel schafft Wohlstand. Punkt. Aber viele Menschen lehnen die Pläne für das transatlantische Abkommen TTIP ab und fordern den Skalp vom Kopf des Kapitalismus. Warum wir trotzdem am Freihandel festhalten müssen.   Von Alexander Hagelüken

Sollen die TTIP-Verhandlungen überhaupt weitergehen? Der Deutsche Kulturrat fordert einen Stopp der Verhandlungen.

Stückl: Bremsen kann man das nicht. Aber es sollte auf einer breiteren Ebene und offener diskutiert werden. Die Ausnahme für die Kultur in der Präambel zu verankern, ist aber zu wenig.

Lendle: Diese Forderung stammt aus den NSA-Erfahrungen. Da zeigte das Amerika, das wir alle bewundern, plötzlich seine Fratze. Ich wünsche mir transparente Verhandlungen und die kulturelle Ausnahme, wie in allen anderen Abkommen. Und eine so fundamentale Einrichtung sollte nationalstaatlich ratifiziert werden.

Haselbach: Weder die EU-Verhandlungsführer noch die Bundesregierung werden sich davon beeindrucken lassen, dass ein paar Verbände mehr Transparenz oder gar ein Ende der Verhandlungen fordern. Das wird schlicht nicht passieren.

Lendle: Manchmal denkt man schon: "Leute, ihr macht da jetzt ein bisschen viel Getrommel!" Aber das gehört zu dieser Diskussion: Ohne Lärm fängt keiner an, sich mit den zähen Aspekten des TTIP auseinanderzusetzen.

Video Abschluss-Statements Video
Video
Diskussion über TTIP und die Kultur

Abschluss-Statements

Was halten Kulturschaffende vom Freihandelsabkommen mit den USA? Christian Stückl, Intendant des Münchner Volkstheaters, Jo Lendle, Chef des Hanser Verlags, und der Soziologe Dieter Haselbach mit ihren Erwartungen an die weitere TTIP-Diskussion.

Die Recherche zum Freihandelsabkommen TTIP
recherche_artikel

"Hoffnung oder Hysterie: Was bedeutet das Freihandelsabkommen TTIP für uns?" Diese Frage hat unsere Leser in der sechsten Abstimmungsrunde unseres Projekts Die Recherche am meisten interessiert. Das folgende Dossier soll sie beantworten.

  • TTIP Recherche Mehr Wachstum bedeutet nicht immer mehr Wohlstand

    Die Wirtschaft muss dem Menschen dienen und nicht umgekehrt. In den Verhandlungen zum Freihandelsabkommen TTIP wird dieser Grundsatz missachtet. Ein Neustart der Gespräche wäre die beste Lösung. Denn in jedem Scheitern liegt die Chance, es besser zu machen.

  • TTIP Hochschulen Vor uns die Unischwemme?

    Von den Bauern über die Umweltschützer bis zu den Kreativen: Fast jede gesellschaftliche Gruppe empört sich über das Transatlantische Freihandelsabkommen. Nur an den Hochschulen ist es verdächtig still. jetzt.de hat sich auf die Suche nach Szenarien für die Bildungslandschaft nach TTIP gemacht.

  • Chlorhuhn TTIP Autopsie des Chlorhuhns

    Pickeliges, desinfiziertes Geflügel ist zum Wappentier der Anti-TTIP-Bewegung geworden. Das Chlorhuhn mobilisiert und polarisiert zuverlässig in alle Richtungen. Was ist da passiert?

  • TTIP Arbeitnehmer Machtgefälle in Fabrik und Büro

    Mitbestimmung? Gewerkschafter im Aufsichtsrat? Wenig ist den USA fremder als die Kultur auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Das schürt Misstrauen, was das Freihandelsabkommen TTIP für die Arbeitnehmerrechte bedeutet. Was an den Sorgen dran ist und welche Rolle das Scheitern der FDP dabei spielt.

  • Entwicklungsländer TTIP Verlieren werden die Ärmsten

    EU und USA versprechen sich viel vom Freihandelsabkommen TTIP - auf Kosten des Rests der Welt. Die Ökonomin Clara Brandi erklärt, warum TTIP Entwicklungsländer unter Druck setzt und welche Auswirkungen das Abkommen auf Fischer in Mosambik hat.

  • 521 Seiten Stoff für Zoff

    Das Ceta-Abkommen zwischen EU und Kanada ist jetzt öffentlich. Das Kapitel zu den Schiedsgerichten sollte die Kritiker besänftigen - und stößt gleich auf Widerstand. Was in dem umstrittenen Vertrag steht.

  • TTIP Lebensmittel Kulturkampf in der Küche

    Hormonfleisch, Genfood, Chlorhühnchen: Wenig polarisiert bei TTIP so sehr wie amerikanische Lebensmittel. Das erschwert eine sachliche Diskussion. Welche Gefahren in deutschen Küchen wirklich drohen - und was Europa beim freien Handel mit Lebensmitteln gewinnen könnte.

  • TTIP USA Polit-Spiel um TTIP

    Die USA finden schrankenlosen Handel mit der EU toll? Nicht unbedingt, auch in Amerika gibt es eine Protestbewegung. Aber die Nähe der US-Politik zur eigenen Industrie macht einen großen Unterschied.

  • Fracking TTIP Europas riesiger Energiehunger

    Die einen halten es für hochgefährlich, die anderen für die Energieversorgung der Zukunft: Kommt Fracking über eine von TTIP aufgestoßene Hintertür? Was an den Argumenten von Gegnern und Befürwortern wirklich dran ist.

  • Brüssel TTIP Die Schlacht von Brüssel

    Kenneth Haar kämpft gegen Freihandel. Schon seit 20 Jahren. Erfahrene Globalisierungskritiker und junge Twitter-Aktivisten verbünden sich gegen TTIP. EU-Kommission und Lobbyisten tun sich dagegen schwer, im Kampf um die öffentliche Meinung zu punkten.

  • Hamburg Aerial Views Malen nach Zahlen

    Endlich gibt es neue Jobs! Die Wirtschaft wächst! Der Wohlstand auch! Das zumindest sagen Studien für ein Europa mit TTIP voraus. Die Befürworter nutzen die Ergebnisse als Munition - dabei liegen die Zahlen weit auseinander.

  • TTIP Schiedsgericht Den Haag Wenn Schiedsrichter Verteidiger brauchen

    Die Kampagne gegen "Geier" und "Geheimgerichte" wirkt: TTIP könnte kippen, weil die Gegner sich auf die Klagerechte für Unternehmen und die umstrittenen Schiedsgerichte eingeschossen haben. Drei Treffen mit Diplomaten und Lobbyisten, die langsam verzweifeln.

  • kultur top Wir nehmen die Rücklichter, ihr kriegt die Kunst

    Das Freihandelsabkommen TTIP wird nirgends so entschieden abgelehnt wie in der deutschen Kulturszene. Theater-Intendant Christian Stückl, Hanser-Chef Jo Lendle und der Soziologe Dieter Haselbach diskutieren über Subventionskultur und antiamerikanische Vorurteile.

  • video top Ein Angebot, das Sie ablehnen können

    Die TTIP-Befürworter versprechen Arbeitsplätze, Gegner fürchten die zerstörerische Kraft des Marktes. Beide werben mit großem Eifer, weil klar ist: Die Öffentlichkeit hat großen Einfluss auf das Freihandelsabkommen. Wenn da nicht die erste Regel des Fightclub wäre.

  • WTO Protest Freihandel ja - aber mit Bedingungen

    Handel schafft Wohlstand. Punkt. Aber viele Menschen lehnen die Pläne für das transatlantische Abkommen TTIP ab und fordern den Skalp vom Kopf des Kapitalismus. Warum wir trotzdem am Freihandel festhalten müssen.

  • Themen in diesem Artikel: