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Aufregung um TTIP in Kulturszene:"Vor den Musical-Unternehmen habe ich keine Angst"

Immer wieder heißt es, US-Musical-Unternehmen könnten durch TTIP kleine, deutsche Theater verdrängt. Ist das tatsächlich ein vorstellbares Szenario?

Stückl: Vor den Musical-Unternehmen habe ich keine Angst. Das hat alles seine Berechtigung.

Haselbach: Aber natürlich stehen Sie in Konkurrenz zum Musical-Betreiber.

Stückl: Dagegen hab ich nichts.

Haselbach: Der Widerspruch ist der: Entweder ist das Niveau deutscher Theater durch Subventionen so hoch, dass sich die einzelnen Häuser um ihr Publikum keine Sorgen machen müssen. Oder die öffentliche Unterstützung dient nur als Schutz vor der Konkurrenz aus anderen Ländern.

Lendle: Das ist aber ein sehr marktwirtschaftlicher Ansatz. Die deutschen Orchester sind weltweit hoch angesehen. Aber sie sind verdammt teuer und spielen ihre Kosten nie ein. Ihr Argument, Herr Haselbach, wäre: Wenn die Orchester so gut sind, müssen sie sich um ihre Finanzierung keine Sorgen machen. Aber genau das müssen sie.

Haselbach: Da haben Sie mich missverstanden. Das Theater konkurriert mit vielen anderen Kulturinstitutionen um Aufmerksamkeit. Und der tägliche Kampf ums Publikum wird in Deutschland aufgrund einer kulturpolitischen Entscheidung für Subventionen geführt - und in den USA eben ohne diese. Wir sollten diese Diskussion als Gesellschaft, die viel Geld in Theater steckt, immer wieder führen.

Herr Haselbach, Sie haben 2012 in Ihrem Buch "Der Kulturinfarkt" gefordert, die Fülle an Kulturinstitutionen in Deutschland kritisch zu überdenken. Was halten Sie von den Argumenten der TTIP-Skeptiker?

Haselbach: Der deutsche Kulturbetrieb fühlt sich existentiell bedroht: Kann der momentan bestehende Subventionsbetrieb angesichts der Öffnung von Handelsschranken bestehen bleiben? Die TTIP-Verhandlungen sind ein willkommener Anlass für die Kulturszene, ihren jetzigen Zustand gegen alle möglichen Gefährdungen festzuschreiben und sich politisch abzusichern.

EU-Handelskommissar De Gucht und Wirtschaftsminister Gabriel haben bekräftigt, dass die Kultur aus den TTIP-Verhandlungen ausgenommen wird. Trotzdem schwingt in jeder Diskussion grundlegendes Misstrauen gegenüber diesen Äußerungen mit. Warum?

Lendle: Es mangelte anfangs an Transparenz. Und dass die Europäer ohne Vorbedingungen in die Verhandlungen gegangen sind, die Amerikaner aber die nationale Sicherheit ausklammern - das sind ungleiche Voraussetzungen. Dass die Transparenz dank des Protests größer geworden ist, zeigt: So falsch war er nicht. Ich bin kein Feind von Freihandelsabkommen, aber mit der Aussage "Liberalisierung ist immer gut" macht man es sich zu leicht.

Sie verlegen bei Hanser Schriftsteller wie Herta Müller, Arno Geiger, Rüdiger Safranski oder ganz aktuell Robert Seethaler. Wünschen Sie Ihren Autoren nicht möglichst viele amerikanische Leser?

Lendle: Der Austausch von Literatur scheitert im Moment nicht an zu hohen Handelsbarrieren, sondern am fehlenden Interesse der amerikanischen Leser an europäischer Literatur. Daran wird TTIP aber auch nichts ändern. Es geht doch um den Versuch, mit dem Abkommen gewisse Standards zu senken. Richtlinien wie die Buchpreisbindung würden als "Handelshemmnis" für ausländische Investoren relativ schnell ausgehebelt.

Besonders aktiv in der Debatte ist der Deutsche Kulturrat. Der Dachverband der deutschen Kulturinstitutionen war bisher nicht bekannt für besondere Expertise in Handelsfragen. Trauen die Funktionäre den eigenen Produktionen nicht zu, international mithalten zu können?

Lendle: Das hat damit nichts zu tun. Aber wir reden über Kultur auch als Ware - und unter welchen Bedingungen sie eben nicht nur als Ware angesehen wird. Natürlich kann man darüber reden, was an Subventionen nötig und sinnvoll ist. Aber wir sollten die Entscheidung darüber in der eigenen Hand behalten. Was die Buchpreisbindung betrifft: In Ländern, die in den vergangenen Jahren darauf verzichtet haben, möchte ich nicht wohnen. Ohne dieses Instrument leidet die kulturelle Vielfalt enorm. Jede literarische Form, die auch nur eine Handbreit von der Mittellinie abweicht, hätte es schwerer.

Frankreich hat vor Beginn der Verhandlungen die "exception culturelle" für audiovisuelle Medien durchgesetzt. Über den europäischen Film wird bei TTIP nicht verhandelt. Vermissen Sie eine ähnliche Vehemenz bei der Bundesregierung?

Lendle: Ja.

Stückl: Ja, allerdings stellt sich die Frage: Was verstehen wir unter "audiovisuellen Medien"? Sicher fällt der Film darunter, aber beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist die Sache schon nicht mehr so eindeutig. Viele fürchten, dass dieser Bereich unter den Begriff Telekommunikation fällt - und damit unter die TTIP-Regeln.

Das Verhandlungsmandat der EU-Kommission ist von 28 EU-Staaten erteilt worden - und das Europaparlament muss dem Ergebnis zustimmen. Ist das nicht ausreichende demokratische Kontrolle?

Lendle: Die Sorgen kommen daher, dass die Verhandlungen so intransparent sind. Nur deswegen sitzen wir hier und malen alle möglichen Teufel an die Wand. Intransparenz macht Menschen skeptisch. Wenn uns niemand die Wand zeigt, wird schon hier und da ein Teufelchen sitzen.

Haselbach: Die deutsche Öffentlichkeit regt sich darüber auf, dass die Amerikaner über einen Informanten Infos aus dem NSA-Untersuchungsausschuss im Bundestag haben wollten. Weil sie ungestört von der Öffentlichkeit diskutieren wollen. Aber dieselben Leute klagen, dass die TTIP-Verhandlungen nicht völlig transparent geführt werden. Wir messen hier mit zweierlei Maßstäben. Internationale Verhandlungen finden immer hinter verschlossenen Türen statt.

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