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"Aufprall":Kess und militant

September 1981, Protest gegen die Räumung besetzter Häuser.

(Foto: AP)

Hausbesetzer, Sinnsucher und Straßenschlachten: Heinz Bude, Bettina Munk und Karin Wieland erzählen von aufrührerischen Jungmenschen und Protest-Unternehmern im Westberlin der Achtzigerjahre.

Von CHRISTOPH BARTMANN

Am Anfang war die Wohnungsfrage. Gestellt von einem rebellischen "Wir", das zwar schon irgendwo wohnt, aber nicht da, wo es wohnen möchte: in Westberlin oder besser, in Kreuzberg. Januar 1981. "Wir kamen aus den sozialistischen Wohnhöfen Wiens, Hamburger Vororten, süddeutschen Reihenhäusern", heißt es ziemlich am Anfang von Bude/Munk/Wielands Kollektivroman "Aufprall", der mit dem "Fehlfarben"-Motto "Geschichte wird gemacht" überschrieben ist.

"In einer kalten, mondlosen Nacht besetzten wir dann ein Haus." Das ist die Urszene einer Jugendbewegung, die Heinz Bude, Bettina Munk und Karin Wieland seinerzeit nicht nur beobachtet haben. Sie waren, nicht als Anführer und nicht als Mitläufer, Teil der Szene. Fast vierzig Jahre später erinnern sie sich an die Ereignisse und rücken sie in größere Zusammenhänge. Sie haben, schreiben sie, "eine Zeit vor Augen, in der sich etwas gedreht hat. Die Geschlechter, die Herkünfte, die Wahrnehmungen, die Gefühle, das Denken und die Kunst waren in einen anderen Zustand gekommen?"

Passiert das jedes Mal, wenn eine Generation zwanzig wird? Oder markieren die Westberliner Jahre 1980 ff. eine Geschichtsdrehung von größerer Reichweite?

Im Mittelpunkt des Romans über die wilden Frontstadt-Jahre steht die Hausbesetzerszene

Ein oder vielleicht das Ereignis ihres Lebens sind die wilden Westberliner Jahre für die Autoren in jedem Fall gewesen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, sich zu ihm zu verhalten. Treue zum Ereignis ist gut, solange sie die Einstellungen von damals nicht bloß konserviert. Untreue zum Ereignis kann auch produktiv sein, endet aber leicht im Renegatentum oder in ironisch-satirischen Relativierungen. Vier Jahrzehnte später gibt sich das Autorenkollektiv zwar nicht mehr jugendbewegt, aber noch immer bewegt.

Weil Studenten, Punks, Aussteiger und Wehrdienstflüchtige keine bezahlbaren Buden finden und der Senat den vorhandenen Leerstand bloß verwaltet, greifen unternehmungslustige junge Menschen zum Mittel der "Instandbesetzung". Die Hausbesetzerszene mit allem, was dazugehörte: Räumungen, Verhandlungen, Demonstrationen oder nächtlichen Neonazi-Attacken bildet den politisch-symbolischen Mittelpunkt von "Aufprall".

Bude, Munk, Wieland, das ist, auch wenn es fast so klingt, kein Poptrio von damals, das sich zum Revival mit neuem Album und Tournee verabredet hätte. Die drei Autoren sind für andere Dinge bekannt als für gemeinsame Prosa. Heinz Bude steuert hier im Porträt des Philosophiestudenten Thomas den Bildungsroman eines jungen Mannes bei, der Lust auf post-marxistische Gedanken hat. Bettina Munk begibt sich in die Innensicht von Luise, die mit ihrem künstlerischen Gestaltungsdrang selten die Herzen ihrer kunstfernen Mitbewohner gewinnt, aber ganz unbeirrt ihr Ding durchzieht; und sie hat die Illustrationen beigetragen, schwarz-weiße Skizzen aus ihrem Zeichenblock von damals. Karin Wieland, so könnte es jedenfalls sein, ist für alles andere zuständig, als "Stimme eines Chors, der weiblich ist und die Geschichte einer Gruppe aufrührerischer Jungmenschen in Westberlin erzählt". Die Kollaboration der drei mit den ineinandergefügten Stimmen, den Haupt- und Nebenrollen, der Mischung aus hautnahem Erleben und nachgeholter Reflexion funktioniert reibungslos. Man kennt sich gut und lang, ohne deshalb sentimental zu werden.

"Aufprall" heißt der Roman nicht nur wegen der rauen Kreuzberger Realität. Ein fataler Autounfall ist von allen Ereignissen für Luise und Thomas, die beiden Zentralfiguren, das folgenreichste. Auf dem Rückweg von Prag werden sie in Nordböhmen von einem Lkw der Sowjetarmee angefahren. Die mitreisende Freundin Soraya stirbt am Unfallort, die schwer verletzte Luise braucht Monate, um wieder auf die Beine zu kommen, und der heil davon gekommene Thomas fühlt sich als Helfer und Freund heillos überfordert. Dieser Aufprall ist brutaler und simpler als die meisten Mutproben im Besetzermilieu: keine Ideologie, keine Show, kein (Maul-)Heldentum. Der Unfall, so scheint es, fördert den geistigen Abstand von der Szene und bestärkt die beiden darin, ihren eigenen Weg zu finden, der über die engen Grenzen des Kollektivs und der Generation hinausweist.

Die Generation Aufprall fühlt sich als Avantgarde und bleibt gern unter sich

Ohnehin ist ja die Generation, deren Roman "Aufprall" sein könnte, ein Konstrukt. Zwar ist hier viel von Dingen die Rede, die junge Menschen bestimmter Jahrgänge an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit geteilt haben. Alle wollen sie dringend raus aus den bleiernen, melancholisch gewordenen Siebzigerjahren. Gegen den Seminar- und Kadermarxismus der 68er-"Opas" formiert sich eine undogmatische Linke, die aber noch immer beeindruckt scheint vom Militanzgehabe ihrer Vorfahren und vor allem der RAF. Beim näheren Hinsehen entpuppt sich die Generation als "Multitude" aus Einzeldispositionen. Das umfangreiche Tableau der Figuren weist allen Personen der Handlung jeweils knappe Attribute zu: Thomas etwa ist "ehrgeizig und undurchschaubar", Luise "versponnen und konsequent", Irene, Wortführerin der Radikalen, dagegen "kess und militant" und Vroni, Arbeiterkind aus Wien, "warmherzig und mondän". Anschaulich erzählt der Roman davon, wie im Innern des Kollektivs die gegenläufigen Impulse von Einzelnen am Werk sind. In ihrem historischen Moment sind die besetzten Häuser so etwas wie Kompetenzzentren für ganz unterschiedliche Lebens- und Zukunftsentwürfe. Manche Insassen werden die wilden Jahre nicht überleben, andere machen Karriere, als Akademiker, Künstlerin, Impresario, Werbefrau oder Dealer, wieder andere werden bleiben, was sie sind. Irgendwann werden die jungen Protest-Entrepreneure auf eigene Rechnung arbeiten. Der Roman legt nahe, dass sich in der Hausbesetzerszene (die Autoren eingeschlossen) die besten Köpfe ihrer Generation getroffen haben, jedenfalls Leute, die Risiken eingehen, und die für ihre Risikobereitschaft auf Dauer lohnendere Ziele entdecken als die Säuberung leer stehender Häuser von Taubenkot.

Die Generation Aufprall lebt von der Vorstellung, Avantgarde zu sein. Dazu gehört die falsche und im Roman kritisierte These, der Rest der Welt sei irgendwie rückständig und werde sich ohne die vorauseilende Kreuzberger Militanz nicht entwickeln. Man bleibt in diesem Milieu gerne unter sich. Aus Westdeutschland ist man geflohen, Ostberlin und die DDR existieren lange fast gar nicht, und auch der Rest der Welt tut sich erst auf, als irgendwann Flüge aus Schönefeld zu exotischen Destinationen führen. Dieser Generationenroman weist eine hohe Ortsspezifik auf. So wie es in Westberlin war, war es nicht in Frankfurt, Hamburg oder Düsseldorf, von Ostberlin ganz zu schweigen. Länger als anderswo hält sich in der "Frontstadt" der Mythos vom politischen Widerstand. Kein "Lifestyle" weit und breit, und auch das Wort "Gentrifizierung" kennt man nicht. Weil aber die Berliner Wohnungsfrage bis heute unbeantwortet ist, sind die Motive des damaligen Aufruhrs bis heute nicht obsolet geworden.

"Aufprall" schafft es, die Motive und Attitüden der Besetzerjahre zu rekonstruieren und dabei dem Horizont sowohl der Erzählzeit wie auch der erzählten, erlebten Zeit gerecht zu werden. Wie viele zeitgeschichtlich fundierte Romane entkommt auch dieser nicht immer der Versuchung, Dinge nachzuerzählen, die wir schon aus der Tagesschau kennen. Und manchmal ergeht sich der Roman etwas zu sehr in begrifflichen Operationen, wo die Anschauung allein es auch getan hätte - kein Wunder, wenn einer der Autoren von Beruf Makrosoziologe ist. Aber das tut dem Vergnügen an diesem kollaborativen Hybrid aus Recherche und Reflexion fast keinen Abbruch.

Heinz Bude, Bettina Munk, Karin Wieland: Aufprall. Roman. Carl Hanser Verlag, München 2020. 384 S., 24 Euro.

© SZ vom 02.10.2020

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