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Aufklärung:Gemeinsam trauern, gemeinsam verblöden

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Gemeinsam trauern und gemeinsam verblöden? "Wir brauchen dringend frische Denkansätze", sagt der indische Schriftsteller Pankaj Mishra.

(Foto: SZ)

Europa und Amerika haben sich nach den Terroranschlägen der letzten anderthalb Jahrzehnte auf ihre Grundwerte der Aufklärung besonnen - und sie zur Ideologie verzerrt.

Nach den terroristischen Anschlägen vom 11. September 2001 versicherte man sich im Westen ganz rasch der gemeinsamen zivilisatorischen Identität und Solidarität. Eine kleine Gruppe Krimineller war für die mächtigsten und wohlhabendsten Gesellschaften der Welt natürlich keine tödliche Gefahr. Und doch wirkte dieses kollektive gegenseitige Versichern bestimmter westlicher Freiheiten und Privilegien wie ein natürlicher, emotionaler Reflex. "Wir müssen uns einig sein, was zählt", schrieb Salman Rushdie damals: "Sich öffentlich zu küssen, Speckbrote, Meinungsverschiedenheiten und extravagante Mode."

Susan Sontag wirkte dagegen taktlos, als sie von "scheinheiliger, weltfremder Rhetorik" sprach, von "Vertrauensbildung und Trauermanagement", die an die "einstimmig bejubelten, selbstbeweihräuchernden Plattitüden eines sowjetischen Parteitags" erinnerten. Sie wurde scharf dafür angegriffen, als sie darauf bestand, dass "wir auf jeden Fall gemeinsam trauern, aber auf keinen Fall gemeinsam verblöden" sollten.

Selbstbeweihräuchende Plattitüden

Jetzt, da die Kriege des Nahen Ostens auf Europa durchschlagen, trifft das manische "Allahu-Akbar"-Geheul auf den Trommelwirbel der "westlichen Werte" und die Beschwörungen westlicher Grundwerte wie der Aufklärung. Wieder "wird von der Öffentlichkeit gar nicht verlangt, dass sie sich zu viel von der Last der Realität zumutet", wie Sontag warnte.

Viele Autoren und Journalisten gehen gegen die Barbaren auf die Barrikaden kosmopolitischer Sinnenfreude. Gegen den populären Hashtag #prayforParis schrieb ein ehemaliger Zeichner von Charlie Hebdo auf Instagram, dass "unser Glaube der Musik gehört! Dem Küssen! Dem Leben! Dem Champagner und der Freude!" Die Zeitschrift, für die er früher arbeitete, krönte die unzähligen Oden an die Pariser Lebensfreude mit einem Titel, auf dem stand: "Sie haben Waffen. Scheiß drauf. Wir haben Champagner."

Solche Proklamationen, die so wirken, als ob bourgeoise Annehmlichkeiten im Westen selbstverständlich für alle da sind, passen ganz eigenartig zu den Ausbrüchen junger Dschihadisten über die westliche "Dekadenz". Natürlich sollen sie Trost und Zuspruch sein, aber sie verschleiern so manche komplexe Realität. Denn der Westen oder selbst Paris sind viel zu vielschichtig, als dass man sie auf ein Schlagwort wie die Aufklärung reduzieren könnte, ganz zu schweigen von Dom Pérignon.

Ein Krieg an mehreren Fronten

Der treueste Verbündete des so vehement säkularen Frankreich im Nahen Osten ist eine fundamentalistische Theokratie: die wahre ideologische Heimat des IS. Und weil Frankreich es immer noch nicht geschafft hat, seinen spätimperialen Impuls loszuwerden, rebellische Eingeborene militärisch niederzuzwingen, führte es in den letzten Jahren einen Krieg an mehreren Fronten: Afghanistan, Elfenbeinküste, Libyen, Zentralafrikanische Republik, Mali. Die unglückseligen Zivilisten von Raqqa wissen nur zu gut, dass Frankreich nicht nur Champagner, sondern auch Waffen hat.

Vierzehn Jahre nach 9/11 befindet sich die realitätsverschleiernde Rhetorik des Westens mit seinem ideologischen Zwilling in einem extremen Wettstreit, mit einer eskalierenden Dialektik aus Bombenangriffen aus der Luft und Massakern vor Ort. Je stärker das Chaos aus dem Nichtwesten in den Westen drängt, desto aggressiver wird dieser Wettstreit, der sich auch noch bestens in den Rassenhass auf Einwanderer, Flüchtlinge und Muslime fügt. Noch bedrohlicher ist dabei, dass er den Moment der Selbsterkenntnis in mächtigen Kreisen hinauszögert, die uns ein Jahrhundert nach dem Ersten Weltkrieg offensichtlich in einen neuen, unkontrollierbaren Flächenbrand führen.

Intellektuelle Rückzugsgefechte

Ein Beispiel für die intellektuellen Rückzugsgefechte fand sich neulich in der Financial Times in einem Text des außenpolitischen Kolumnisten Philip Stephens mit dem Titel: "Die Anschläge von Paris müssen Europa aus seiner Selbstzufriedenheit rütteln. Die Idee, dass der Westen Mitschuld haben könnte, beruht auf einem zersetzenden moralischen Relativismus."

Stephens Text beginnt mit einem Angriff auf alle, die glauben, dass "in der Welt nichts Furchtbares geschehen kann, ohne dass irgendwie der Westen im Allgemeinen und die USA im Besonderen daran schuld sind". Er verflucht all diese Irregeleiteten, "die im Schatten von Edward Snowdens Enthüllungen glauben, dass die größte Gefahr für Europas Freiheit von elektronischen Schnüffeleien der Geheimdienste ausgeht, und nicht von den Dschihadisten." Nach einem Aufruf zur Kampfbereitschaft schreibt er verächtlich über die "Selbstgefälligkeit, die die Aufklärung für eine Selbstverständlichkeit hält und den Willen untergraben hat, seine Fundamente zu verteidigen".

Pankaj Mishra (46) ist ein indischer Schriftsteller und Essayist. Er gilt als einer der wichtigsten Intellektuellen der nichtwestlichen Welt. Für sein letztes Buch "Aus den Ruinen des Empires" bekam er 2014 den Leipziger Buchpreis.

Die Lektionen sind verloren, wenn man die Erinnerungen an Vietnam und den Irak verdrängt

Und wer ist der Hauptübeltäter bei einem offensichtlich weit verbreiteten "Verrat der Intellektuellen", der die Aufklärung ad absurdum führt und den Kampfgeist auslaugt? Das ist mal wieder Jeremy Corbyn, der viel geprügelte neue Chef der Labour Party. Stephens drischt auf Corbyn ein, einen älteren Pazifisten und Sozialisten, weil der seine Patriotenpflicht verletzt hat, mit seinem Schwur, niemals Atomwaffen einzusetzen oder seiner Weigerung, vor der Queen niederzuknien.

Angehörige des militärisch-intellektuellen Komplexes greifen diese politisch eigentlich unbedeutende Figur immer öfter an, um sich als weltgewandte, vernünftige und verantwortungsvolle Mitglieder eines Establishments zu beweisen und in einer zunehmend rechtslastigeren politischen und medialen Kultur zu überleben. Stephens behauptet sehr durchsichtig, Corbyn lebe in einer Zeitschleife voller Ansichten, die noch überholter seien als Fidel Castro, weil seine "prägenden Erinnerungen" aus der Zeit des Vietnamkrieges und CIA-Übeltaten in Lateinamerika stammten.

Ich kann mir denken, wie Corbyn zum Vietnamkrieg stand, aber ich kenne ihn, wie viele andere Zeitungsleser in Großbritannien auch, vor allem als mutigen Abweichler in Tony Blairs Kriegspartei, der sich gegen die spätimperialistischen Abenteuer im Nahen Osten und Nordafrika stellte, der sehr präzise vor den Rückschlägen warnte und gegen den schmutzigen Krieg der CIA gegen die Aufklärung Stimmung machte, zu dem Exekutionen, Folter, Verschleppung, unbegrenzte Haft und Massenüberwachung gehörten.

Solch weltfremde Rhetorik über Corbyn und überhaupt über jede Form von Linksintellektualismus ist für professionelle Berater der Macht unverzichtbar geworden, seit ihr Debakel immer deutlicher wird. Es ist ja nicht nur so, dass solche angeblich geistig verwirrten 68er und anachronistischen Straßenaktivisten die Dreistigkeit besitzen, ein paar unbequeme Wahrheiten in politischen Foren zu äußern: dass die Politik der USA, Großbritanniens und Frankreichs nach 9/11 mit ihren vorbeugenden Kriegen, ihren massiven Rachefeldzügen, Umstürzen und ihren Nationenbildungen katastrophal versagt hat.

In unserer Zeit hat sich die Macht der technokratischen Elite vervielfacht

Die andauernd im Dunkeln gehaltenen Bürger sehen die verheerenden Folgen ja in beängstigender Schärfe: Massaker daheim, gefolgt von eskalierenden Kriegen im Ausland, sowie ein unumkehrbarer Abbau der Bürgerrechte für einen ewigen Krieg gegen echte und vermeintliche Feinde. Während sich dieses Fiasko also entfaltet, können die perplexen Experten, Strategen, Spione, Schnüffler und Meinungsmacher nur noch nach Sündenböcken suchen - und die finden sie unter den quasi-volksverräterischen Linken und Liberalen, die den "Westen" immer dazu zwingen, mit mindestens einer gebundenen Hand zu kämpfen.

Wir hatten das alles schon mal, mit den Parteigängern von mehr Bomben und höheren Opferzahlen, aber die Lektionen sind für all die verloren, die die Erinnerungen an Vietnam und den Irak verdrängen. In den frühen Siebzigerjahren schrie David Halberstam sein Buch "Die Besten und Klügsten" über die Kennedy-Regierung aus der Fassungslosigkeit heraus, wie hochgebildete Akademiker, Intellektuelle, Bürokraten und Geschäftsleute in Vietnam auf ihre eigenen Mythen von moralischer Überlegenheit und militärischer Feuerkraft hereinfallen konnten.

In unserer Zeit hat sich die Macht der technokratischen Elite vervielfacht, unterstützt von der verschwenderischen Alimentierung unsicherer Politiker und selbstsüchtiger Geschäftsleute. So kam es zur Delegitimierung abweichender Meinungen in den Mainstream-Medien und Universitäten und zu einer weitreichenden Depolitisierung.

Da überrascht es nicht, dass sich die verwöhnte und intellektuell kastrierte Industrie der Expertisen und Meinungen heute angesichts des weltweiten Schlachtens vor allem durch Ahnungslosigkeit beweist. Wir brauchen dringend echte Auseinandersetzungen und frische Denkansätze - die Tradition der Selbstkritik, mit der sich der Westen einst ja wirklich unterschied und aufklärte. Solange eifrige Konformisten und Karrieristen in der öffentlichen Debatte den Ton angeben, wird endloser Krieg die Standardannahme bleiben. Genauso wie die selbstbeweihräuchernden Plattitüden des Westernismus nach jeder neuen Katastrophe dafür sorgen werden, dass wir weiter gemeinsam trauern und gemeinsam verblöden.

© SZ vom 19.12.2015/luc
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