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Aufarbeitung von 9/11 im Comic:Superhelden-Dämmerung

Wenn der Ernstfall eintritt: Die Zerstörung ganzer Städte oder gar von Planeten war schon lange ein Teil der Phantasiewelt in amerikanischen Comics. Doch als die Realität mit dem 11. September 2001 tatsächlich apokalyptisch wurde, verunsicherte dies auch die Comic-Autoren: Bis dahin waren ihre Superhelden dem wirklichen Leben stets voraus - seit 9/11 hinken sie der Realität hinterher.

Die wahren Helden vom 11. September sind nicht super. Ihre Kräfte gleichen denen von Menschen, sie tragen Uniformen und leben in der Realität. Sie arbeiten als Feuerwehrmänner, Polizisten und andere Hilfskräfte. Sie erledigten nach den Anschlägen in New York und Washington D. C. einfach nur ihren Job.

Cartoonisten zu 9/11

Mit aller Brutalität

Aufrecht stehen sie in der ersten Reihe, vor ihrer Flagge und auch noch vor den heldenhaften Vorbildern der Populärkultur. Auf der letzten Seite des Comics Amazing Spider Man 36, dessen Cover komplett Trauerflor trägt, zollte die Populärkultur diesen Männern und Frauen so ihren Respekt.

Im Comic selbst erzählt Autor J. Michael Straczynski von der Hilflosigkeit der Superhelden, die trotz ihrer Superkräfte nicht in der Lage waren, die gekaperten Flugzeuge zu stoppen. Ein Kunststück, das Superman bereits unzählige Male auf dem Papier vollbracht hat. Aus Demut reihen sie sich hinter den Hilfskräften ein, denen in Comics wie The Call of Duty sogar die Ästhetik der Superhelden übergestülpt wurde.

In der Zeit nach 9/11 zeichnet sich eine nachhaltige Veränderung vom Verhältnis zwischen Populärkultur und Realität ab. Mehr als sechzig Jahre waren die amerikanischen Superhelden die Speerspitze amerikanischer Einbildungskraft: Sie repräsentierten positive Werte, bekämpften soziale Probleme und zogen bereitwillig gegen jeden Gegner in den Krieg.

Oft waren sie der Realität sogar einen Schritt voraus: Bereits acht Monate vor dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg verpasste Captain America im Comic Adolf Hitler einen Kinnhaken. Im Kalten Krieg bekämpften die Heroen den Sowjetkommunismus. Das ist Vergangenheit: Nach den Anschlägen auf das World Trade Center schmälerte sich ihre breite Heldenbrust.

Lag zuvor der Fokus auf Katastrophen wie der Verwüstung ganzer Städte oder gar von Planeten, so standen die Superhelden nun selbst im Blickpunkt. Nur einen Tag nach den Anschlägen vom 11. September 2001 erschien eine Superman-Geschichte, in der die "Twin Towers" eines dem World Trade Center ähnlichen Gebäudes beschädigt wurden. Alles, was nur entfernt mit sinnloser Zerstörung zu tun hatte, wurde in Bezug zum 11. September gesetzt.

Doch erst mit dem zeitlichen Abstand gelang eine kritische Auseinandersetzung mit den Ereignissen. Der Patriot "Captain America" stellte als erster Superheld im Frühjahr 2002 die selbstkritisch gemeinte Frage: "Warum haben uns diese Terroristen überhaupt angegriffen?"

Captain America in Guantanamo

Solche Reflexionen ihres Heroen wollten die Leser nicht hinnehmen und John Ney Rieber gab daraufhin seinen Job als Captain-America-Autor auf. Doch auch Riebers Nachfolger Robert Morales blieb kritisch und schickte den Supersoldaten sogar ins berüchtigte Gefangenenlager in Guantanamo Bay.

Die Marvel-Comicreihe Civil War ging 2006 überdies so weit, amerikanische Regierungsentschlüsse indirekt zu kritisieren. Autor Mark Millar beschreibt eine Welt, in der sich alle Superhelden registrieren lassen müssen - angeblich zur Sicherheit der Bevölkerung. Die Parallelen zum Patriot Act, dem Anti-Terror-Gesetz der US-Regierung in Folge der Anschläge, sind nicht zu übersehen.

Doch obwohl sich die Comics in der Folge von 9/11 ganz offensichtlich stark veränderten, bildeten sie nur das ab, was schon immer Gegenstand ihrer Betrachtung gewesen war: Wie in den Jahrzehnten zuvor passte sich die Populärkultur dem Zeitgeist langsam wieder an.

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