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Atomkatastrophe in Japan: Todeseinsatz am AKW Fukushima-1:Darf man einen Menschen die Brücke hinunterstoßen?

Dem Land, der Gesellschaft, dem Staat etwas zu schulden (also im Zweifel auch sein eigenes Leben), ist in der liberalen Demokratie in Friedenszeiten kein systemimmanentes Gefühl. Und schon gar keine gesetzliche Pflicht. Zum Glück. Ein Atom-GAU wie der in Japan ist dann allerdings nicht nur in ökologischer, sondern auch in politischer Hinsicht der größte anzunehmende Unfall der post-heroischen Gesellschaft. "Heldentum ist Ausnahmezustand und meist Produkt einer Zwangslage", heißt es in Fontanes Stechlin.

Police wearing protective clothing and respirators head towards the Fukushima Daiichi Nuclear Plant in trucks in Minamisouma City

Police wearing protective clothing and respirators head towards the Fukushima Daiichi Nuclear Plant in trucks in Minamisouma City Police wearing protective clothing and respirators head towards the Fukushima Daiichi Nuclear Plant in trucks in Minamisouma City, Fukushima Prefecture March 12, 2011. Authorities moved tens of thousands of residents from area near two nuclear plants in Fukushima prefecture, some 240 km (150 miles) north of Tokyo, as they try to reduce pressure in the reactors. REUTERS/Yomiuri (JAPAN - Tags: DISASTER ENVIRONMENT IMAGES OF THE DAY) JAPAN OUT. NO COMMERCIAL OR EDITORIAL SALES IN JAPAN. FOR EDITORIAL USE ONLY. NOT FOR SALE FOR MARKETING OR ADVERTISING CAMPAIGNS

(Foto: REUTERS)

Sind Menschenopfer zulässig?

Die Befreiung vom Zwang zum Heldentum ist eine der erstaunlichsten Errungenschaften in der Geschichte der Menschheit. Auch deshalb, weil sie im Westen zwar gerne für selbstverständlich gehalten wird, aber bis heute keine Selbstverständlichkeit ist. Die mentalitätsgeschichtliche Provokation der Terroranschläge des 11. September 2001 lag genau in der Erinnerung an diese schmerzliche Tatsache.

Das Dogma oder vielmehr die herrschende, enorm zivilisierende moralische Intuition der liberalen Demokratie besteht schließlich darin, dass das Leben eines Menschen niemals Mittel zum Zweck sein darf. Nicht zuletzt deshalb sind die Einsätze im Irak und Afghanistan so umstritten - und werden von der Politik so ungern "Krieg" genannt. Vom Krieg weiß schließlich jeder, dass er ohne Tote nicht zu haben ist. Im Falle des Einsatzes von Menschen mit einer so hohen Todeswahrscheinlichkeit wie bei der Kühlung der Reaktoren von Fukushima-1 spitzt sich das Problem zu.

In der Philosophie hat das Nachdenken über die Zulässigkeit des Menschenopfers eine lange Tradition: Darf man töten, um Leben zu retten? Wirklich von der Stelle kommen die Überlegungen selten. Im Kern laufen sie oft auf eine Zurückweisung utilitaristischer Moraltheorien heraus, die in ihren einfachsten Formen besagen, dass man im Falle des Falles diejenige (moralische) Entscheidung zu treffen hat, die das maximale Glück für eine maximal große Zahl von Menschen nach sich zieht. Ein beliebtes Gedankenexperiment ist das sogenannte Trolley-Dilemma. Es geht darin unter anderem um die Frage, ob man einen Menschen eine Brücke hinunterstoßen darf, um mehrere andere zu retten. Von Philosophen wie Jürgen Habermas wird es aus guten Gründen als wirklichkeitsfremd zurückgewiesen.

Es dürfte kein Zufall sein, dass das vorbehaltlose Menschenopfer in Hollywood nur im Historienfilm einen festen Platz hat. In jüngerer Zeit, in Zack Snyders 300, etwa in einer Verfilmung eines Comics, der sich an die antike Geschichte von der Schlacht bei den Thermopylen anlehnt, in der sich 300 Spartaner einer persischen Übermacht entgegenstellten und allesamt ihr Leben verloren. Um der Freiheit Spartas willen. Oder in John Waynes Alamo (1960), in dem Texas seine Unabhängigkeit von Mexiko verteidigen muss. In beiden Fällen herrschen heroische, im Grunde vorzivilisatorische Zustände. Die Freiheit und Individualität, die wir heute selbstverständlich genießen dürfen, muss den Verhältnissen erst mit aller Macht abgetrotzt - nicht verteidigt werden. Der politische Handlungsspielraum ist dementsprechend groß. Ebenso wie der Preis.

Es ist eine bittere Ironie der Filmgeschichte, dass im ersten, 1954 gedrehten Godzilla-Film von Ishiro Honda das übermächtige Monster am Ende nicht durch individuellen Heldenmut gestoppt wird. Die Rettung bringt vielmehr erst der Einsatz einer atomaren Wunderwaffe, des Oxygen Destroyer, dessen Einsatz sein Erfinder Dr. Serizawa eigentlich nicht zulassen will, weil er ihren Missbrauch und noch größere Katastrophen fürchtet. Wunderwaffen gibt es für Fukushima-1 keine mehr. Es werden Helden gebraucht. Nach Lage der Dinge können das nur Freiwillige sein.

© SZ vom 17.03.2011/kar/lala
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