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Atomkatastrophe in Japan: Todeseinsatz am AKW Fukushima-1:Das Dilemma des Menschenopfers

An den geborstenen Reaktoren im AKW Fukushima-1 arbeitet nur noch ein letztes Aufgebot. Es kämpft auf verlorenem Posten. Die japanischen Helfer begeben sich auf ein Himmelfahrtskommando. Womöglich werden Tausende Freiwillige gebraucht. Kann eine liberale Demokratie ihre Bürger zum Heldentum verpflichten?

Jens-Christian Rabe

In der Meldung, dass zwischenzeitlich nur noch fünfzig Arbeiter um die Kühlung des havarierten japanischen Atomkraftwerks Fukushima-1 kämpften, stecken fünfzig einzelne Menschenleben. Wegen der hohen radioaktiven Strahlenbelastung, der sie vor Ort ausgesetzt waren und weiter sind, sind ihre langfristigen Überlebenschancen deutlich gesunken. In der Meldung steckt aber auch ein moralisches Dilemma der liberalen Demokratie, über das nachzudenken eigentlich unmöglich ist, weil die Arbeiter noch leben. Das Dilemma ist allerdings so sehr Teil der laufenden Ereignisse, dass es ebenso unmöglich ist, nicht darüber nachzudenken.

Japan nach dem Tsunami - Soldaten mit Schutzmasken
(Foto: dpa)

Formulieren lässt es sich sehr einfach: Es sieht so aus, als müssten in Japan Menschen geopfert werden, damit andere Menschen gerettet werden können. Mit anderen Worten: Um den havarierten Reaktor, so gut es eben geht, zu kühlen, werden Helfer gebraucht, die wiederum einer hohen, den menschlichen Körper stark schädigenden Strahlenbelastung ausgesetzt sind. Wie viele Menschen dafür gebraucht werden, ist bislang völlig unklar. Vermutlich aber viel mehr Menschen, als man sich derzeit vorstellen kann. Und zwar schon allein deshalb, weil noch völlig unklar ist, wie viele Menschen gerettet werden müssen. Das künftige Ausmaß und der Verlauf der Katastrophe ist kaum vorhersehbar.

Japan ist zudem kein autoritärer Staat. Beim Super-GAU von Tschernobyl im April 1986 befahl die sowjetische Führung innerhalb kurzer Zeit Tausende junger Soldaten, sogenannte Liquidatoren, als Katastrophenhelfer an den Unglücksort. Ähnliches wird der japanischen Regierung nicht möglich sein.

Man bekommt eine Ahnung davon, was für eine Zumutung die Lage in Japan heute für eine westliche Demokratie bedeutet, wenn man einen Blick auf drei berühmte Hollywood-Filme wirft, in deren Kern das Menschenopfer um der guten Sache willen steht: Roland Emmerichs Independence Day, Michael Bays Armageddon und Clint Eastwoods Gran Torino.

In allen drei Fällen werden Situationen konstruiert, die das jeweilige Selbstopfer ein entscheidendes Quäntchen logischer erscheinen lassen, als es sein müsste. Dem Zuschauer wird für sein schlechtes Gewissen gegenüber so viel Todesmut eine Hintertür aufgemacht. In Independence Day ist der Pilot Russell Casse, der im Stil eines Kamikazefliegers das Mutterschiff der Außerirdischen zur Explosion bringt, bereits ein Ausgestoßener der Gesellschaft - er gilt als verrückt.

In Armageddon bestehen für die Mitglieder des wagemutigen Bohrteams reale Überlebenschancen. Sollten sie versagen, würde mit ihnen die ganze Welt untergehen. Und in Gran Torino weiß der von Clint Eastwood gespielte Kriegsveteran Walt Kowalski, dass er unheilbar krank ist, bevor er unbewaffnet die Gang herausfordert, die seine Nachbarschaft terrorisiert.

Ganz abgesehen davon, dass die Lösung des Menschenopfer-Dilemmas im Film überwiegend individualethisch motiviert ist, es ist in den Filmen - und in der liberalen Demokratie - eine private Entscheidung aus Pflicht- oder Verantwortungsgefühl geworden - oder, noch authentischer, im Falle des Armageddon-Himmelfahrtskommandos eine aus Gier. Die Bohrspezialisten legen erst los, als ihnen als Belohnung unter anderem lebenslange Steuerfreiheit versprochen wird. Nirgends ist augenfälliger, wie stark der freiheitliche Staat von Voraussetzungen lebt, "die er selbst nicht garantieren kann" (Ernst-Wolfgang Böckenförde), also anordnen. Und zwar schon allein deshalb nicht, weil in einem System, in dem sich das Individuum erst einmal gegenüber der Gesellschaft behaupten muss, wie das im zeitgenössischen Informationskapitalismus mehr denn je der Fall ist, Solidarität ein enorm prekäres Gut ist.

Darf man einen Menschen die Brücke hinunterstoßen?

Dem Land, der Gesellschaft, dem Staat etwas zu schulden (also im Zweifel auch sein eigenes Leben), ist in der liberalen Demokratie in Friedenszeiten kein systemimmanentes Gefühl. Und schon gar keine gesetzliche Pflicht. Zum Glück. Ein Atom-GAU wie der in Japan ist dann allerdings nicht nur in ökologischer, sondern auch in politischer Hinsicht der größte anzunehmende Unfall der post-heroischen Gesellschaft. "Heldentum ist Ausnahmezustand und meist Produkt einer Zwangslage", heißt es in Fontanes Stechlin.

Police wearing protective clothing and respirators head towards the Fukushima Daiichi Nuclear Plant in trucks in Minamisouma City

Police wearing protective clothing and respirators head towards the Fukushima Daiichi Nuclear Plant in trucks in Minamisouma City Police wearing protective clothing and respirators head towards the Fukushima Daiichi Nuclear Plant in trucks in Minamisouma City, Fukushima Prefecture March 12, 2011. Authorities moved tens of thousands of residents from area near two nuclear plants in Fukushima prefecture, some 240 km (150 miles) north of Tokyo, as they try to reduce pressure in the reactors. REUTERS/Yomiuri (JAPAN - Tags: DISASTER ENVIRONMENT IMAGES OF THE DAY) JAPAN OUT. NO COMMERCIAL OR EDITORIAL SALES IN JAPAN. FOR EDITORIAL USE ONLY. NOT FOR SALE FOR MARKETING OR ADVERTISING CAMPAIGNS

(Foto: REUTERS)

Sind Menschenopfer zulässig?

Die Befreiung vom Zwang zum Heldentum ist eine der erstaunlichsten Errungenschaften in der Geschichte der Menschheit. Auch deshalb, weil sie im Westen zwar gerne für selbstverständlich gehalten wird, aber bis heute keine Selbstverständlichkeit ist. Die mentalitätsgeschichtliche Provokation der Terroranschläge des 11. September 2001 lag genau in der Erinnerung an diese schmerzliche Tatsache.

Das Dogma oder vielmehr die herrschende, enorm zivilisierende moralische Intuition der liberalen Demokratie besteht schließlich darin, dass das Leben eines Menschen niemals Mittel zum Zweck sein darf. Nicht zuletzt deshalb sind die Einsätze im Irak und Afghanistan so umstritten - und werden von der Politik so ungern "Krieg" genannt. Vom Krieg weiß schließlich jeder, dass er ohne Tote nicht zu haben ist. Im Falle des Einsatzes von Menschen mit einer so hohen Todeswahrscheinlichkeit wie bei der Kühlung der Reaktoren von Fukushima-1 spitzt sich das Problem zu.

In der Philosophie hat das Nachdenken über die Zulässigkeit des Menschenopfers eine lange Tradition: Darf man töten, um Leben zu retten? Wirklich von der Stelle kommen die Überlegungen selten. Im Kern laufen sie oft auf eine Zurückweisung utilitaristischer Moraltheorien heraus, die in ihren einfachsten Formen besagen, dass man im Falle des Falles diejenige (moralische) Entscheidung zu treffen hat, die das maximale Glück für eine maximal große Zahl von Menschen nach sich zieht. Ein beliebtes Gedankenexperiment ist das sogenannte Trolley-Dilemma. Es geht darin unter anderem um die Frage, ob man einen Menschen eine Brücke hinunterstoßen darf, um mehrere andere zu retten. Von Philosophen wie Jürgen Habermas wird es aus guten Gründen als wirklichkeitsfremd zurückgewiesen.

Es dürfte kein Zufall sein, dass das vorbehaltlose Menschenopfer in Hollywood nur im Historienfilm einen festen Platz hat. In jüngerer Zeit, in Zack Snyders 300, etwa in einer Verfilmung eines Comics, der sich an die antike Geschichte von der Schlacht bei den Thermopylen anlehnt, in der sich 300 Spartaner einer persischen Übermacht entgegenstellten und allesamt ihr Leben verloren. Um der Freiheit Spartas willen. Oder in John Waynes Alamo (1960), in dem Texas seine Unabhängigkeit von Mexiko verteidigen muss. In beiden Fällen herrschen heroische, im Grunde vorzivilisatorische Zustände. Die Freiheit und Individualität, die wir heute selbstverständlich genießen dürfen, muss den Verhältnissen erst mit aller Macht abgetrotzt - nicht verteidigt werden. Der politische Handlungsspielraum ist dementsprechend groß. Ebenso wie der Preis.

Es ist eine bittere Ironie der Filmgeschichte, dass im ersten, 1954 gedrehten Godzilla-Film von Ishiro Honda das übermächtige Monster am Ende nicht durch individuellen Heldenmut gestoppt wird. Die Rettung bringt vielmehr erst der Einsatz einer atomaren Wunderwaffe, des Oxygen Destroyer, dessen Einsatz sein Erfinder Dr. Serizawa eigentlich nicht zulassen will, weil er ihren Missbrauch und noch größere Katastrophen fürchtet. Wunderwaffen gibt es für Fukushima-1 keine mehr. Es werden Helden gebraucht. Nach Lage der Dinge können das nur Freiwillige sein.

© SZ vom 17.03.2011/kar/lala
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