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"Atlantique" auf Netflix:Verliebt in einen Geist

Film

Die Albträume von Ada (Mama Sane) übernehmen bald auch die Kontrolle über ihre Tagwelt, als sei die Realität von einem Virus infiziert.

(Foto: Netflix)

Die französisch-senegalesische Regisseurin Mati Diop erzählt in ihrem Film "Atlantique" von einer jungen Frau, deren Leben aus den Fugen gerät, als ihr Geliebter auf einem Boot nach Europa flüchtet und verschwindet.

Von Jörg Häntzschel

Aus Afrika nach Europa zu fliehen, heißt, unsichtbar zu werden. Manche Flüchtende ertrinken und verschwinden für immer, nichts bleibt von ihnen. Die anderen müssen sich verstecken, in Zügen oder an Grenzübergängen. Wenn sie Glück haben, dürfen sie später bleiben, dann verräumt der Staat sie in Unterkünften und sorgt dafür, dass sie möglichst nicht gesehen werden. Nur die wenigsten dürfen irgendwann wieder in der Welt erscheinen als die, die sie sind: Menschen mit Namen, Geschichte, Persönlichkeit, mit Geliebten und Kindern.

Die meisten Geschichten, die in den letzten Jahren über Afrikas Geflüchtete erzählt wurden, handelten von diesem schwierigen Auftauchen in Europa. Die junge französisch-senegalesische Regisseurin Mati Diop hat in "Atlantique", ihrem ersten Spielfilm, nun die andere Geschichte erzählt: die des Verschwindens der Flüchtenden aus Afrika und die der Zurückgebliebenen, die an ihrer Abwesenheit irre werden.

"Atlantique" lief als erster Film einer schwarzen Filmemacherin im Wettbewerb von Cannes und wurde dort mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet. Umso enttäuschender ist es, dass der Streamingdienst Netflix, der den Film coproduziert hat, ihn in Deutschland ohne große Werbung in den Tiefen seiner Mediathek versenkt. Er hätte eine bessere Behandlung verdient. Nicht nur, weil er der Migrationsdebatte, von der die Europäer oft glauben, sie könnten sie alleine führen, eine ganz neue Facette hinzufügt. Sondern auch seines so berührenden wie eigenwilligen Erzählstils wegen. Kritiker, die mit den nächtlichen Friedhofsszenen und weißen Augäpfeln rangen, die unversehens die Geschichte einer wartenden Liebenden unterwandern, erfanden für "Atlantique" eigens neue Genrebegriffe: "Voodoo-realistisches Drama" oder "Doku-Mystery". Nicht immer ist Diops Appropriation des Geister-Genres ganz plausibel, doch daran, dass sie sich aus guten Gründen dafür entschieden hat, gibt es nie einen Zweifel.

Der Film zeigt, was passiert, wenn eine ganze Gesellschaft krank vor Angst wird

Doch der Film beginnt ganz anders, als kleine, intime Liebesgeschichte. In Dakar, direkt am Atlantik, wird ein futuristischer Wolkenkratzer hochgezogen. Er sieht aus wie ein Eisberg in flirrender Hitze. Die Bauarbeiter schreien ihren Chef an, weil sie seit Wochen kein Geld bekommen haben, doch der zuckt nur mit den Achseln. Mit ausdruckslosen Gesichtern, wie Baumaterial auf der Ladefläche eines Lasters liegend, lassen sich die Männer in die Stadt zurückbringen, so als spürten sie das Unrecht, die Schlaglöcher, den Staub gar nicht. Nur ein Gesicht sticht heraus: das von Souleiman (Ibrahima Traoré). Wut mischt sich darin mit Entschlossenheit. Es ist klar: Noch einmal wird er nicht auf diesen Laster steigen.

Kurz bevor er später seine Freundin Ada (Mama Sane) umarmen kann, werden die beiden von einem Güterzug getrennt, der lärmend mitten durch ihren Vorort rollt. Sie sehen sich, sie sehen sich nicht, sie sehen sich. Ada lacht ihn durch die Lücken zwischen den ratternden Waggons an. Souleiman lacht nicht zurück. Er weiß, dass auf dieses verliebte Versteckspiel bald bitterer Ernst folgt. Diop, die selbst als Schauspielerin begonnen hat - unter anderem in Claire Denis' "35 Rum" -, gelingt hier mit ihren beiden Hauptdarstellern, die vorher noch nie vor einer Kamera standen, eine grandiose Eröffnung.

Ada versteht nicht, warum Souleiman sie am helllichten Tag zu Küssen drängt, warum er ihr seine Kette schenkt. Erst am Abend weiß sie, dass das ein Abschied sein sollte. Von ihren Freundinnen erfährt sie, dass die Jungs weg sind, wie so viele vor ihnen. Mit winzigen Booten wollen sie die Westküste Afrikas hinauf und nach Spanien. Ein langer Blick auf die nächtliche Brandung lässt keine Hoffnung: Das Meer in "Atlantique" ist ein tosendes Nichts. Es wird jeden, der sich hineinwagt, verschlucken.

Es ist nicht nur die Angst um Souleiman, die Ada nun quält, sondern auch die um sich selbst. Das Verschwinden ihres Geliebten - sein Verrat? - macht es ihr noch schwerer, sich der Ehe mit dem neureichen Omar (Babacar Sylla) zu widersetzen, die ihre Familie arrangiert hat. Unter Schleiern wie ein Produkt in der Verpackung, in Limousinen verfrachtet wie ein Requisit, lässt sie die opulenten Hochzeitsfeierlichkeiten über sich ergehen. Bis wir sie auf der Kante ihres grotesken neuen Ehebetts hockend sehen, als wäre es die Pritsche einer Gefängniszelle. Wie zuvor Souleiman auf dem Laster entschließt sie sich, nicht mehr mitzuspielen.

An dieser Stelle nimmt der Film seine unerwartete Wendung ins Surreale und Übernatürliche. Die Albträume, die Ada im Schlaf aufschrecken lassen, übernehmen die Tagwelt, als sei die Realität infiziert von einem Virus. Das protzige Ehebett geht in Flammen auf; ein Polizist krümmt sich unter rätselhaften Fieberattacken; und Souleiman, der Ada nachts als Leiche in einem Fischernetz erschien, soll in der Stadt gesehen worden sein. Sie weiß nicht, was schlimmer ist: dass er weg ist oder heimlich da, in Spanien angelangt, ohne sie anzurufen - oder längst ertrunken.

Jeder weiß, wie es ist, wenn man buchstäblich krank ist vor Angst um einen geliebten Menschen. Diop zeigt, was passiert, wenn dieses Gefühl eine ganze Gesellschaft erfasst. Dass diese kollektive Erschütterung wiederum Symptom ist für die globale Ungerechtigkeit, muss sie nicht extra erwähnen. Was Souleiman wirklich passiert ist, dem müsste ein anderer Film nachgehen. Mati Diop erzählt, wie er und die anderen verschwundenen Männer die Zurückgeblieben als Geister heimsuchen. Die Frauen sind besessen, aber es ist eine Besessenheit, die ihnen nicht nur erlaubt, Seelen und Körper zu tauschen und sich mit ihren abwesenden Geliebten zu vereinen. Sie setzt auch bei ihnen Kräfte frei, von denen sie nichts ahnten. Was auch immer den Männern geschehen ist: Ihr Versuch, das Leben in die eigene Hand zu nehmen, war nicht ganz vergebens.

Atlantique, Frankreich/Senegal/Belgien 2019 - Regie: Mati Diop. Buch: Olivier Demangel, Mati Dio. Kamera: Claire Mathon. Mit: Mama Sané, Ibrahima Traore.

© SZ vom 24.12.2019
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