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Neuer Asterix-Band:Wider das Wildschwein-System

Eine junge rebellische Frau in einem Dorf voller Hinterwäldler: Mit dem neuen Band "Die Tochter des Vercingetorix" soll das Asterix-Universum jünger und diverser werden. Das funktioniert nur bedingt.

Schön, trotzig und stolz steht sie auf dem Cover zwischen den älteren Herren Asterix und Obelix, um den Hals den Wendelring verdienter Krieger, in ihrem Gürtel steckt ein Schwert. Wie eine Fahne steht der lange rote Zopf im Wind. Ist sie es nun, oder ist sie es nicht? Darüber rätselten Asterix-Experten, seit erste Bilder des neuen Albums veröffentlicht wurden. Gemeint ist Greta Thunberg, die jugendliche Klimaaktivistin, der die Titelheldin des neuen, nunmehr 38. Asterix-Bandes - ein bisschen jedenfalls - ähnlich sieht. Adrenaline heißt sie, ein schwungvoller Name, und tatsächlich ist sie so rebellisch wie die berühmte Greta. "Die Zukunft Galliens ist jung. Und weiblich!", jubelt der Egmont Ehapa-Verlag, der das neue Album auf den deutschen Markt bringt. Ist "Die Tochter des Vercingetorix", der an diesem Donnerstag mit einer Startauflage von fünf Millionen Exemplaren erschienen ist, womöglich ein feministischer "Asterix"? Fällt den Galliern ihr Himmel voller Männerliebe und Männerprügeleien nun doch noch auf den Kopf?

60 Jahre alt ist Asterix in diesem Jahr geworden, da hat man feste Gewohnheiten. Auf der ersten Seite ist wie immer das Stammpersonal der Reihe zu sehen: Asterix und Obelix, der Druide Miraculix, Troubadix und Majestix. Eine Frau fehlt auf den vorderen Plätzen, selbst Idefix mit seinem Hundeschnurrbart dürfte ein Rüde sein. Das berühmte Dorf der Unbeugsamen ist ein Dorf alter weißer Männer; Frauen sind nur als mütterlich-resolute Matrone oder sexy Anhängsel zu sehen.

Zeit für eine Revision also. Jean-Yves Ferri und Didier Conrad haben 2013 Albert Uderzo als Autor der Serie abgelöst und stehen seitdem vor der schwierigen Aufgabe, den Klassiker fortzuführen, ihm immer wieder Leben einzuhauchen, ohne die alte Leser zu verschrecken. "Die Tochter des Vercingetorix" ihr vierter Band und, nach "Der Papyrus des Cäsar" mit seinen Internet-Witzen und dem wieder eher traditionellen "Asterix in Italien", ein weiterer Versuch, das Asterix-Universum zu modernisieren.

Adrenaline ist die Tochter des legendären Gallierfürsten Vercingetorix, der um das Jahr 50 vor Christi den letzten großen Aufstand der Gallier gegen Rom anführte, sich bei der Schlacht in Alesia jedoch Cäsar geschlagen geben musste. Nach dem Willen der geheimen Widerstandsgruppe Apo ("Averner proben Opposchitschion"), soll der gallische Widerstand unter ihrer Führung wieder aufleben. Was allerdings so gar nicht in Adrenalines Sinne ist: Warum kämpfen und Krieg führen, wo Gallier und Römer doch zusammenarbeiten könnten - gebt ihnen Saatgut statt Waffen! Lasst sie zusammen Getreide und Blumen anbauen! Wider das Wildschwein-System, in dem Tiere überjagt werden! Die Jugend hat solche verrückte Ideen.

Wie viel Zündstoff in solchen Visionen liegen kann, wie viel ein junger Mensch bewegt, der zur richtigen Zeit den Finger in die Wunden der Erwachsenen legt, beweist gerade die berühmte Greta (die wie Didier Conrad im SZ-Interview beteuert, allerdings nicht Vorbild für Adrenaline war). Die wildschweinfressenden alten Männer mit ihren gestreiften Hosen und Flügelhelmen, den Hinkelsteinen und dem seltsamen Frauenbild wirken trotzdem mehr denn je wie Hinterwäldler.

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Hat Miesetrix, ein Verräter und der Bösewicht der Geschichte, nicht recht, wenn er konstatiert, dass die Welt sich gewandelt habe und die Zukunft Cäsar gehöre? Wie ernst die Lage ist, dass Adrenaline mit ihrem jugendlich-modernen Blick an den Grundfesten des Asterix-Universums rüttelt, erkennt scharfsichtig der Kapitän der Piraten, der Asterix und Obelix inständig bittet: "Versenkt uns, tut irgendwas, aber ich flehe euch an: Lasst uns zum normalen Lauf der Dinge zurückkehren ..."

Als Verstärkung für die junge Fremde, die im gallischen Dorf vor den Römern versteckt wird, haben Ferri und Conrad ihr zwei einheimische Jugendliche an die Seite gestellt: Aspix, den Sohn des Fischhändlers, und Selfix, den Sohn des Schmieds. Die beiden stellen lustige pubertäre Dinge an, Selfix zum Beispiel schmiedet einen Helm wie eine Baseballkappe. Wirklich klug und komisch aber ist, wie Ferri und Conrad im Clash der Generationen die alten Helden liebevoll ironisch kommentieren: Obelix, das ewige Kind, bekommt den Auftrag, sich als "Jugendlicher" den anderen Jugendlichen anzunähern, um herauszufinden, was Adrenaline plant. Was spektakulär misslingt, weil Selfix und Aspix Hinkelstein und Zaubertrank als "Stützen des Wildschweinsystems" diskreditieren: "Wer weiß, was der Alte in den Zaubertrank mixt?", überlegt Selfix. Und Aspix ergänzt: Womöglich hat der dich so fett gemacht!" Woraufhin Obelix explodiert, um sich am Ende bei seinem Freund Asterix auszuweinen: "Die anderen Jugendlichen mögen mich niiicht!!!" Das Album ist wirklich lustig. So sollen sich Asterix und Obelix "ganz natürlich" verhalten, wenn sie den Jugendlichen hinterherspionieren - eine Anspielung auf den Authentizitätswahn unserer Zeit.

Vor allem zeichnerisch ist das Album ein Genuss. Eine Prügelei zwischen Schmied und Fischhändler ist ein Wirbel aus blonden Haaren und Bärten, roten Sternen, Autsch! und Paff!. Eine Rückblende (auf die Schlacht bei Alesia) kommt in Sepiatönen daher. Und ein Kampf gegen ein römisches Kriegsschiff besteht aus Wimmelbildern voller Römer (Massenszenen beherrscht der Zeichner Conrad besonders gut), die von Obelix in die Flucht geschlagen, auf die Schiffsplanken geklatscht, unter einer Enterbrücke begraben oder mittels dieser in die Luft geschleudert werden, während kleine Textfelder die römische Strategie des Enterns mittels eines "Corvus", der erwähnten Enterbrücke, erklären. Im Text ist das ein Erfolgsmodell.

Da ist Musik drin, hier zeigen die Autoren, was sie können. Auch die Übersetzung - wieder von Klaus Jöken - findet einen guten Ton. Dass die Story zweitrangig ist, der Spannungsbogen eher der einer Nummernrevue - geschenkt. Schwieriger ist, dass die Möglichkeiten zur Satire, die in dem Stoff stecken, im Verlauf der Geschichte fast völlig verläppern. Und Adrenalines Zopf ist zwar höchst dynamisch gezeichnet, ansonsten hat sie aber wenig Profil.

Die moderne Welt, die sich in ihrer Figur spiegelt, lässt sich eben nicht wirklich ins Asterix-Universum integrieren, ohne den Klassiker zu zerstören. Der Ausweg, den Ferri und Conrad finden, verdeutlicht nur die Zwickmühle, in der sie stecken: Adrenaline verliebt sich in einen jungen Kerl, Letitbix. Dessen dezente Tätowierung soll einen Jugendlichen von heute kennzeichnen, sein Name und Gesang verweisen aber auf die Beatles. Die angebliche Zukunft sieht aus wie die Vergangenheit - wie die Jugend der treuen Asterix-Leser.

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