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Assange und die anderen Nerds:Die Sonderbegabten

Einst waren Nerds die mit den durchgeschwitzten Hemdachseln, heute schwingt bei dem Begriff geheime Bewunderung mit: Assange und Obama gelten als Nerds. Von Genies, die Hilfe brauchen.

Nerds waren früher die mit den durchgeschwitzten Hemdachseln, die ihren Körper mit sich herumschleppten wie eine vollgestopfte Alditüte. Die ihre Nachmittage vor ihrem PC oder mit abseitigen Science-Fiction-Serien verbrachten. Heute schwingt bei dem Begriff geheime Bewunderung mit: Der kennt sich in irgendetwas aus, das man nie begreifen wird.

Dass das von Vorteil sein kann, hört man schon aus dem Ratschlag des Kulturkritikers Charles J. Sykes heraus: "Sei immer nett zu den Nerds. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass Du eines Tages für einen von ihnen arbeiten wirst." In den USA gilt immerhin der amtierende Präsident als Nerd.

Immer wieder heißt es, Julian Assange sei ein Nerd. Gibt man die beiden Begriffe zusammen bei Google ein, bekommt man ungefähr eine Million Treffer. Assange wird in den Porträts, die über ihn kursieren, als kontaktgestörter, paranoider, schroffer Internetjunkie beschrieben.

Oft werden dann in einer Art Überblendtechnik Wikileaks und Assange in eins geworfen: Die Paranoia des Australiers und der Transparenzterror, den die Plattform mit sich bringt; das Leben vorm Rechner und der simplifizierende Wahrheitsbegriff, der sich hinter Wikileaks verberge. Kurzum, indem man die wahrscheinlich tatsächlich problematischen Seiten des Wikileaks-Erfinders betont, wird die Plattform selbst in Misskredit gebracht: diese irre Idee von dem weißhaarigen Nerd, der über Nacht aus dem Nichts kommt und nun die Nachrichtensendungen der Welt bestimmt. Das passt zur Herkunft des Wortes.

Es weiß nämlich keiner so genau, wo der "Nerd" wirklich herkommt. Irgendwann muss er sich unauffällig in die Sprache geschlichen haben. Alltagslinguisten verweisen gern auf Dr. Seuss' Kinderbuch "If I ran the zoo" von 1950, in dem der Erzähler sagt, er würde auch "a Nerkle, a Nerd, and a Seersucker" in seine Tiersammlung aufnehmen. Angeblich stammt der Nerd aus dieser Nonsenszeile.

Der erste eindeutige Nachweis stammt aus einem Newsweek-Text von 1951, der aber nur achselzuckend im Nachhinein konstatieren konnte, dass das Wort in Detroit längst das meistgebrauchte Synonym für Langweiler sei.

Andere sind ängstlicher

Das passt nun wiederum zu den Nerds: Meist haben sie eine Idee, die über Nacht so geläufig wird, dass man im Nachhinein gar nicht versteht, warum sie keinem anderen gekommen ist. Eine Suchmaschine, die den Nutzern die Suchergebnisse nach Relevanz sortiert - wie kann es sein, dass keiner vor Larry Page und Sergei Brin darauf kam? Warum hatte vor Jeff Bezos, der sich immer wieder geradezu begeistert selbst als Nerd bezeichnet, keiner die Idee, Bücher im Internet zu verkaufen? Eine Plattform wie Wikileaks - warum ist das weltweit keinem Zeitungshaus eingefallen?

Vielleicht weil andere Menschen ängstlicher sind als die Nerds. Alfred North Whitehead schrieb mal recht nonchalant, die Hauptfortschritte der Zivilisation seien "Vorgänge, welche die Kulturen, in denen sie stattfinden, fast zugrunde richten."

Fast tragisch wirkt an Wikileaks momentan die enge Verflechtung der Plattform mit ihrem Gründer. Aber wer sagt, dass nicht Andere die Plattform übernehmen? Greenpeace wurde in den siebziger Jahren von ziemlichen Freaks aus der Taufe gehoben. Thilo Bode, der die Organisation zehn Jahre lang leitete, bis er ausstieg, um mit Foodwatch der Nahrungsmittelindustrie auf die Finger zu schauen, sagt, die Gründer von Greenpeace seien vielleicht keine sozial oder kommunikativ geschulten Gruppenleiter gewesen. "Aber das war ja auch nicht deren Job, sie haben mit ihren Eigenarten eine Gruppierung geschaffen, die enorm viel bewegt hat. Um den Laden auf Kurs zu bringen, brauchte es dann vielleicht einen mentalen Schraubenfabrikanten wie mich. Aber das Verdienst der Gründung kommt allein ihnen zu."

Mit weniger Humor aber ganz ähnlicher Stoßrichtung äußerte sich der knochentrockene Pragmatiker Eric Schmidt, der CEO von Google, mehrfach über seinen Job. Larry Page und Sergei Brin, die beiden Erfinder des Google-Algorithmus, hätten Google alleine sicher nicht zu dem Weltunternehmen machen können, das es heute ist.

Assange wirkt nicht gerade so, als würde er andere mitreden lassen. Vielleicht müssen die anderen es dann so machen wie Daniel Domscheit-Berg, der lange bei Wikileaks mitgearbeitet hat und sich im Juli getrennt hat. Domscheit-Berg arbeitet gerade an Open Leaks, einer Plattform, deren Mitarbeiter nach Eigenauskunft "nur die elektronischen Briefkästen zur Verfügung stellen und sonst im Hintergrund bleiben. Der Fokus soll wieder auf den Inhalten liegen."

Klingt großartig. Und dann hört endlich das Nerd- und Psychopathengerede auf und man kann sich den wirklich wichtigen Dingen zuwenden, die mit der Öffnung solcher Plattformen verbunden sind:

Was für ein Wahrheitsbegriff verbirgt sich hinter diesen Netzwerken? Sind alle Informationen zusammen die Wahrheit? Muss man einfach nur allen alles verfügbar machen und schon werden alle schlauer? Aber das sind dann Fragen für Nerds, die sich wie besessen in die philosophischen Verästelungen dieser Fragen stürzen werden.

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