"Asoziale" in deutschen Konzentrationslagern:Die Rolle der Kunst, die Stellung der Arbeit

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Warum ist ein Kunstprojekt für Sie die richtige Form, um darauf aufmerksam zu machen?

Ich verstehe mich als Gastgeber. Ich will Orte schaffen, an denen ich Versammlungen und Teilhabe garantieren kann. Bisher finden Diskussionen über die Opfergruppe der Asozialen nur im Expertenkreis statt - was nicht an den Experten liegt, die Initiativen und Wissenschaftler leisten großartige Arbeit. Kunst aber kann Prozesse beschleunigen, öffentlich machen. Es ist da extrem viel nachzuholen. Der Zentralrat soll dabei eine Art Mutterschiff sein, sodass sich bundesweit Seilschaften gründen können. In Hamburg ist das schon passiert, als Nächstes ist nun Berlin an der Reihe. Ich arbeite dafür nicht nur mit Wissenschaftlern zusammen, sondern auch mit Obdachlosenmagazinen oder dem Bundeskongress der Straßenkinder.

Wie kann die Kunst den Prozess beschleunigen?

Jeder von uns hat schon einmal gesagt: "Der ist ja asozial." Es bringt nichts, sich dafür ewig zu schämen. Aber es wird klar, dass uns offensichtlich nicht erzählt wurde, dass es im Dritten Reich als asozial Verfolgte gab. Damit können wir uns auseinandersetzen und uns fragen, welche Formen von Gesellschaftsausschluss wir heute noch kennen. In unserem Projekt erzählen sehr viele unterschiedliche Menschen von ihren Erfahrungen mit prekären Verhältnissen, vom 70-jährigen Obdachlosen bis hin zur jungen selbständigen Regisseurin. Es hilft sehr, Transparenz herzustellen. Ich kenne das zum Beispiel selbst aus der Kunst- und Theaterszene. Wir sagen oft zueinander: "Na, du kannst dir das und das ja leisten!" Und in Wahrheit wissen wir gar nicht, wer gerade finanziell knappsen muss und wer sich tatsächlich etwas leisten kann. Wir alle kennen Nöte, wenngleich nur die wenigsten Menschen Erfahrung mit Obdachlosigkeit haben. Über diese Nöte zu sprechen, kann die Kluft verringern.

Wie sehr gelingt es, durch solchen Austausch Verständnis für Ausgegrenzte zu wecken?

Es gelingt meistens nur für Leute, die trotz ihrer ausgeschlossenen Situation in anderer Hinsicht privilegiert sind, etwa weil sie weiß sind. Gegenüber Roma-Familien zum Beispiel, die bis mindestens 1938 auch als Asoziale verfolgt wurden, fehlt die Empathie. Auch das Themenfeld Arbeit ist schwierig, es gibt immer noch viele Menschen, die Hartz-IV-Empfänger als Schmarotzer sehen. Das finde ich wahnwitzig - mit diesen Sanktionen, den heftigen Auflagen, dem wenigen Geld.

Was sind Ihre politischen Ziele als Zentralrat?

Zunächst einmal wollen wir eine langfristige Organisationsstruktur schaffen. Dann geht es uns natürlich um materielle Entschädigung, aber auch um moralische Wiedergutmachung. Das betrifft heute ja vor allem die Angehörigen der Verfolgten, die noch am Leben sind. Bei uns haben sich schon einige Verwandte gemeldet, die uns ihre Geschichte erzählt haben.

Was sind das für Geschichten?

Die meisten haben mit Verschweigen zu tun. Viele der Leute, die sich bei uns gemeldet haben, haben bereits jahrelang recherchiert und versucht, mehr über ihre Vorfahren herauszufinden. Eine Frau hat sogar einen Film gedreht, wie sie durch die Dörfer fährt und versucht, von den Verwandten etwas über ihren Vater zu erfahren. Der ist im Heim aufgewachsen, hat aber nie genau erzählt, was passiert ist. Seine Eltern waren als Asoziale verfolgt worden. Dann melden sich Leute, die lange nur wussten, dass sie adoptiert sind, aber nicht warum. Sie machten sich auf die Suche, lernten ihre Eltern dann aber nur aus den Akten kennen, also aus der Täterperspektive. Sie haben nicht einmal ein Foto von ihnen.

Tucké Royale, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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