Salzburger Festspiele:La Grandissima

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Salzburger Festspiele: Asmik Grigorian als frustrierte Ehefrau in Giacomo Puccinis "Der Mantel".

Asmik Grigorian als frustrierte Ehefrau in Giacomo Puccinis "Der Mantel".

(Foto: Monika Rittershaus/Salzburger Festspiele)

Ehefrau, Nonne, Femme fatale: Asmik Grigorian triumphiert bei den Salzburger Festspielen in Giacomo Puccinis dreiteiliger Oper "Il trittico" - und rettet die Inszenierung aus der Harmlosigkeit.

Von Reinhard J. Brembeck

Asmik Grigorian: Der ganz besonders laute Jubel beim Schlussapplaus gehört ihr, dieser zarten jungen Frau, die gerade in drei völlig gegensätzlichen Rollen im Salzburger Großen Festspielhaus das Publikum begeisterte - zuerst als verliebter Teenager, dann als frustrierte Arbeiterehefrau und zuletzt als Nonne, von ihrer Familie wegen einer Liaison mit Kindsfolge ins Kloster weggesperrt. Asmik Grigorian steht an der Rampe und freut sich ausgelassen über den Jubel. Als dann das ganze riesige Ensemble zusammen mit ihr auf die Bühne kommt, ist sie fast am Umkippen vor Euphorie. Solche Momente sind selbst im Leben erfolgsverwöhnter Sänger(innen) selten.

Asmik Grigorian, in Litauen geboren und ausgebildet, ist die gefeierte Protagonistin der jetzt zum sechsten Mal von Markus Hinterhäuser ausgerichteten Festspiele, der Mann ist ein listig charmanter Verführer, der seinem Publikum immer wieder und oft erfolgreich die Moderne als unverzichtbar und überwältigend präsentiert. In dieses Konzept passt ganz wunderbar Asmik Grigorian, die mit keiner Faser Diva ist, sondern scheinbar ohne jede Kunstanstrengung selbst die absurdesten Rollen des Repertoires als heutig und alltäglich definiert. Das gelang ihr sensationell vor vier Jahren in der Rolle der auf einen Propheten fixierten Salome. Richard Strauss hat die erotisch schrille Musik dazu geschrieben. Damals erlebten sie und das Publikum eine Sternstunde, die an ein anderes sensationelles Sängerinnendebüt erinnerte: das von Anna Netrebko 2002 in Mozarts "Don Giovanni". Netrebko ist mittlerweile eine Diva, die ihre Rollen zelebriert und verstörend zwischen Putin und dem Westen laviert. Asmik Gregorian aber ist sich und dem Konzept der Anverwandlung ihrer Frauenrollen ins Hier und Heute treu geblieben. Jetzt führt sie ihre Kunst vor in Giacomo Puccinis "Il trittico", dessen drei Frauen allesamt an der Liebe verbrennen und sich dabei immer anders mit dem Tod arrangieren müssen.

Salzburger Festspiele: Asmik Grigorian als Schwester Angelica, die die Nonnentracht gegen das kleine Schwarze tauscht und gegen ihr Schicksal aufbegehrt.

Asmik Grigorian als Schwester Angelica, die die Nonnentracht gegen das kleine Schwarze tauscht und gegen ihr Schicksal aufbegehrt.

(Foto: Monika Rittershaus/Salzburger Festspiele)

Kein Komponist war intensiver in den Tod verliebt als Giacomo Puccini. Seine Klänge und oft drohend daherkommenden Akkordfolgen sind immer vom Tod umweht, sind gezeichnet von seiner Brutalität, Tragik und Dunkelheit, sie wissen aber zugleich um den verführerischen Reiz, den der Tod auf Menschen ausüben kann. Plötzlich tritt, ziemlich zu Beginn des Abends, aus dem aufgeregt plappernden Menschengewirr einer skurril ums Erbe besorgten Verwandtschaft Asmik Grigorian als Lauretta an die Rampe und bittet ihren Papa Gianni Schicchi, ihrer großen Liebe eine Chance und Lebensgrundlage zu geben. Grigorian macht das schlicht, innig, bewegend, unaufgeregt, ihre hohen Töne sind vollkommener Zauber. Es ist ein grandioser Moment von Menschlichkeit im Trubel der Geldgier. So ein Augenblick brennt sich im Gedächtnis ein, vielleicht für immer. Und Puccinis Musik liefert dazu die Ahnung, dass Menschenglück immer gefährdet ist, sie formuliert die Gewissheit, dass hinter der größten Ausgelassenheit wie auch hinter jeder Liebesbanalität stets der Tod lauert.

Der Titel "Il Trittico" (Das Tritptychon) verweist auf ein in der religiösen Malerei einst verbreitetes Ensemble aus drei thematisch miteinander verknüpften Bildern, das mittlere ist als das größte zentral. Puccini überträgt dieses Konzept auf seine Oper. Sie beginnt mit einem profanen Eifersuchtsmord im Arbeitermilieu ("Der Mantel"), im Zentrum steht ein mit dem Selbstmord der Protagonistin endender Klosteralbtraum ("Schwester Angelica"), den Schluss macht eine ausgelassene Erbschleicherklamotte ("Gianni Schichi"). Frauenliebe und Tod sind dabei die verbindenden Motive, und es gehört zu Puccinis Konzept, dass sich der Schrecken vor dem Tod zuletzt im Lachen löst.

Salzburger Festspiele: Asmik Grigorian als Lauretta, die ihren Vater Gianni Schicchi (Misha Kiria) überzeugt, ihr Liebesglück durch einen gewagten Schwindel zu retten.

Asmik Grigorian als Lauretta, die ihren Vater Gianni Schicchi (Misha Kiria) überzeugt, ihr Liebesglück durch einen gewagten Schwindel zu retten.

(Foto: Monika Rittershaus/Salzburger Festspiele)

Der Regisseur Christof Loy stellt die Reihenfolge der Stücke um und die Klamotte an den Anfang. So bekommt Asmik Grigorian nach und nach immer größere Rollen, sie kann sich beständig steigern mit ihren zunehmend tieferbohrenden Portraits, vom schlichten Mädchen über die desillusionierte Ehefrau bis hin zum Psychowrack der suizidalen Nonne Angelica. Das ist durchaus logisch gedacht und bedient zudem das nachvollziehbare Bedürfnis, die wundervolle Asmik Grigorian ins Zentrum zu rücken. Es zerstört aber leider die sinnvolle Dramaturgie des "Trittico", die das desolate Klosterbild in der Mitte will und einen abschließenden Kehraus, der einen sonst bei Puccini unüblichen Spott über Tod, Religion und Gesellschaft auffährt und allen Lebensernst in einem befreienden Gelächter erlöst.

Die Wiener Philharmoniker unter dem Dirigenten Franz Welser-Möst liefern solides Handwerk

Christof Loy ist ein unaufgeregter Erfinder heutiger Menschen und ihrer Sehnsüchte und Ängste, er ist einer, der so gar nichts übrig hat für großen Bühnenklimbim, sondern immer auf die Sänger und ihre Spielfreude vertraut. Im "Trittico" lässt er in drei unpersönlichen, klassizistisch hellen Räumen mit nur wenigen Requisiten spielen. Gelegentlich hat Loy wundervolle Einfälle. Wenn Schwester Angelica den Koffer mit den Besitztümern ihres früh gestorbenen Kindes öffnet, findet sie auch ein schlichtes schwarzes Kleid. Da geht eine Veränderung durch die bis dahin still duldende und sanft singende Nonne. Asmik Grigorian zieht die Schwesternkluft aus, das kleine Schwarze an und beginnt zu rauchen. Plötzlich ist sie wieder die Frau von Welt, die sie einst war, Grigorians Stimme macht ihn nachvollziehbar, den Wandel von der Demütigen zur Femme fatale. Der Traum eines selbst bestimmten Frauenlebens klingt an, ein Traum, den hier nur Lauretta in "Gianni Schicchi" leben können wird. Im Kloster ist für Freiheit und Selbstbestimmung kein Platz, genauso wenig wie in der Arbeitertristesse in "Der Mantel".

Ach, was gäbe es nicht alles zu entdecken und zu deuten in Puccinis ungewöhnlichster Oper! Die Salzburger Festspielproduktion aber entdeckt nichts Neues, sie verweigert sich jeder Interpretation oder Anbindung ans Heute, sie fixiert die drei Stücke in einer Harmlosigkeit, die Puccinis Todesklangmusik beständig Hohn spricht. Dennoch gibt es viel solides Handwerk zu bestaunen. Das gilt für die Wiener Philharmoniker ebenso wie für ihren Dirigenten Franz Welser-Möst, für das Regieteam um Loy, für die vielen Sänger, die gut die Rollenvorgaben erfüllen, aber kein Jota mehr machen. Diese Selbstgenügsamkeit funktioniert irgendwie, sie ist aber vor allem: brav. Weil dadurch ein Meisterwerk vorgeführt wird, dessen geniale Erzählstrategie und in den Tod vernarrte Lebensphilosophie nicht zum Vorschein kommen. Bei Asmik Grigorian kann das Publikum die Abgründe zumindest erahnen. Sie kann aber, das hat sie 2018 als Salome zusammen mit dem Regisseur Romeo Castellucci gezeigt, sehr, sehr viel mehr. Ihre "Trittico"-Mitstreiter im Orchestergraben und auf der Bühne haben es versäumt, ihr dieses Mehr zu entlocken. Trotz dieser Misslichkeiten ist sie das Glanzlicht dieses Abends: die leuchtende Asmik Grigorian.

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