Asia-Kino Schwerter jenseits der Schwerkraft

Zwei Filme des chinesischen Kultregisseurs King Hu, der Quentin Tarantino und Ang Lee beeinflusste, kommen wieder ins Kino.

Von Philipp Stadelmaier

Der Kölner Filmverleih Rapid Eye Movies bringt in dieser Woche gleich zwei Meisterwerke des chinesischen Regisseurs King Hu als Wiederaufführungen in die deutschen Kinos: "Dragon Inn/Die Herberge zum Drachentor" von 1967 und "Ein Hauch von Zen" aus dem Jahr 1971. Der erste Film dauert zwei Stunden, der andere knapp drei - macht unterm Strich fünf Stunden Kino-Glückseligkeit.

King Hu, gebroen 1931 in Peking und gestorben 1997 in Taiwan, gilt als Spezialist des Wuxia-Kinos, also des traditionellen Schwertkampffilms. In diesem Subgenre des asiatischen Kinos kämpfen edle, ritterliche Heldinnen und Helden in virtuos choreografierten Kampfszenen gegen üble Schurken. Angesiedelt sind diese Duelle meist in einer mehr oder weniger fiktiven Periode der chinesischen Geschichte. Das gilt auch für "Dragon Inn" und "Ein Hauch von Zen". Aber deshalb sind diese Klassiker nicht nur für hart gesottene Fans des Genres ein Genuss. Denn es geht nicht einfach um spektakuläre Kampfszenen, sondern um quasi spirituelle Erfahrungen.

Schon der Beginn von "Dragon Inn" hat etwas von einer Zeremonie. Zu großem musikalischen Getöse verkündet eine Erzählerstimme Zeit und Ort der Handlung: China, Ming-Dynastie, 15. Jahrhundert. Aus einer Festung zieht ein Gefolge von Männern in prachtvollen Gewändern. Während die Kamera einige Gesichter herauspickt, nennt die Stimme ehrfurchtsvoll die Namen berühmter und grausamer Kämpfer, kündet von der Macht der Geheimdienste, deren bloße Erwähnung die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzt. In der Mitte des Gefolges thront auf einer Sänfte ihr Anführer, der kaiserliche Eunuche, ein Ausbund an Gemeinheit. Im Anschluss an diesen Einzug überwacht der Mann die Hinrichtung eines ihm unliebsamen Ministers. Dessen Kinder, so raunt die Stimme des Erzählers, wurden in die Provinz verbannt, weit weg vom Hof.

"Dragon Inn", das ist eine kleine Herberge in der Steppe, wohin sich eine Abordnung des Geheimdienstes aufmacht, um auch noch die Kinder des Ministers umzubringen. Aber auch eine kleine Gruppe von Renegaten wird sich hier einfinden, um die ruchlosen Pläne zu durchkreuzen.

Die Herberge ist auch ein Tempel der Kampf- und Filmkunst. Als Zuschauer darf man Platz nehmen und über die Übernatürlichkeit staunen, die sich in die körperliche Geschicklichkeit der Schwertkämpfer mischt. Etwa wie einer der Protagonisten eine Schale Nudeln von einem Tisch auf den anderen wirft, ohne einen Tropfen zu verschütten, und später ein in seine Richtung fliegendes Messer ganz entspannt mit zwei Essstäbchen aus der Luft fischt.

King Hu zeigt Körper, die sich in einem Zustand befinden, den wir kaum nachvollziehen können

Nachdem King Hu einige Jahre in Hongkong für das legendäre Filmstudio Shaw Brothers gearbeitet hatte, wurde "Dragon Inn" sein erster in Taiwan gedrehter Film. Hier hat Hu erstmals seine Schauspieler an Seilvorrichtungen gehängt, um sie in den Kampfszenen durch die Gegend schweben zu lassen. Saltos, Loopings, Sprünge, nichts ist mehr unmöglich. Das Werk wurde zur Inspiration für viele spätere Arbeiten des Genres wie Ang Lees "Tiger & Dragon" oder Quentin Tarantinos "Kill Bill".

Als ebenso prägend erwies sich Hus Film "Ein Hauch von Zen". Er spannt den Zuschauer von Anfang an ein in ein Abenteuer der Wahrnehmung. Drei Stunden lang dringt man immer weiter ins Unbekannte vor. Zu Anfang werden nur Spinnweben gefilmt, vor denen die Kamera zu meditieren scheint. Das Morgenlicht bricht durch die Fäden, dann sehen wir eine Berglandschaft, und irgendwann entdeckt die Kamera die Ruinen eines Forts und schließlich einen jungen Mann, der das Haus gegenüber verlässt, um zur Arbeit zu gehen. Der Herr ist Maler, also selbst ein guter Beobachter der Umwelt. Und so wird er nach und nach entdecken, was um ihn herum vorgeht. Die Tochter eines hohen kaiserlichen Beamten hat sich hier versteckt vor den Häschern des Eunuchen, die ihren Vater getötet haben und ihr nun auf den Fersen sind.

Während der Maler gerne nur mit schlauen Sprüchen um sich wirft, kann die Dame hervorragend mit dem Schwert umgehen. Das zeigt sich vor allem in den Kampfszenen, die noch akrobatischer sind als in "Dragon Inn". Die Figuren schweben durchs Bild, federn sich an Baumstämmen nach oben und schnellen wieder in die Tiefe, huschen über die Gravitationskraft hinweg, ohne je völlig absurd zu werden und den Kontakt zur Erde zu verlieren.

All das filmt Hu, als würden sich diese Körper auf der Leinwand längst in einem Seinszustand befinden, den wir eigentlich nicht mehr nachvollziehen können, aber in den wir uns, durch fleißiges Zusehen, hineinmeditieren können. Während des Kampfes scheint immer wieder kurz die Sonne durch den raschelnden Bambuswald, und stets verbindet die Kamera die Figuren mit dem Himmel, einem Teich, dem Weidengras. Alles ist mit allem verbunden. Mitten im Geschehen taucht ein buddhistischer Mönch mit Fähigkeiten auf, die noch den fähigsten Kämpfer ratlos zurücklassen. Aber auch er ist, wie alle anderen, nur eine menschliche Manifestation einer großen kinetischen Energie, die alles durchströmt.

Ergänzend zu den beiden Hu-Filmen kann man sich noch Tsai Ming Liangs "Goodbye, Dragon Inn" von 2003 anschauen, eine Tragikomödie die sich vor der Kunst von King Hu verneigt. In einem heruntergekommenen Kinosaal in Taipeh wird kurz vor der endgültigen Schließung noch ein letztes Mal "Dragon Inn" gezeigt. Das Goodbye an eine Zeit, in der solche Filme noch die Säle füllen konnten. Es wäre schön, wenn King Hu heute wieder zumindest ein paar Zuschauer in die Kinos locken könnte, denn seine Filme sind der beste Beweis, dass das Kino den Horizont erweitern kann.

Dragon Inn, Taiwan 1967 - Regie, Buch: King Hu. Kamera: Hui-Ying Hua. Mit Hsu Feng, Shangguan Lingfeng, Shih Chun. Rapid Eye Movies, 111 Minuten. A Touch of Zen, Taiwan 1971 - Regie, Buch: King Hu. Kamera: Hui-Ying Hua. Mit Hsu Feng, Shih Chun, Ying Bai. Rapid Eye Movies, 180 Minuten.