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Schriftsteller:Als ob die Bilder rauschen

Zeitlich reicht sie von der Ringstraßenära bis zu den Anfängen des Austrofaschismus. Registriert werden auch viele von außen wie Albträume in die Träume des Dichters hineinragende Ereignisse, darunter Krieg, Krise und Revolution, aber auch - seismographisch erfasst - der zunehmend grassierende und aggressiver werdende Antisemitismus.

Schnitzler hat sich mit dem Traumbuch offenbar eine Sammlung von Stoffen und Motiven zum literarischen Gebrauch angelegt. Mannigfach sind die Berührungen zu seinen Werken, abgeschlossenen oder auch solchen, die noch in Entstehung oder in Vorbereitung waren. Schnitzler träumte dichterisch - das heißt er operierte mit den Werkzeugen der "Verdichtung" und "Verschiebung", die sein Zeitgenosse Sigmund Freund als "Traumarbeit" fasste. Im Gegenzug aber setzte die eigene Dichtung, die geträumte wie die literarisch gestaltete, sich auch wieder in Schnitzlers Träumen fest, ließ ihn weiterträumen und das Erträumte erneut im Blick auf das literarische Werk sowie auf das Leben und den Alltag des Träumers selbst kommentieren.

Nach all dem, was man über Sigmund Freuds erklärte "Doppelgängerscheu" gegenüber Schnitzler weiß, kann man nun in dessen Traumtagebuch nachlesen, dass solche Scheu auf beiden Seiten wirksam war. Schnitzler, der der Freudschen Psychoanalyse sehr kritisch gegenüberstand, sich aber zeitlebens intensiv mit ihr auseinandersetzte, hinderte dies und die zu Freud im langjährigen Wechselspiel jeweils gesuchte Nähe oder Ferne jedoch mitnichten, hin und wieder auch Begegnungen mit Freud zu träumen. Einmal sogar als dessen Patient und zwar ausgerechnet im Zusammenhang einer Ehekrise von der Art, wie sie schon Gustav Mahler - den Schnitzler bewunderte und in dem er sich oftmals spiegelte - dazu bewegt hatte, den Wiener Seelenarzt zu konsultieren. "Träumte diese Nacht", heißt es im Juni 1920: "Wartezimmer, aber irgendwie Theatersaal, privat, bei Freud. Ich als Patient. (. . .) Ich frage mich, wie ich zu ihm reden und meine Seelenleiden (welche) schildern soll, ohne in Tränen auszubrechen."

Skeptisch gegenüber Freud

Reservierter stand Schnitzler Freuds Lehren gegenüber: Zwar animiert ihn die frühzeitige Lektüre der "Traumdeutung" schon im Frühjahr 1900 erklärtermaßen zur intensivierten Traumtätigkeit, Freuds sexualisierte Traumsymbolik aber lässt ihn völlig. Dabei schildert er seine Träume über weite Strecken des Buchs nicht nur minuziös, er deutet sie auch vorsichtig assoziativ.

Im Unterschied zur Psychoanalyse zielt er aber nicht auf unbewusste Regungen und Wünsche, vielmehr schließt er von der manifesten Bildlichkeit des Traums auf das, was er das Halb- oder "Mittelbewusstsein" nannte: Gemeint war "eine Art fluktuierendes Zwischenreich zwischen Bewusstem und Unbewusstem", das Freud unterschätzte. Dem Mittelbewusstsein entsprechen auch die Schauplätze seiner Träume: architektonische Zwischenräume, Übergänge von Innen nach Außen, Scharniere und Brücken zwischen erfühlter und sichtbarer Welt, Stiegenhäuser, Hotelhallen, Wartesäle, Galerien, Bahnhöfe, Friedhöfe, aber auch Sektionssäle, die den Dichter, der das Seziermesser des klinisch tätigen Arztes mit der Feder ausgetauscht hatte und der - wie er einer engen Freundin gestand - "sich sozusagen in den Erlebenden und den Beobachtenden teil(e)", nie mehr verlassen sollten.

Am intensivsten aber träumt Schnitzler auf Reisen, etwa, wenn er zum kühnen Flug durch die Halle des Frankfurter Hauptbahnhofs ansetzt. Das Mittelbewusstsein ist auch das Feld jener "Nachklänge", die für Schnitzler, der seit seiner Jugend unter Ontosklerose und obendrein einem Tinnitus litt, auch eine sehr schmerzhafte und traurige Seite hatten. In seinen Träumen war es ihm, als ob die Bilder rauschten, er erfühlte sie, er erlauschte sie - wie im Kino: Seelenkino boten die Träume wie die Alpträume dieses leidenschaftlichen Kinogängers, der den berühmten Traummonolog der "Fräulein Else" so enden ließ: " ,Ich fliege ich träume . . . ich schlafe . . . ich träu . . träu - ich flie . . . ' Ende." Vor 150 Jahren, am 15. Mai 1862 erblickte Arthur Schnitzler in Wien das Licht und die Schatten dieser Welt.

ARTHUR SCHNITZLER: Träume. Das Traumtagebuch 1875-1931. Herausgegeben von Peter Michael Braunwarth und Leo A. Lensing. Wallstein Verlag, Göttingen 2012. 494 Seiten, 34,90 Euro.

© SZ vom 15.05.2012/cag
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