Art Garfunkel zum 70. Countertenor der Poesie

Art Garfunkels stimmlicher Glanz machte die poetischen Songs Paul Simons zu großen Liedern - sie waren der perfekte Ausdruck des Zeitgeistes der späten 60er und frühen 70er Jahre. Nun feiert Art Garfunkel seinen 70. Geburtstag.

Von Andrian Kreye

Simon & Garfunkel standen schon immer exemplarisch für den kulturellen Geburtsfehler des Kontinentaleuropäers, dem sich die klugen, wahren und schönen Seiten des angelsächsischen Pop nie erschließen werden.

Anfang der 80er Jahre verschwand Art Garfunkel im Privatleben, doch seit einigen Jahren tritt er wieder auf.

(Foto: AP)

Sicher, da sind die wunderbar schwirrenden Harmonien zwischen dem melancholischen Paul Simon und dem jubilierenden Art Garfunkel, die hymnischen Melodien von "Mrs. Robinson" oder "Bridge Over Troubled Water". Und natürlich jene zeitlose Schönheit, die der populären Musik, die während der späten sechziger und frühen siebziger Jahre aus den USA kam das Etikett "Classic Rock" eingebracht hat. Doch warum das Magazin The New Yorker die Songs der beiden 1972 als Wiedergeburt des Kunstlieds im 20. Jahrhundert beschrieb, wird der nicht-englischsprachigen Welt wohl ein Rätsel bleiben.

Art Garfunkel hatte im erfolgreichsten Duo der Popgeschichte theoretisch die untergeordnete Rolle, weil er ja weder Gitarre spielte noch Songs und Texte schrieb. All das tat sein Schulfreund Paul Simon, mit dem er schon auf der Volksschule im Forrest-Hills-Viertel des New Yorker Stadtbezirkes Queens Theater spielte, und dann später auf der High School die ersten Songs einspielte.

Als ihnen dann 1965 mit der Single "Sounds of Silence" der Durchbruch gelang, galten sie für viele als Verräter, weil sie sich an den Harmonien der spießigen Everly Brothers orientierten.

Dabei war es gerade Art Garfunkels schwebender Countertenor, der den doppelbödigen Songs seines Schulfreundes jene Aura verliehen, die aus guten Songs große Lieder machten. Es war eben kein Folkpop, den die beiden jungen Songwirter spielten. Folk hatte sich immer auf eine letztlich angelernte Pose des Einfachen und Ländlichen zurückgezogen, und war so zum Soundtrack für die Antimoderne der Hippiekultur geworden.

Simon und Garfunkel spielten Lieder der Großstadt, die viel zu intellektuell waren, um als Folk durchzugehen. Der Minimalismus des Arrangements war da eher Stil- als Genrefrage. Art Garfunkels Stimme hatte dabei die Funktion, die komplexen Schichten aus Poesie, Melancholie und Ironie in den Songs seines Freundes mit einer Hülle aus stimmlichem Glanz zusammen zu halten.

Das Erbe reicht weit

Für die erste Generation der Collegekids, denen das Wirtschaftswunder im Amerika der Nachkriegsjahre einen historisch bis dahin unerreichten Bildungsstandard beschert hatte, waren die vieldeutigen Songs mit dem strahlenden Schönklang der perfekte Ausdruck eines Zeitgeistes, den weder die Hinterwäldlerposen eines Bob Dylan noch der Rock'n'Roll-Zorn der Stones trafen.

Keiner der beiden erreichte nach ihrer ersten Trennung im Jahre 1970 die alte Form, geschweige denn die alten Erfolge. Immerhin war "Bridge Over Troubled Water" bis in die späten siebziger Jahre eines der drei meistverkauften Alben aller Zeiten.

Paul Simon konnte sich seinen Starstatus leidlich erhalten. Art Garfunkel aber verschwand nach ein paar Soloalben, ein paar mittelmäßigen Top-10-Hits wie "Breakaway" oder "Bright Eyes", sowie ein paar Rollen in Filmen wie "Catch 22" und "Die Kunst zu lieben" Anfang der achtziger Jahre im Privatleben. Der Selbstmord seiner Lebensgefährtin Laurie Bird hatte ihn schwer mitgenommen.

Seit einigen Jahren tritt Garfunkel nun wieder auf. Die gemeinsame "Old Friends"-Tour mit Paul Simon war dann 2003 aber doch der Eintritt in den Nostalgiezirkus des Pop.

Das Erbe der beiden reicht weit. Die poetischen Doppelböden finden sich heute im Hip-Hop, der melancholische Schönklang im Indie. Niemand hat jedoch die schwebende Qualität Art Garfunkels jemals wieder erreicht. Am Samstag, den 5. November wird er 70 Jahre alt.

When I'm seventy

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