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"Art Fair Art":Ihre Majestät, das Monster

Der Kunstmarkt hat ein neues Spielzeug: "Art Fair Art". Das ist so etwas wie eine Transvestitenshow der Kunst. Ein Schenkelklopfer - vor allem für die Künstler.

Man kam einfach nicht hinein, damals, im Frühjahr 1970, in die Eugenia-Butler-Galerie in Los Angeles. Drei Wochen lang hing vor dem Eingang ein Schild: "Während der Ausstellung wird die Galerie geschlossen sein" - eine Aktion des Künstlers Robert Barry, ein nicht mehr überbietbarer Akt der Verweigerung, eine so minimalistische wie pathetische Geste, der weißen Galeriezelle zu entkommen.

Man hatte mitunter den Eindruck, man sei auf einer Automesse für PS-Freunde mit Vokuhila - und nicht auf einer Kunstbörse.

(Foto: Foto: Getty images)

Die Konzeptkünstler jener Zeit sahen den Ausstellungsstandard des geweißten, möglichst neutralen Raumes - den white cube - vor allem als Verwertungs- und Integrationsmaschine des Kunstbetriebs an, vor der es zu flüchten gelte. Die Kunst musste also an die frische Luft, um gerettet zu werden, um institutionskritisch zu bleiben; sie begann sich aufzulösen, verschwand in der Weite des Raumes, wurde unsichtbar, existierte zuletzt nur noch als Idee, materialisiert lediglich durch ein paar Lettern auf einem Schild, zum Beispiel. Und alle diese Arbeiten waren vor allem eins: unverkäuflich.

Ach, wie heroisch und pathosbeladen waren jene Zeiten! Wie schrieb schon Brian O"Doherty, ein Halbgott der Institutionskritiker? Künstlerrevolutionen seien immer "an die Gesetze gebunden, die auch für die leere Galerie gelten".

Zu der Zeit, als Barry besagte leere Galerie sich selbst überließ, entstanden die ersten modernen Kunstmessen. Das Modell, jeder Galerie eine Koje zuzuweisen, in der sie verramschen darf, was immer ihr beliebt, erwies sich als so erfolgreich, dass es sich Künstler, Händler und Messebetreiber heute leisten können, Institutionskritik in Form von Kunst selbst herzustellen oder in Auftrag zu geben - natürlich immer noch unverkäuflich, denn der sonstige Umsatz steigt ja sowieso weiter, in mittlerweile sauerstoffarme Höhen.

So kam es denn auch, dass vor knapp einer Woche, beim "VIP Preview" der Londoner Frieze Art Fair, die Künstler Jake und Dinos Chapman, zwei notorische Provokateure des Betriebs, am Stand der Galerie mit dem bezeichnenden Namen White Cube saßen und 20-Pfund-Noten übermalten, das heißt, sie zeichneten der Queen - handwerklich einwandfrei - einen Schnurrbart oder auch schon mal das Grinsen von Schrödingers Katze ins Gesicht. Die Vandalisierung, mediengerecht aufbereitet als illegale Aktion - es gibt in Großbritannien ein Gesetz gegen die Verunstaltung von Geld -, kommt als Nobilitierung daher. Eine echte Chapman-Arbeit, dafür leerten viele der Reichen und Superreichen ihre Börsen - es kam bei drei Stunden Wartezeit bald zu Tumulten in der Schlange.

Tracey Emin sei, so heißt es, auch gekommen und habe den Chapmans zugerufen, "Ich hol" die Polizei, ich lass" euch verhaften!" Was als Scherz gemeint war - die drei Young British Artists sind befreundet - hatte doch einen Subtext: den Kollegenneid. Die Chapmans hatten in Sachen Aufmerksamkeitsökonomie alle anderen Künstler locker hinter sich gelassen. "Kostenlos" sei ihre Dienstleistung, ließen sie verlauten - kostenlos bis auf 20 gut investierte Pfund, die, in einem kalkulierten Kunstmarkt-Kurzschluss, nicht in die Galeristentasche wanderten, sondern nunmehr dem Geldkreislauf entzogen bleiben oder aber auf dem Wiederverkaufsmarkt zirkulieren. Eine Dame bot ihren veredelten Schein angeblich für eine Million Pfund feil. Wie langweilig, wie altmodisch: Nur 20 Pfund statt 20 000 auf der Frieze auszugeben und mal wieder richtig Schlange stehen wie früher, das verheißt heute den wahren Kunstmarkt-Kitzel. Und um das Gefühl der Bedürftigkeit und endlosen Warterei so richtig auszukosten, fährt man gerne mit dem VIP-Shuttle vor.

Bei den Chapmans kommt die marktkritische Geste als Selbstausbeutung daher. Ihre Idee ist an sich nicht neu, doch auf einer Kunstmesse gewinnt sie an Boshaftigkeit und Kalkül, weil sie hier eine Massenperformance hervorruft, in der viele Menschen sich freiwillig lächerlich machen. Für solche Kunstmessen-Aktionen, die das Marktprinzip ad absurdum führen oder vollständig in ihrem Kontext aufgehen, gibt es schon einen Namen: "Art Fair Art".

Gefunden hat ihn Jack Bankowsky, 2005 in der Zeitschrift Artforum. Im selben Jahr hatte der Künstler Rikrit Tiravanija auf der Art Basel die Messekoje seiner Galerie neugerriemschneider zugemauert und einen alten marxistischen Kampfslogan aus Paris draufgeschrieben: "Ne travaillez jamais!" Die Koje war tatsächlich, wie weiland Robert Barrys Galerie, unbetretbar, kein Galerist zu sehen, kein anderes Kunstwerk in der Nähe - aber neugerriemschneider waren in aller Munde.

Filiationen der Kunstmessenkunst gibt es mittlerweile zuhauf. Die Wrong Gallery ließ auf der Frieze skandalträchtig einen Menschen mit Down-Syndrom über Kunst sinnieren; die Künstler Elmgreen & Dragset verdoppelten 2005 die Koje des Berliners Martin Klosterfelde, inklusive Inventar und Galeristen-Double. Da war der ölige Wandbehang nicht mehr ganz so einzigartig. In London geben die "Frieze Projects" seit Jahren messeeigene "Art Fair Art" in kuratorische Hände, so etwa Roman Ondaks Schlangesteher, die an den absurdesten Orten ausharren, bis Ahnungslose sich einfach mal hinten anstellen.

Wer dachte, der Reiz des neuen Genres würde sich bald erschöpfen, musste feststellen, dass es sich ganz im Gegenteil nunmehr als neuer Messe-Standard etabliert hat. "Art Fair Art" gehört heute zum gehobenen Messe-Angebot dazu wie Champagner und Claudia Schiffer. Eine Koje neben dem Zeichenmarathon der Chapmans veranstaltete Galerist Gavin Brown einen veritablen, von Künstlern bestückten Flohmarkt - mit Gummistempeln von Yoko Ono (1 Pfund) und alten Fernbedienungen, von Tony Oursler in die Auslage gelegt (50 Pfund). Die Leute kauften wie blöde. Ein paar Schritte weiter durfte Richard Prince einen orangenen 1970er Dodge Challenger ausstellen. Das Gefährt, das erstens unverkäuflich ist, zweitens dem Künstler gehört und drittens kein Kunstwerk ist, drehte sich auf einem Podest, bewacht von einem leichtbekleideten, ziemlich billig aussehenden Model, als wäre das hier eine Automesse für PS-Freunde mit Vokuhila - und nicht eine Kunstbörse.

Der Dodge sah gut aus - und das war auch schon alles. Er war unerreichbar. Niemand konnte ihn besitzen. Insofern war er gleichzeitig ein obszönes Machtsymbol und ein Sinnbild für Verweigerung: Seht her, schien er zu sagen, ihr glaubt, ihr könnt euch alles leisten? Von wegen. Wackeren Institutionskritikern dürfte sich spätestens hier der Magen umdrehen: Denn der Gestus des Kritischen verschwindet bei dieser Form der "Art Fair Art" hinter dem spielerischen Umgang mit Kauflust und Künstlerproduktion, hinter dem lustvollen Wandeln auf dem Grat zwischen Unterwanderung und hemmungloser Affirmation des Marktes. Die neue "Art Fair Art" ist schizophren: Sie löckt wider den Stachel, bisweilen sogar radikal - und ist doch nur möglich aufgrund eines sagenhaften Booms. Das könnte aber auch bedeuten: Wenn der Boom einmal vorbei ist, wird sie ebenfalls untergehen und wieder echter Institutionskritik Platz machen.

Einer der interessantesten Momente der jüngsten Frieze fand statt, als Künstler Kris Martin per Lautsprecherdurchsage ohne besonderen Grund eine Schweigeminute ausrufen ließ - und alle, Händler, Besucher, VIPs und Künstler, auf einmal innehielten. Das war "Art Fair Art" pur. Es wurde auf einmal furchtbar still. Mit einer Ausnahme. Tony Shafrazi brüllte, "was zur Hölle macht ihr da alle, ihr Idioten?" Der Mann hat mal Picassos "Guernica" mit der Spraydose attackiert. Heute ist er Galerist. Wenn er sich aufregt, kann die Aktion nicht so falsch gewesen sein.

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