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Kunstmesse Art Dubai:Kultur fürs Image

Visitors are seen in front of a painting by the British artist Sacha Jafri at the Atlantis hotel in Dubai

Besucher vor Sacha Jafris Gemälde "The Journey of Humanity", das am Montag in Dubai für 52 Millionen Euro versteigert wurde.

(Foto: Rula Rouhana/Reuters)

Corona hin oder her: Am Montag eröffnet die Art Dubai. Dass die autokratischen Herrscher in den Emiraten mit Kunst klotzen, ist Teil einer politischen Strategie.

Von Moritz Baumstieger

Die Party hat noch gar nicht begonnen, doch die Stimmung ist schon prächtig. Mehr als 227 Millionen Dirham - 52 Millionen Euro - zahlte am Montag ein in Dubai lebender Sammler für ein Werk des britischen Künstlers Sacha Jafri. Das Gemälde und die Auktion, bei der es verkauft wurde, passen so gut zur Stadt, dass man beide exemplarisch nennen könnte: In Dubai, wo der höchste Wolkenkratzer, die ausladendste Mall, der gigantischste Springbrunnen und das größte Gebäude der Welt in Form eines Bilderrahmens stehen, wurde das größte Gemälde versteigert, das je auf Leinwand gemalt wurde.

1595,76 Quadratmeter ist es groß, was etwa vier Basketballfeldern entspricht. Der Erlös soll nun von der Pandemie geplagten Kindern zugute kommen, selbstredend den am "stärksten betroffenen auf der ganzen Welt", wie die staatliche Nachrichtenagentur der Vereinigten Arabischen Emirate verkündete.

Es war ein rauschhaftes Vorglühen für das Event, das am Montag am Persischen Golf beginnen wird. Seit einem Jahr wird weltweit eine Kunstmesse nach der anderen abgesagt. Doch die Art Dubai, die sich seit ihrer Gründung 2007 zum wichtigsten Handelsplatz in Nahost entwickelt hat, soll dennoch stattfinden. Nach dem Seuchenjahr 2020 freuen sich 50 Galerien aus 31 Ländern mehr denn je, endlich wieder Geschäfte zu machen - wenn auch mit Einlassbeschränkung und ein wenig Abstand in den Ausstellungshallen.

Kunst ist hier Teil einer nüchtern durchkalkulierten Soft-Power-Strategie

Dass Kunst und künstlich gut miteinander können, ist nichts Neues. Seit Langem kommen internationale Künstler und Intendanten, Kuratoren und Galeristen gerne in die Glitzermetropolen am Golf, um an dem dort vermuteten Golfrausch teilzuhaben. Die Scheichs von Abu Dhabi, Schardscha und Dubai locken sie und stellen oft Etats zur Verfügung, von denen in der Heimat nur zu träumen ist.

Nicht immer erfüllen sich die Träume. Der deutsche Intendant Michael Schindhelm ging als einer der ersten nach Dubai - und kam als einer der ersten desillusioniert wieder zurück, 2009 war das. Nach zwei Jahren, in denen er für die Dubai Culture and Arts Authority versucht hatte, ein Opernhaus auf Sand zu bauen, hatte er durchschaut, dass die lokalen Herrscher seine Arbeit eher als "Marketinginstrument" sahen. "Das ganze Kulturprojekt am Dubai Creek sollte letztlich dabei helfen, ein riesiges Bauprojekt zu finanzieren", sagte Schindhelm nach der Rückkehr. Und erzählte fassungslos, dass von der Oper ein Businessplan verlangt wurde, Investitionstilgung binnen fünf Jahren inklusive.

Dass Kultur erst mal ein Zuschussgeschäft ist - zumindest, wenn man darunter nicht nur Handel und spektakuläre Auktionen versteht -, haben die Machthaber am Golf mittlerweile verstanden. Aber sie haben auch durchgerechnet, dass sich Investitionen in Kunst und Kultur auszahlen, selbst wenn am Ende wirtschaftlicher Verlust steht. Soft Power ist das Zauberwort.

Das kann man nachlesen auf der offiziellen Homepage der Vereinigten Arabischen Emirate. Deren 2017 beschlossene Soft-Power-Strategie zielt darauf, die "Reputation des Landes im Ausland zu heben". Während etwa das ebenfalls reiche Aserbaidschan zu diesem Zweck in CDU-Abgeordnete investiert, haben die Emirater eine ästhetisch ansprechendere Idee gehabt. Als einen der vier Wege ihrer Soft-Power-Strategie nennen sie das Ziel, ihr Land als "regionale Kapitale für Kultur, Kunst und Tourismus" zu etablieren.

Deshalb wird geklotzt: In Abu Dhabi eröffnete eine Filiale des Louvre, die inklusive der Architektur von Jean Nouvel, der in Frankreich erworbenen Namensrechte und Leihgaben mehr als eine Milliarde Euro kostete. Dort auf der Saadiyat-Insel - dem Eiland des Glücks - soll neben Golfplätzen und Luxushotels auch ein Guggenheim-Museum entstehen, dazu eine Oper. Das kleinere Emirat Schardscha hat gleich 17 Museen gebaut und die drittgrößte Buchmesse der Welt aus dem Boden gestampft - dass dort auch "Mein Kampf" und antisemitische Hetze auslagen, verrechnet man als Anfängerfehler. Dubai zieht Kreativquartiere und Kunstareale hoch, im Oktober soll mit einem coronabedingten Jahr Verspätung die Weltausstellung Expo starten.

Die Idee, das eigene Image durch Kunstförderung zu verbessern, ist nicht neu, schon die Medici in Florenz setzten Mäzenatentum zu politischen Zwecken ein. Heute ist der Erfolg dieser Strategie jedoch ziemlich genau messbar: In der diesjährigen Ausgabe des "Global Soft Power Index" ist der Mini-Staat der Emirate auf Platz 17 geklettert und lässt das Land der Medici locker hinter sich, andere arabische Staaten sowieso. Ausgaben für Kunst und Kultur, Investitionen in Formel-1-Rennen und in eine Marsmission helfen, Unschönes zu überstrahlen.

So viel Unschönes. Aber in der Kunstwelt der Emirate spricht man nicht davon

Wie etwa die hässlichen Schlagzeilen, die der Emir von Dubai, Mohammed bin Raschid Al Maktoum, gerade macht: Seit seine Tochter Latifa 2018 filmreif versuchte, mit Hilfe eines Ex-Agenten und einem Jetski ins Ausland zu fliehen, hält er die heute 35-Jährige in einer Villa gefangen. Kürzlich geleakte Videos zeigen eine verstörte Frau im goldenen Käfig. Eine andere Tochter ließ der Emir schon im Jahr 2000 aus Großbritannien verschleppen, wie vor einem Jahr der High Court in London feststellte. Das Verfahren hatte Al Maktoums Ex-Ehefrau Haya bint al-Hussein angestrengt, die dorthin geflohen war - aus Todesangst vor ihrem Mann, wie sie sagte.

So fragwürdig wie Al Maktoums Neigung, weibliche Familienmitglieder als persönliches Eigentum zu sehen, ist seine Politik: Als Vizepräsident, Premier und Verteidigungsminister der Emirate ist er maßgeblich für die 2015 gemeinsam mit Saudi-Arabien begonnene Intervention in Jemens Bürgerkrieg verantwortlich. Auch durch die Blockadepolitik, mit der die beiden sunnitischen Staaten schiitische Rebellen aushungern wollen, hat sich dort die laut den UN "größte humanitäre Katastrophe der Gegenwart" entwickelt. Bomben, Cholera und Hunger töten gleichermaßen. Mit ihrem Geld stützen die Emirate zudem das repressive Regime in Ägypten, mischen im Libyenkrieg mit, früher auch in dem in Syrien.

Davon wird auf den Partys rund um die Art Dubai jedoch nicht gesprochen. Auch nicht von Touristinnen, die in Haft kamen, weil sie nach Ansicht der lokalen Richter außerehelichen Sex hatten, als sie vergewaltigt wurden. Oder von den Hungerlöhnen und den menschenverachtenden Bedingungen, unter denen Hausangestellte und Bauarbeiter aus Fernost hier schuften. Beim Bau der Stadien für die Fußball-WM 2022, um die sich das benachbarte Emirat Katar ebenfalls aus Soft-Power-Kalkül bewarb, starben bislang 6500 Menschen. Die Boykottaufrufe mehren sich. In Dubai und Abu Dhabi sind die Arbeitsbedingungen nicht besser. Als 2011 eine Gruppe von Künstlern gegen die Zustände auf der Baustelle des Guggenheim-Museums protestierte, setzte man die Arbeiten geräuschlos aus. Geplant ist das Museum aber weiterhin. Dass sich in absehbarer Zeit an den Arbeitsbedingungen etwas ändert, die selbst Investorengruppen in die Nähe "moderner Sklaverei" rücken, ist aber nicht zu erkennen.

Während sich heute viele über den dreisten Fifa-König Infantino erregen oder den ruchlosen Rummenigge vom FC Bayern, redet in der am Golf engagierten Kunstwelt selten einer darüber, woher die Dirhams kommen und warum. Selten im Ausland, erst recht nicht vor Ort -denn das wäre nicht ungefährlich. Allzu kritische Forscher und Journalisten landen im besseren Fall schnell außer Landes, im schlechtesten im Gefängnis.

Und so ist die Kunst in den Emiraten nur so lange frei, wie sie die Verhältnisse vor Ort ausblendet und sich aufs Geschäft konzentriert. So, wie es eben auch die Fußballer tun. Das Werk von Sacha Jafri, das da eben in Dubai versteigert wurde, heißt übrigens "The Journey of Humanity", die Reise der Menschheit. Ein Name, der genau wie die kitschigen Slogans klingt, die sich die Marktinggenies der Fifa so gerne einfallen lassen.

© SZ/jhl
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