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"Art and Press" und die "Bild"-Zeitung:Frisch ans Werk

Kann man Kunst in einer Minute erklären? Die "Bild" versucht das zurzeit im Rahmen einer Ausstellung, bei der sie Medienpartner ist, die sie als "wichtigste Ausstellung des Jahres" bezeichnet und für die sie sich selbst als "mutig" lobt. Ganz auf der Höhe ist das nicht.

Ruth Schneeberger

11 Bilder

Ausstellung 'Art and Press'

Quelle: dpa

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Kann man Kunst in einer Minute erklären? Die "Bild"-Zeitung versucht das zurzeit im Rahmen einer Ausstellung, bei der sie Medienpartner ist, die sie als "wichtigste Ausstellung des Jahres" bezeichnet und für die sie sich selbst als "mutig" lobt. Ganz auf der Höhe ist das nicht. Die Bilder.

Zeitungen ragen wie überdimensionales Blattwerk in den Himmel, der Blätterwald rauscht tüchtig, und darunter ein kleiner Mensch, der nur darüber staunen kann, was da über ihm passiert - komplett erfassen kann er es nicht. Ist das ein zeitgemäßes Bild von Medien, das die Ausstellung "Art and Press" derzeit im Berliner Gropius-Bau zeigt, unter anderem mit der Installation von Künstler Olaf Metzel "Und dann noch das Wetter" (hier im Bild)? Wenn man "die Presse" als rein gedrucktes Medium versteht, in seiner Eigenschaft als tagesaktuelle Zeitung, dann vielleicht.

Text: Ruth Schneeberger/Süddeutsche.de

Alle Bilder stammen aus der besprochenen Ausstellung und von der Ausstellungseröffnung

art and press

Quelle: Anselm Kiefer, Die Worte, 2012/Foto: Stefan Korte

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... oder Anselm Kiefer den Verfall des Zeitungswesens beklagt, indem er aus alten Setz- und Druckmaschinen bleierne Sonnenblumen welken lässt (hier im Bild). Da ist viel Nostalgie im Spiel ...

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Quelle: Courtesy of the Artist and Marian Goodman Gallery, Paris© William Kentridge - Foto: Marc Domage

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... aber auch viel Spaß am Spiel mit der guten alten Zeitung (im Bild: William Kentridge, Could Anyone Be More Like Me?, 2008) und ihrer Form der Darstellung von Realität. "Kunst.Wahrheit. Wirklichkeit" lautet der Untertitel der Ausstellung, und nicht nur Kentridge fragt in seinen Collagen und Installationen nach dem Verhältnis von Zeitungswahrheiten und historischen Ereignissen ...

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Quelle: Ai Weiwei, Privatbesitz des Künstlers, Ausstellungsansicht Martin-Gropius-Bau 2012/Foto Stefan Korte

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... sondern auch Ai Weiwei etwa kritisiert mit seiner Installation aus Relikten der Beichuan High School, die vor vier Jahren durch ein Erdbeben zerstört wurde, weil sie fehlerhaft konstruiert war, die Zensur und Unterdrückung der Meinungsäußerung in seinem Land. Der Künstler, der in China immer noch unter Hausarrest steht, weist mit seiner Arbeit ohne Titel, die auf den ersten Blick an Fußfesseln erinnert, auf subversive Art auf den Tod von rund 1000 Schülern durch die Erdbebenkatasrophe hin, die durch die Kontrolle der Presse in seinem Heimatland heruntergespielt wurde. Es sei wichtig, ...

Vorbesichtigung der Ausstellung 'Art and Press - Reflexionen zeitgenoessischer Kunst auf das Medium Zeitung'

Quelle: dapd

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... auf den iranischen Kollegen Farhad Moshiri. Dessen Objekt "Kiosk de Curiosite" aus dem Jahr 2011 ist nicht nur Fleißarbeit  (Cover internationaler Mode- und Lifestyle-Magazine wurden auf 50 iranische Teppiche gewebt), sondern vor allem Ausdruck eines Lebensgefühls, das die iranische Tradition mit dem Einfluss westlicher Lebenswelten im wahrsten Sinne des Wortes auf absurde Weise "verknüpft". Sowohl die Nah-, als auch die Gesamtansicht des Kunstwerks zeigen:

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Quelle: Farhad Moshiri, Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac Salzburg, Paris/Foto: Stefan Korte

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Dieser "Kiosk" hängt voller Versprechungen der westlichen Welt, die für die iranische Welt teils zensiert, weil herausgeschnitten, und teils nicht verständlich sind. Das große bunte Angebot wird zur Überforderung des Einzelnen. Der Künstler lebt in Iran und Paris.

Dieser Arbeit gegenüber hängt übrigens eine ebenso spannende (nicht im Bild) von Adam McEwen, der im großen Rahmen Nachrufe auf noch lebende Personen verfasst. Ehe der Betrachter realisiert hat, dass sowohl Kate Moss als auch Bill Clinton sowie Jeff Coons aber noch leben, hat er die täuschend echten Zeitungsartikel schon für bare Münze genommen. Dem jetzigen Künstler und ehemaligen Nachrufe-Schreiber des Londoner Daily Telegraph, McEwen, gehe es genau um diesen einen Moment der Verunsicherung, in dem der Betrachter sich fragt, was denn nun wahr ist - und was nicht. Das erfährt der Besucher praktischerweise aus den Kurzerklärungen, die neben den Bildern der Ausstellung hängen, was die Darstellung der Schau interessant macht. Nicht, wie üblich, nur Titel, Material, Erschaffungsjahr und Künstler werden hier genannt, sondern eine kurze Gebrauchsanweisung wird gleich mitgeliefert. Das macht die Schau im Rahmen des Kunstbetriebs gleichzeitig eher zu einer Dokumentation als zu einer üblichen Kunst-Ausstellung. Aber sie wird ja auch von der Bild-Zeitung präsentiert. Das erklärt einiges. 

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Quelle: Anselm Kiefer, Rauminstallation/Foto: Stefan Korte

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Es erklärt zum Beispiel, warum zur Ausstellungseröffnung im repräsentativen Lichthof des Gropius-Baus (im Bild) neben Kulturstaatsminister Bernd Neumann, dem künstlerischen Leiter Walter Smerling von der Stiftung für Kunst und Kultur und Jürgen Großmann als Vorstandsvorsitzendem des Sponsors RWE (der nebenbei über die Vorzüge der Atomkraft sprach) und außerdem neben dem Philosophen Peter Sloterdijk (der über die Vorzüge der Schönheit sprach) auch Bild-Chefredakteur Kai Diekmann seinen großen Auftritt qua Begrüßungsrede vor großem und geladenem Publikum hatte. Auch er sprach über Vorzüge, und zwar unter anderem über solche, die die Bild-Zeitung ihren Lesern nun nach der Abschaffung des Seite-1-Mädchens mit der täglichen Vermittlung von zeitgenössischer Kunst biete, indem Bild als "Medienpartner" der Ausstellung täglich einen der 56 beteiligten Künstler vorstelle. Wobei sowohl er selbst als auch der RWE-Vertreter nicht vergaßen, zu betonen, wie "mutig" das von Bild sei, angesichts ihrer Leserschaft. Und für das Bild-Video-Interview auf der Bild-Homepage erklärte Diekmann später noch, dass Bild natürlich eigentlich deshalb "Bild" (und nicht etwa "Schlagzeile") heiße, weil es, wie zufällig auch in der Kunst, eben um Bilder und Wahrheiten gehe, dass man bei Bild "Avantgarde" sei und dass er nun zeigen wolle, dass die vorgeblich so schwere Kost Kunst für ein Massenpublikum eben doch geeignet sei. Er wolle "einfach zeigen, dass auch zeitgenössische Kunst einfach nur viel Freude machen kann".

Ausstellung 'Art and Press'

Quelle: dpa

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Weniger hintersinnig, aber in eine ähnliche Kerbe schlägt Barbara Kruger mit ihrer aktuellen Arbeit aus dem Jahr 2012, die keinen Titel trägt, aber wohl auch ganz gut ohne auskommt. Denn eindeutiger als mit den berühmten Großbuchstaben einen ganzen Raum zu tapezieren und dabei die Besucher über Fragen der Glaubwürdigkeit stolpern zu lassen, geht es wohl kaum. Ob das wohl als Fingerzeig an den "Medienpartner" gerichtet sein soll?

Was wird uns als Wahrheit präsentiert? Was sehen wir als wahr an? Wie glaubwürdig sind und waren Zeitungen? Und wie geht die Kunst damit um? Diesen Fragen gehen - mal mehr, mal weniger erhellend - insgesamt 56 Künstler in der Ausstellung nach, teils mit extra für die Schau erschaffenen Arbeiten, darunter internationale Größen ...

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Quelle: Sammlung Fröhlich, Stuttgart/2012 The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. /ARS New York

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... wie Andy Warhol (im Bild: Five Deaths, 1963), Joseph Beuys, Damien Hirst, Thomas Ruff, Andreas Gursky, Gilbert and George, ...  

Ausstellung 'Art and Press'

Quelle: dpa

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Und Gerhard Richter begann mit seinen "Acht Lernschwestern" (im Bild) aus dem Jahr 1966, deren Fotos er in einer Zeitung entdeckt hatte, weil sie von einem Serienkiller getötet worden waren, mit seinem Prinzip der Übermalung von real existierenden Fotos. Wie sich also Kunst und Zeitung gegenseitig bedingen, besprechen und befruchten, das macht die Ausstellung durchaus plausibel.

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Quelle: Courtesy of the artist and Brown´s Enterprise, LUMA, Schweiz/Foto: Ellen Page Wilson Studio

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Man könnte es auch mit dem thailändischen Künstler Rirkrit Tiravanija (im Bild: ohne Titel, 2010) formulieren: Die Tage dieser Gesellschaft sind gezählt - und sie werden weiter erzählt werden. Auf welche Weise, mit welchen Fehlern und über welche Kanäle auch immer. Und jedes Medium hat seine Vor- und Nachteile. Es bleibt trotzdem ein Medium.

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen (34 Euro). Die Schau öffnet täglich außer dienstags von 10 bis 19 Uhr, noch bis zum 24. Juni (Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin, detaillierte Infos und Onlinetickets unter www.gropiusbau.de und www.artandpress.de) und zieht danach weiter ins Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) nach Kalsruhe (15. September 2012 bis 10. Februar 2013). 

© Süddeutsche.de/rus/ihe/gba

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