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Internationale Literatur:Schmales Epos

Bangladesch im Schnelldurchlauf: Der Roman "Kreise ziehen" des kanadischen Autors Arif Anwar leidet daran, dass er zu viel auf einmal erzählen muss.

Als im vergangenen Sommer "Crazy Rich Asians" in die Kinos kam, der erste Hollywoodfilm seit fünfundzwanzig Jahren, in dem alle Hauptrollen von asiatischen Schauspielern gespielt werden, hatte der Film eine nahezu unmögliche Aufgabe zu erfüllen. Weil fünfundzwanzig Jahre lang kaum jemand asiatisch-amerikanische Geschichten auf der Leinwand erzählt hatte, musste der Film nun all diesen Geschichten auf einmal gerecht werden - er musste "alles zugleich für alle zugleich" sein, ein Anspruch, an dem jedes noch so gut gemachte Kunstwerk eigentlich nur scheitern kann.

In einem ähnlichen Dilemma befindet sich der kanadische Autor Arif Anwar in seinem Debütroman "Kreise ziehen", wobei die Probleme in seinem Falle zumindest zum Teil hausgemacht sind. Denn wofür der klassische Generationenroman im Stile von Thomas Mann oder Nino Haratischwili oft mehr als 1000 Seiten benötigt, das versucht Anwar auf gerade mal 300 ziemlich luftig gesetzten Seiten: Die Geschichte einer Familie als monumentale Zeit- und Landesgeschichte zu erzählen, in diesem Fall mit einem Fokus auf Bangladesch, dem Geburtsland des Autors.

Arif Anwar

Arif Anwar wurde in Chittagong in Bangladesch geboren und lebt heute in Toronto.

(Foto: Michael Tan / Wagenbach Verlag)

Das schmale Format von Anwars Roman ist umso bemerkenswerter, als er gleich mehrere Schicksale in parallelen Handlungssträngen verhandelt. Die Erzählung springt zwischen Myanmar zur Zeit des Zweiten Weltkriegs, Washington D.C. im Jahr 2004, der Küste Bangladeschs im November 1970, und Kalkutta im Sommer 1946 hin und her. Vor dieser Szenerie treten (unter anderem) auf: eine englische Armeeärztin, ein indischer Großgrundbesitzer, ein armer, aber herzensguter Fischer, ein polyglotter japanischer Kamikaze-Pilot, ein wissbegieriges Dorfmädchen, ein bangladeschischer Doktorand mit abgelaufener Greencard und ein buddhistischer Mönch, der sich irgendwann als Österreicher entpuppt.

Weil Anwar all diese Charaktere plus mindestens vier Liebes- und Migrationsgeschichten, einen Justizskandal, den tödlichsten Zyklon seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, die religiösen Ausschreitungen während der Teilung Britisch-Indiens in Pakistan, Indien und Bangladesch und noch einiges mehr auf so wenig Raum erzählen will, greift er tief in die Trickkiste, die man aus Netflix-Serien kennt.

Seine Szenen sind kurz, Cliffhanger reiht sich an Cliffhanger, alle paar Seiten gibt es einen Plot-Twist oder eine unerwartete Enthüllung, die deutlich macht, wie die Charaktere am Ende über sechzig Jahre und zwei Kontinente hinweg doch zusammenhängen. Das liest sich kurzweilig und unterhaltsam, oft aber auch arg konstruiert, und manchmal leider schlichtweg uninspiriert. Im Bemühen, seine Handlungsstränge zu integrieren, lässt Anwar etwa jedes Mal, wenn eine unheilvolle Entwicklung bevorsteht, irgendwo im Bild eine böse dreinschauende, schwarzglänzende Krähe auftauchen. Viel mehr Einfallslosigkeit in der Symbolik ist kaum denkbar.

Arif Anwar: Kreise ziehen. Roman. Aus dem Englischen von Nina Frey. Wagenbach Verlag, Berlin 2019. 336 Seiten, 24 Euro.

Am meisten aber leiden Anwars Figuren unter der vollgestopften Handlung und unter dem Bedürfnis des Autors, immer wieder möglichst schnell zu einer Synthese zu kommen. Sie bleiben ausgerechnet deshalb zweidimensional, weil Anwar mit allen Mitteln eine Identifikation herbeizuführen versucht. Man soll mitfiebern, mitleiden, die Figuren lieben. Dafür sind sie aber alle jeweils zu sehr nur Heldin oder nur Schurke, es fehlt ihnen die Komplexität, die Figuren menschlich und interessant macht. Das spürt man besonders in den hölzernen Dialogen, die leider oft so unglaubwürdig geraten, dass einem die Konflikte und Ängste der Figuren schließlich selbst in Szenen, in denen es um Leben und Tod geht, seltsam egal sind.

Und als wüsste Anwar, dass seine Figuren nicht überzeugen, stattet er sie mit einer Unmenge von Attributen und Erklärungen aus, anstatt ihre Handlungen und Gedanken für sich sprechen zu lassen. Berührend wird Anwars Prosa in der Übersetzung von Nina Frey immer erst da, wo sie aus dem Großen ins Situative geht und sich Zeit nimmt, um Orte, Wetterlagen, Tageszeiten oder Stimmungen einfach zu beschreiben, ohne sie erklären oder einen mit dem Holzhammer zum Mitleiden zwingen zu wollen. Für diese Momentaufnahmen hätte man sich mehr Raum gewünscht.

So aber wird man das Gefühl nicht los, dass "Kreise ziehen" gern ein Epos wäre, sich aber nicht die Zeit nimmt, die ein Epos nun einmal braucht. Man muss kein Fan tausendseitiger Familienromane sein, um das bedauerlich zu finden. Denn auch jeder einzelne Erzählstrang in diesem Buch hätte das Zeug gehabt, ein eigenes Buch zu werden - eines, in dem dann genug Platz gewesen wäre, mit den Figuren und der Komplexität ihrer Geschichten sorgfältig umzugehen. Dass Anwars Roman so dünn bleibt, ist damit vielleicht auch ein Zeichen dafür, dass es viel mehr Bangladesch-Romane auf dem internationalen Buchmarkt bräuchte, damit nicht ein Autor alle Geschichten in einem einzigen Buch erzählen muss.