Süddeutsche Zeitung

Argentinischer Film "Rojo":Es war einmal in Argentinien

Wie ein Terrorsystem die Seelen auch der gefühllosen Mitläufer zersetzt: "Rojo" von Benjamín Naishtat zeigt die Stimmung kurz vor der Militärdiktatur als böse Satire.

Von Doris Kuhn

Noch vor den Anfangstiteln wird klar, was für eine Stimmung diesen Film erfüllt. Das Bild ist unbewegt, feste Einstellung von außen auf ein schönes Haus, durch dessen Tür verschiedene Personen kommen. Erst ein Mann mit einer Wanduhr, dann ein Mädchen mit einem Schwung Kleider, dann wird man allmählich unruhig, denn die Nächsten bringen Fernseher, Spiegel, eine Schubkarre voll Nippes heraus.

Etwa da merkt man, dass man eine Plünderung sieht. Im Tageslicht und mit höflichem Kopfnicken sind all die gut gekleideten Menschen dabei, fremdes Eigentum zu stehlen. Ungeniert jagen sie ihrem kleinen kriminellen Vorteil nach, niemand wird zur Rechenschaft gezogen. Sobald man sich fragt, wo wohl die Bewohner des Hauses bleiben, die Besitzer des Diebesguts, wird der rote Schriftzug am Rand des Bildes interessant: "In einer argentinischen Provinz 1975" steht dort - will heißen, ein Jahr vor dem Militärputsch, der das Land bis 1983 unter das Diktat einer Militärjunta stellte.

Dass damals Regimekritiker über Nacht verschwanden und meist nie mehr zurückkehrten, ist geschichtliches Allgemeinwissen. In Benjamín Naishtats "Rojo" allerdings erfährt man nichts über das Schicksal der Opfer und wenig vom Handeln der Täter. Er beschreibt eine Zwischenwelt wohlhabender Bürger, eine schweigende Mittelschicht, die konsequent wegschaut - vor allem, wenn Hinschauen Gefahr bringen könnte.

Naishtat zeigt, wie schnell ein diktatorisches Unterdrückungssystem Mitläufer findet

Die politische Gewalt ist überall spürbar, es wird aber nie darüber gesprochen. Auch diese Leute haben Angst, aber sie denken vor allem an ein Geschäft mit der Angst der anderen. Man muss als Zuschauer die damalige Lage nicht parat haben, um zu verstehen, dass man gerade viele Heuchler und einen Betrüger trifft, die sich hinter einem seriösem Auftritt verstecken. Schnell wird auch klar, dass sie völlig frei sind von Mitgefühl, das lernen die Söhne als Erstes von ihren Vätern.

Naishtat zeigt, wie schnell ein diktatorisches Unterdrückungssystem gefühl- oder gedankenlose Mitläufer findet, und die allumfassende Korruption, die danach eintritt. Seinen Film bindet er dann an dieselbe Losung wie seine Protagonisten: Immer schön gut gelaunt daherkommen - das befördert die satirischen Momente.

Der beste Betrüger ist der Anwalt Claudio, ein Mann, dessen Talent zur Scheinheiligkeit in "Rojo" hart geprüft wird. Claudio verwickelt sich in den gewaltsamen Tod eines Fremden, natürlich will er auch da nicht Rechenschaft ablegen, also versteckt er ihn in der Wüste. Hat bestimmt keiner gemerkt, ist sein Gedanke, und vorläufig schweigt die Stadt dazu. Nach einiger Zeit schickt Naishtat einen Detektiv in die Geschichte, der reist aus Buenos Aires an und hat im Fernsehen Ruhm erworben. Seine beiläufigen Recherchen bringen Claudio um die Gemütsruhe, sehr unterhaltsam zappelt er sich durch Verhöre, die deutlich an "Colombo" erinnern.

Trotzdem ist "Rojo" nicht ausschließlich ein schwarzer Krimi. Auch der Alltag von Claudio und Kumpanen spielt eine große Rolle, da entwirft Naishtat großartige Szenarien der Seventies. Alles ist drin: Die heißen Nachmittage auf dem Tennisplatz, Liebeserklärungen an Amerika im Radio, dicke Hälse über bunten Krawatten und endloses Zigarettenrauchen. Man kann sich im Style jener Zeit verlieren, auch deshalb, weil Naishtat das Visuelle so artifiziell gestaltet. Menschen am Bildrand, Objekte groß im Anschnitt, manchmal bleibt die Kamera stehen, wenn die Protagonisten längst schon weg sind. Langweilig wird es beim Zuschauen nicht.

Allmählich rückt der Irrsinn der Politik näher heran, das bleibt auch der Mittelschicht nicht verborgen. Es gibt Risse in der Fassade, man erhält einen Blick ins Innere der Figuren, und es wächst die Panik. Inzwischen bringen sie jedermann und jeder Situation erschrecktes Misstrauen entgegen, sogar eine Sonnenfinsternis lässt Claudio erschauern. Das ist die Kunst, die Naishtat so gut beherrscht: Ganz unauffällig verschiebt er seine Geschichte über die hässlichen Spielarten der Selbstermächtigung hin zur zersetzenden Wirkung von Angst.

Rojo, Argentinien 2018 - Buch und Regie: Benjamín Naishtat. Mit Dario Grandinetti, Alfredo Castro. Verleih: Cine Global, 109 Minuten.

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Quelle:
SZ vom 15.10.2020
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