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ARD-Musikwettbewerb:Urgewaltig

Kai Strobel, Weiqi Bai und Aurélien Gignoux siegen im Semifinale Schlagzeug

Von Klaus Kalchschmid

Seit 1977 beim ARD-Wettbewerb erst zum achten Mal vertreten, hat Schlagzeug immer den größten Unterhal-tungswert von allen Fächern - und das für Ohren wie Augen. Außerdem ist die Auswahl der Wahlpflichtstücke derart groß, dass man neben Klassikern viel Neues kennenlernen kann. So fand sich bei den acht Teilnehmern im zweiten Durchgang und den sechs Semifinalisten in der Musikhochschule kaum ein Repertoire doppelt. Einzig "She Who Sleeps With A Small Blanket" von Kevin Volans gab es dreimal zu hören und mehrfach natürlich das zeitgenössische Auftragswerk von Younghi Pagh-Paan. Damit konnten fünf Schlagzeuger und eine Schlagzeugerin zeigen, zu was sie fähig sind und wie sie aus toten Noten lebendige Musik zaubern können - oder eben nicht.

Während die "Klangsäulen" der 73-jährigen Koreanerin bei Weiqi Bai aus China zu Beginn noch wie eine Etüde wirkten, entdeckte Kai Strobel als erster die komplexen, aber durchaus klaren, vorwärtsdrängenden Strukturen und die auch im Klangspektrum voneinander abgesetzten Teile. Nach der Japanerin Nozomi Hiwatashi, Sam Um (USA) und dem Schweizer Augustin Lipp, die alle drei nicht ins Finale kamen, spielte erst wieder Aurélien Gignoux (Frankreich/Schweiz) die Uraufführung - vielleicht am besten. Er war schon in der zweiten Runde mit originellen Werken von Klatzow, Scelsi und Donatoni überragend, der Beste nun auch bei Kevin Volans' wildem Stück für sieben Trommeln, dem ein zarter Marimba-Epilog folgte. Denn er offenbarte eine faszinierende Unabhängigkeit beider Arme, durchleuchtete die rhythmischen Strukturen am präzisesten, war auch in der Wahl der Schlägel sehr kreativ und verschaffte so dem angedeuteten Wiegenlied eine fast unwirkliche Aura am Ende des bei ihm oft wie eine beängstigende Urgewalt ausbrechenden Stücks.

Weiqi Bai hatte zu Beginn unter anderem mit einer fein geklöppelten Bach-Sonate (BWV 1005) überzeugt, danach verblüffte Kai Strobel nicht zuletzt mit dem Meisterwerk "Rebonds A & B" von Iannis Xenakis aus dem Jahr 1989, dem er nichts schuldig blieb. Weiqi Bai und Kai Strobel werden beim Finale am Sonntag um 16 Uhr im Herkulessaal der Residenz jeweils Avner Dormans "Frozen in Time" spielen, das der ARD-Preisträger von 2014, Christoph Sietzen, letztes Jahr zum ersten Mal aufnahm. Aurélien Gignoux ist mit "Focs d'artifici" von Ferran Cruixent zu erleben.

© SZ vom 14.09.2019

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