ARD-Musikwettbewerb Die Probe aufs Exempel

Andrea Obiso reizt bei Sergej Prokofjews erstem Violinkonzert mit dem BR-Symphonieorchester die Extreme aus.

(Foto: Daniel Delang)

Die Preisträger stellen sich in abschließenden Konzerten vor. Am ersten und dritten Abend kann allerdings nicht jeder überzeugen

Von Klaus Kalchschmid

Die bunt gemischten Preisträger-Konzerte als Abschluss des ARD-Musikwettbewerbs sind wie ein Schaulaufen, bei dem der Druck von den Teilnehmern endlich abgefallen ist. Das muss nicht unbedingt heißen, dass jetzt noch schöner und gelöster musiziert wird als in den Finalrunden. Aber bei Fabian Müller war es so. Er errang zwar "nur" einen zweiten Preis, aber dafür mehr Sonderpreise als jeder andere Teilnehmer des 66. ARD-Musikwettbewerbs in den Fächer Geige, Oboe, Gitarre sowie Klavier: Müller konnte auch noch Publikumspreis und den der Plattenfirma Genuin für eine CD-Aufnahme, dazu einen Brüder-Busch- und einen der Henle-Urtext-Preise abräumen.

Im ersten Konzert spielte er noch einmal überragend (wie schon im Finale, doch jetzt im Prinzregententheater und mit dem Rundfunkorchester unter David Reiland) das c-moll-Konzert op. 37 von Ludwig van Beethoven. Eminent klar, durchsichtig, spannungsvoll in jeder Phrase und im jeden Ton war das musiziert. So kontrolliert und rund im Anschlag, aber immer mit feinem Ausdruck und Sinn für Struktur und Spannungsverläufen zu spielen, ist ein Glücksfall. Dazu kam ein in den Ecksätzen stets vorwärtsdrängender Elan ohne je zu hetzen und eine wunderbare Natürlichkeit für die Mozart'sche Schlichtheit des E-Dur-Largos.

JeungBeum Sohn aus Südkorea, der einzige erste Preisträger des gesamten Wettbewerbs, war zum Abschluss des dritten Preisträgerkonzerts noch einmal (wie im Finale mit den BR-Symphonikern unter Michael Francis, aber diesmal in der Philharmonie) mit Piotr I. Tschaikowskys erstem Klavierkonzert b-moll zu erleben: ein Glasperlenspiel war das Prestissimo-Intermezzo im langsamen Satz, dem er zarte Schlichtheit gönnte, während die bewegten Ecksätze sich wie eine Kampfansage anhörten: laut, knallig, hart. Das ist bei aller Virtuosität im Detail und einer beeindruckenden Pranke allzu vordergründig.

Alle drei Finalisten im Fach Gitarre, das zum ersten Mal seit 24 Jahren wieder ausgeschrieben war, hatten sich Joaquín Rodrigos unverwüstliches "Concierto de Aranjuez" ausgesucht. Davide Giovanni Tomasi spielte es im ersten Preisträgerkonzert an der Seite des Rundfunkorchesters im Prinzregententheater mit schöner, poetischer Zurückhaltung, ließ sich aber leider nie dazu verführen, dem Affen auch mal Zucker zu geben. Warum er sich dann dieses effektvoll um Aufmerksamkeit geradezu buhlende, folkloristische Stück ausgesucht hat, weiß wohl nur er selbst. Doch dann präsentierte sich zwei Tage später mit den BR-Symphonikern der ebenfalls zweitplazierte Chinese Junhong Kuang. In der Philharmonie musste der erst 17-jährige natürlich verstärkt werden, was sein zupackendes Spiel noch betonte, aber den Gitarren-Klang auch steril machte und seiner Facetten beraubte.

Kristine Balanas aus Lettland hatte zusammen mit dem Münchener Kammerorchester im Semifinale mit dem Mozart'schen D-Dur-Konzert KV 218 in der Musikhochschule durchaus überzeugt und bekam dafür den dritten Preis. Jetzt enttäuschte sie mit dem Münchner Rundfunkorchester fast. Viel dünner und neutraler ihr Ton, kaum Emphase und selten weit gespannte Bögen waren zu hören, allenfalls ein paar schwebende Momente im langsamen Satz konnten verzaubern.

In der Philharmonie war erneut Andrea Obiso mit Sergej Prokofjews erstem Violinkonzert zu erleben. Noch mehr als im Finale reizte der zweite Preisträger, der auch für die beste Interpretation des zeitgenössischen Auftragswerks von Avner Dorman ausgezeichnet wurde, die Extreme aus. Und sein Musizieren war nun auch ein reizvolles Zusammenspiel mit dem BR-Symphonieorchester. Ob zarter, fein modellierter Beginn und irisierend ätherisch schwebenden Schlüsse der Ecksätze oder heftige, virile Attacke, die auch das Geräusch und fahle Farben nicht scheute: Obiso vermochte der Janusköpfigkeit des Konzerts wunderbar gerecht zu werden.

Bei Thomas Hutchinson ist der Vergleich seiner Auftritte mit demselben Stück - diesmal in der zweiten Runde und im Finale - noch aus einem anderen Grund interessant und erhellend. Musste oder durfte er das, wie er selbst sagt, "Angeberstück" von Antonio Pasculli, dessen "Concerto sopra motivi dell'Opera 'La Favorita' di Donizetti", zunächst nur mit Klavier spielen, hatte er jetzt ein ganzes Orchester hinter sich oder auch im Nacken. Weil er ein introvertierter, fast schüchterner junger Mann ist, war ihm das extrovertierte Konzert eigentlich suspekt. Es vertraut nur selten den Donizettischen Melodien, sondern umspielt sie meist variantenreich virtuos. Das war jetzt mit dem vollen, dick instrumentierten Orchester fast noch mehr zu spüren, als nur mit Klavierbegleitung. Hutchinson musizierte wie mit angezogener Handbremse unter seinen Möglichkeiten, die er nicht zuletzt mit einem phänomenal intensiv gespielten Auftragswerk von Thierry Eschaich bewiesen hatte, das er wie alles andere auch auswendig spielte und dafür ausgezeichnet wurde. Juliana Koch, ebenfalls zweite Preisträgerin, durfte noch einmal das 1945 nach den "Metamorphosen" komponierte Oboen-Konzert von Richard Strauss spielen. Sie tat es mitzartem Ton, der einfach nur schön war. Das hatte mit dem nicht minder fein modellierenden BR-Symphonikern etwas traumhaft Entrücktes.