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ARD-Musikwettbewerb:Augen zu und durch

Im Fach Oboe geht der Wettbewerb ohne Sieger zu Ende

Von Michael Stallknecht

"Ich möchte lieber nicht", lautet der Satz, mit dem die Titelfigur in Herman Melvilles Erzählung "Bartleby der Schreiber" seine Umgebung provoziert. Vielleicht dachten sich Ähnliches auch die Juroren im Fach Oboe, als sie nach schier endlos wirkenden eineinhalb Stunden im Herkulessaal ihre Entscheidung verkündeten und damit einen regelrechten Buhsturm beim ausharrenden Publikum provozierten. Denn auch sie hatten entschieden, nicht zu entscheiden, genauer: allen dreien im Finale verbliebenen Kandidaten einen zweiten Preis zuzusprechen. Im Publikum hatte sich mancher wohl schon in den Vorrunden seinen Favoriten auserkoren. Außerdem hatten die Kandidaten gerade im Finale durchaus sehr unterschiedliche Leistungen gezeigt, die sich umso besser vergleichen ließen, als alle drei mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ein und das selbe Konzert spielen mussten: das Oboenkonzert von Richard Strauss aus dem Jahr 1945.

Dem zuerst auftretenden Thomas Hutchinson hatte man dabei deutlich angemerkt, welche psychische Belastung vielleicht gerade das Erreichen der Finalrunde bedeuten kann. Die Augen durchweg geschlossen, in den Pausen schwer atmend, sich mehrfach den Angstschweiß von der Stirn wischend, schien er das Orchester kaum wahrzunehmen. Die BR-Symphoniker agierten hier unter Leitung von Michael Francis freilich auch noch ziemlich unsicher und verhalten. "Augen zu und durch" lautete also das Motto für das Spiel des jungen neuseeländischen Oboisten, das immerhin souveräne technische Fähigkeiten ahnen ließ. Obwohl schon Solooboist beim Melbourne Symphony Orchestra, merkte man Hutchinson einfach an, dass er von allen drei Finalisten die geringste Bühnenerfahrung besitzt.

Ein erster Preis wurde in den letzten Jahren selten vergeben

Schließlich treten gerade in den Finalrunden des ARD-Musikwettbewerbs oft junge Musiker an, die in ihrer Karriere schon ziemlich weit fortgeschritten sind. Der an zweiter Stelle zu hörende Kyeong Ham ist Oboist beim renommierten Royal Concertgebouw Orchestra in Amsterdam, war als Solist schon bei einigen besseren Kammermusikfestivals zu hören und verfügt nebenbei über üppige Wettbewerbserfahrung. Die dritte Finalistin, die geborene Heidelbergerin Juliana Koch, ist feste Solooboistin des Royal Danish Orchestra in Kopenhagen und hat daneben als Solooboistin schon bei zahlreichen renommierten Orchestern gastiert, unter anderem beim Bayerischen Staatsorchester. Dass sie am Ende den Publikumspreis erhielt, mag denn auch teilweise damit zusammenhängen, dass sie in München studiert hat und damit einige Anhänger im Saal mobilisieren konnte. Ihre Interpretation von Straussens Konzert überzeugte vor allem durch das intensive Zusammenspiel mit den hier endlich aufgewachten BR-Symphonikern und durch das hohe Maß an lyrischer Intensität, das sie vor allem im langsamen Satz entfaltete. In Intonationssicherheit, ausgewogener Tongebung und Phrasierungsgenauigkeit war ihr im Finale dennoch Kyeong Ham deutlich überlegen. Der Südkoreaner, der in Deutschland studiert hat, entlockte den Straussschen Linien einiges an spielfreudiger Pointierung. Dass er nun mit dem geringsten Preisgeld nach Hause fahren muss, mag da bitter erscheinen. Denn den Preis für die beste Interpretation des Auftragswerks im Semifinale, Thierry Escaichs "Cantus III", konnte Thomas Hutchinson für sich verbuchen.

Es müssen denn auch vor allem die Eindrücke aus den Vorrunden gewesen sein, die die Jury ihre vielleicht unbefriedigende, vielleicht aber auch einfach faire Entscheidung treffen ließ. Die Beratungszeit deutet darauf hin, dass am Ende ein Kompromiss gefunden werden musste. "Wir haben die Entscheidung und ihre Tragweite sehr ernst genommen und sind der Meinung, dass keiner in allen Bereichen besser war als die anderen", lautete die Begründung des Jurors Nicholas Daniel. Immerhin steht sie in einem gewissen Einklang mit früheren Jahrgängen im Fach Oboe, bei denen äußerst selten ein erster Preis vergeben wurde. Zuletzt erhielt ihn im Jahr 2007 Ramón Ortega Quero, der heutige Solooboist der BR-Symphoniker. Inwieweit sich die Preisträger der Fächer untereinander vergleichen lassen, kann das Publikum noch in den drei Preisträgerkonzerten überprüfen, die an diesem Mittwoch beginnen.

© SZ vom 13.09.2017
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