ARD: "Die Freie Deutsche Jugend" Freundschaft um jeden Preis

Sonnenaufgang in der Goebbels-Villa: Die ARD erzählt die Geschichte der FDJ mal ohne westdeutsche Arroganz.

Von Anke Sterneborg

Mit Freiheit kann es naturgemäß nicht viel zu tun haben, wenn das Gros der Jugendlichen eines Landes in einer einzigen Jugendorganisation gebündelt ist, so wie es zur Zeit der Wende in der FDJ der Fall war: Sage und schreibe 80 Prozent der DDR-Jugendlichen im Alter von 14 bis 25 Jahren gehörten damals zu den sogenannten Blauhemden mit dem Abzeichen einer aufgehenden Sonne auf dem Oberarm.

Alte Männer, von der Jugend auf Händen getragen: 1.-Mai-Feierlichkeiten der FDJ 1987.

(Foto: Foto: picture-alliance/dpa)

Im Jahr des großen Wendejubiläums gehen Lutz Hachmeister und Mathias von der Heide die Aufarbeitung der Geschichte der Freien Deutschen Jugend an, von ihren europäischen Anfängen im antifaschistischen Widerstand der 30er Jahre über das Verbot der West-FDJ im Jahre 1951 bis zum Bröckeln der sozialistischen Systeme am Ende der 20. Jahrhunderts. Dass sie dabei sachlich und lebendig, ganz ohne Polemik und Häme ans Werk gehen können, hat mit dem zeitlichen Abstand wohl ebenso zu tun wie mit einem guten Gespür für komplexe gesellschaftliche und politische Zusammenhänge.

Von ihrem gemeinsamen Projekt "Das Goebbels-Experiment" bringen die beiden eine gewisse Übung im Umgang mit totalitärer Propaganda mit, wenn sie nun, vier Jahre später, noch einmal an die ehemalige Goebbels-Villa am brandenburgischen Bogensee zurückkehren, die nach dem Krieg zum Schulungszentrum der FDJ ausgebaut wurde. Neben historischem Archivmaterial und Ausschnitten aus Defa-Filmen setzen sie dabei vor allem auf die Erinnerungen von Zeitzeugen, deren Vielstimmigkeit zwischen versöhnlicher Erinnerung, sachlicher Revision und Kritik austariert ist.

Da räumt eine jugendliche Angela Merkel kurz nach der Wende ein, dass die FDJ zwar ein paar nette Dinge geboten habe, die nichts mit System und Ideologie zu tun gehabt hätten, dass ihr Beitritt aber doch zu 70 Prozent opportunistisch motiviert gewesen sei. Politiker der Wendemonate, wie Egon Krenz oder Hans Modrow, relativieren die staatsbildende Funktion der Organisation, Lothar Bisky und Klaus Bölling positionieren sich zwischen Sympathie und Kritik, der DDR-Dissident Horst Herlemann erzählt von seiner Konfrontation mit dem System, und die Schauspielerin Anja Kling vom Durchmogeln zwischen Anpassung und subversiver Rebellion. Der Regisseur Andreas Dresen ("Halbe Treppe", "Wolke 9") schließlich rekapituliert sein wachsendes Misstrauen in den letzten Jahren vor der Wende.

Aus den vielen Stimmen entsteht ein Bild voller Widersprüche: hier der Duft der weiten Welt, dort der Muff des sozialistischen Alltags, hier die Utopie einer freien Jugend, da die Realität der rigiden Kaderschmiede. Neben der Geschichte der FDJ wird unweigerlich auch die der DDR verhandelt. Und weil sich die Regisseure westdeutsche Arroganz und Selbstgerechtigkeit verkneifen, geben sie den Beteiligten 20 Jahre nach dem Mauerfall auch die Möglichkeit, offener, bisweilen auch selbstkritisch und vor allem ohne Rechtfertigungsdruck über das Leben im deutschen Realsozialismus zu sprechen.

Freundschaft! Die Freie Deutsche Jugend, ARD, 22.45 Uhr.