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Architekur:Der Campus als Straßenkreuzung

Das Rotterdamer Architektenbüro OMA entwirft südlich von Paris eine zukunftsweisende Laborstadt, wo sich ein Viertel von Frankreichs Wissenschaft konzentriert.

Von Joseph Hanimann

Die Wandtafel hat sich überlebt. Beschreibbare Wände gibt es nicht nur in den Klassenräumen, sondern - zumindest in dieser neuen Laborstadt bei Paris - auch draußen an den Wegkreuzungen und Plätzen. Selbst die offene Mensa mittendrin wird, sobald der Küchentrakt wieder geschlossen ist, mit seinen Stehtischen und Sofas zum Treffpunkt fürs Fachsimpeln wie ein großes Straßencafé. Alles ist hier Einladung zum Verweilen und zur Begegnung. Den alten Peripatetikern hätte das gefallen, mögen auch statt der antiken Kolonnaden, Gärten und schattigen Plätze hier unter dem großen Kunststoffbaldachin kompakte Laborräume, Learning Centers und Richtungsschilder den Weg säumen.

Annähernd ein Viertel der wissenschaftlichen Forschung Frankreichs vollzieht sich hier

Als das Rotterdamer Büro OMA von Rem Koolhaas vor fünf Jahren den Wettbewerb für die neue Pariser Mathematik- und Ingenieursuniversität Centrale / Supélec gewann, wollte es die bei solchen Einrichtungen üblichen end- und gestaltlos aneinander gereihten Labortrakte vermeiden. Die Idee der Architekten war es, die verschiedenen Abteilungen in ein Stadtviertel mit Kreuzungen und Plätzen zusammenzufassen.

"Lab City" heißt der Komplex von fast fünfzigtausend Quadratmetern auf dem Wissenschaftscampus von Saclay, 30 Kilometer südlich von Paris. Die Chefarchitektin Ellen van Loon war auf ein geeignetes Raumkonzept für sparten- und stundenplanübergreifendes Forschen und Lernen aus. Tatsächlich sind an diesen ersten Tagen des Semesterbeginns die Architekten beim Gang übers Areal sichtlich erfreut. Immer sitzen die Studenten in den durch Glaswände einsehbaren Seminarräumen wieder in anderer Anordnung, mal zum Fenster gewandt, mal von ihm weg, bald in Gruppen zusammengerückt, bald an Einzeltischen. "Genau diese spontanen Anordnungen je nach Lernsituation erhofften wir uns", freut sich der Projektleiter Edouard Pervès von OMA.

Offene Struktur: Blick ins Innere der Universität.

(Foto: Vitor Oliveira)

Saclay ist ein sieben Quadratkilometer umfassendes Wissenschaftsareal im Grünen mit 18 Universitäten, Eliteschulen und Forschungszentren großer Unternehmen am Südrand des Pariser Siedlungsraums. Annähernd ein Viertel der wissenschaftlichen Forschung Frankreichs vollzieht sich heute an jenem Ort, der laut manchen Erhebungen zu den acht aktivsten weltweit zählt. Das gegenwärtig noch etwas abgelegene Plateau de Saclay ist eines der großen Entwicklungscluster in dem vom Staatspräsidenten Sarkozy vor zehn Jahren lancierten Programm "Grand Paris". In wiederum zehn Jahren soll der Ort durch das vollautomatische Bahnnetz Grand-Paris-Express in einer halben Stunde vom Stadtzentrum aus erreichbar sein.

Beim Stichwort "Silicon Valley" à la Française, das im Zusammenhang dieses Clusters oft fällt, kann Edouard Pervès aber nur lachen. Mit leichter Digitaltechnologie und smarter Infrastruktur habe Saclay nichts zu tun, sagt er, da gehe es um härtere Sachen, um Grundlagenforschung mit schweren Installationen. Gerade das wollten die Architekten aber nicht einbunkern, sondern in einen offenen Campus eingliedern.

Auf den 22 Hektar des ihnen zugeteilten Geländes konnten sie den Standort selbst wählen. Sie sind auch für den Masterplan der weiteren Umgebung auf dem Campus zuständig und entschieden sich bei ihrem Projekt für eine Laborstadt mittendrin. Sie besteht aus sechs Blöcken, die von einem regelmäßigen Muster aus Straßen unterschiedlicher Breite durchzogen sind. Eine diagonale Hauptachse durchquert den ganzen Komplex. Sie wird den künftigen Bahnhof des Grand-Paris-Express mit den schon vorhandenen Gebäuden der Elektroingenieursschule Supélec aus den siebziger Jahren verbinden.

Die Laborstadt besteht aus sechs Blöcken.

(Foto: Philippe Ru)

"Materie", "Energie", "Leben", "Mensch und Welt" heißen die vier thematischen Quartierblöcke der Gelehrtenstadt mit den entsprechenden Labors. Die ein-, zwei- oder dreigeschossigen Quaderbauten dieser Quartierblöcke bieten auch vertikal ein abwechselndes Raummuster mit insgesamt 3000 Quadratmetern Terrassen auf unterschiedlicher Höhe. Man kann sich dort zusammensetzen oder absondern, mit den verstellbaren Wänden Unterrichtsräume im Halbfreien oder Nischen für improvisierte Treffen einrichten.

Fast alle Studenten wohnen vor Ort. Ihr Alltag findet in der Abgeschiedenheit statt

Was von der Struktur her an die "Rostlaube" der Berliner FU mit ihren Längs- und Querfluren, Kreuzungen und Innenhöfen erinnern mag, ist in Wirklichkeit so ziemlich das Gegenteil. Nicht Absonderung gegen außen, nicht Durchschleusung der Studenten durch ein Labyrinth von Verbindungswegen sind in Saclay angesagt, sondern Verlangsamung, Begegnung, Vermischung in einem urbanen Gesamtraum unter dem alles überspannenden Dach auf 11 Metern Höhe. Und das Ganze ist eingefügt in die großen Koordinaten des Gesamtcampus. Fast alle Studenten von Saclay wohnen am Ort. Ihr Alltag aus Lernen, Forschen, Entspannung, Unterhaltung, Geselligkeit findet also in der Abgeschiedenheit statt. Die mit ihrer schwarzen Fassaden nach außen hin etwas streng wirkende "Lab City" lädt mit 15 Eingängen auf allen vier Seiten zum Hereinkommen, Durchqueren und Dableiben ein.

Das hätte funktional, klimatisch, akustisch daneben gehen können. Diskret in die Innenfassaden der Laborstadt eingelassene Schalldämpfungsplatten halten den Grundlärmpegel aber auf einem erträglichen Niveau. Auch die jahreszeitlichen Temperaturschwankungen sollten in diesem nicht klimatisierten städtischen Interieur unter der dreischichtigen Dachmembrane akzeptabel sein. Und zum Gedränge kam es bisher auf den Kreuzungen offenbar nicht. Sieht so also der vollendete Traum des offenen, mobilen Einheitsraums aus?

Dieser Traum von der größtmöglichen Flexibilität hat sich schon überlebt. Die "Lab City" bieten ein Gegenmodell dazu. "Räume mit beweglichen Wänden, totale Umstellbarkeit, gebrauchsneutrale Orte, das funktionierte nie recht", erklärt Pervès. Das Improvisierte biete immer nur Halbbefriedigendes. "Wir offerieren dagegen ein breites, klar definiertes Raumspektrum, von der Bürozelle bis zum Audimax von 1000 Plätzen." Die Kernelemente im festen Raster der Quaderbauten bestehen aus massiven Betonblöcken mit Treppenaufgang, sanitären und technischen Einrichtungen. Drum herum ordnen sich die Labors, Unterrichtsräume und Büros an. Spontaneität und Kreativität brauchen eben klare Strukturen, lautet überzeugend die Botschaft dieses Projekts, im offenen Einspruch gegen die Euphorie des Vorläufigen. Bleibt die Frage nach der idealen Größe eines solchen Modells. Im Kleinen ist es bisher schon da und dort ausprobiert worden. Für Massenuniversitäten dürfte es kaum taugen. Die gut viertausend Studenten der Pariser Elitenuniversitäten könnten ein mittlerer Richtwert dafür sein.

© SZ vom 17.10.2017

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