Architekturpreis Große Nike Schaut auf dieses Poing

Die Große Nike geht in diesem Jahr an ein Kirchenzentrum in Poing. Das aber auch einen Spitznamen hat: "Gottes Sprungschanze".

(Foto: Florian Holzherr)
  • Die Große Nike, einer der wichtigsten Architekturpreise Deutschlands, geht in die oberbayerische Provinz, nach Poing.
  • Das dortige Kirchenzentrum setzte sich unter anderem gegen die mittlerweile ikonisch gewordene Elbphilharmonie durch.
  • Die Entscheidung ist ein Triumph des Alltags - weil es im Städtebau eben nicht um Ausnahmeproduktionen geht, sondern um ambitioniertes, verantwortliches Bauen in unserer Lebenswelt.
Von Gerhard Matzig

Es ist in etwa so, als wäre zu vermelden, dass der TSV Poing, der in der Kreisklasse vor dem wichtigen Spiel gegen das favorisierte Egmating aktuell einen der hinteren Plätze belegt (Platz 11 von 14), als ob dieses Poing in einem denkwürdigen Champions-League-Finale Real Madrid versenkt habe. Oder Barcelona ausgeschaltet. Oder Liverpool in die Schranken gewiesen. Oder, na ja, jetzt wird es zugegebenermaßen etwas schwierig mit der Fußballgötteranalogie, wenigstens dem mittlerweile leider, leider, leider zweitklassigen HSV in Hamburg die Trophäe entrissen habe.

Worauf es ankommt: In gewisser Weise ist eine denkwürdige Sensation zu vermelden. "Der Preis der Sieger", also der BDA-Architekturpreis Nike 2019, einer der wichtigsten Architekturpreise Deutschlands, der nur alle drei Jahre verliehen wird, wurde am Wochenende in Halle, Sachsen-Anhalt, eben nicht wie zu erwarten an die mit Preisen und Anerkennungen längst überschüttete, mittlerweile ikonisch gewordene und sattsam bekannte Elbphilharmonie von Herzog & de Meuron vergeben. Sondern an das "Kirchenzentrum Seliger Pater Rupert Mayer" in Poing - entworfen von Andreas Meck und Axel Frühauf (meck architekten, München).

Man tritt jetzt hoffentlich weder den in Architekturkreisen gut bekannten, höchst respektierten und letztlich auch sehr erfolgreichen Architekten noch dem Erzbischöflichen Ordinariat als Bauherrn zu nahe (noch der amtlicherweise 15 652 Einwohner zählenden Gemeinde Poing, gelegen in der Münchner Schotterebene rund 20 Kilometer östlich der Landeshauptstadt): Aber dass ein vergleichsweise kleines Kirchenzentrum im Schotterebenennirgendwo, das sich bislang vor allem durch seine Gewerbesteppengebiete und Doppelhaushälftenareale auszeichnet, die weltweit herumgereichte Spektakelbaukunst der Elbphilharmonie aus der Liga der "Signature Buildings" auf die Plätze verweist - das ist bedeutsam und auch willkommen über den Akt der Preisverleihung hinaus.

Über Poing heißt es:"Alles scheint hier billig." Na, das könnte sich ändern

Es ist nämlich auch ein Triumph des Alltags. Oder vielmehr ein Hinweis darauf, dass sich die architektonische und stadträumliche Qualität der Gegenwart weniger den auch medial befeuerten Ausnahmeproduktionen der weltweit herumgereichten "Star"-Architekten verdankt, sondern einem ambitionierten, verantwortlichen und gleichwohl an der Spitze der Baukunst sich befindlichen Bauen, mit dem wir viel unmittelbarer in Berührung kommen. Weil das nicht nur in den Magazinen, im Netz und im Fernsehen stattfindet - sondern in unserer Nachbarschaft, in unserer Lebenswelt.

Es ist nun mal so, dass relativ wenige Menschen in der prominent gelegenen Speicherstadt Hamburgs (Elbphilharmonie) leben. Oder in der Wüste im Emirat Katar (Neues Nationalmuseum, Jean Nouvel). Aber, bleiben wir in Deutschland, man lebt hierzulande mehrheitlich in eher unbedeutenden, nur selten von Stararchitektur besuchten oder auch heimgesuchten Provinzstädtchen. Und dort kommt man nur selten mit einer Architektur in Berührung, die sich auf besondere Weise um den öffentlichen Raum und das Fortschreiben baukultureller Verantwortung verdient macht.

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Aber genau darum, um die Qualität alltäglicher Raumfragen, die berühren, weil sie mitten im Leben stehen, geht es in einer Baukultur, die diesen Namen verdient. Die "Große Nike", die in diesem Jahr eine scheinbar kleine Bauaufgabe rühmt, könnte sich insofern als längst überfälliger Paradigmenwechsel erweisen in einer Ära des baukünstlerischen Spektakels, das von Zirkustricks manchmal nicht mehr so recht zu unterscheiden ist.

Im Übrigen muss man die fraglos grandiose Elbphilharmonie nicht gegen Poing ausspielen, denn neben der "Großen Nike" gibt es sechs weitere Preiskategorien ("Symbolik", "Neuerung", "Atmosphäre", "Komposition", "Fügung" und "soziales Engagement") - und die "Nike für Symbolik" geht tatsächlich an die Elbphilharmonie. Trotzdem ist festzuhalten: Nur ein Bauwerk, "das allen Preiskategorien in besonderer Weise gerecht wird", ehrt der BDA mit der Großen Nike.

Das Kirchenzentrum in Poing, im Sommer letzten Jahres geweiht, ist der Bau, der in Deutschland an diesem Wochenende zum Star wurde und endgültig ins Rampenlicht tritt. Der FC Bayern mag am Samstag verdientermaßen den DFB-Pokal geholt haben (zusätzlich zur Meisterschaft) - aber Poing hat jetzt ebenfalls verdient die Große Nike erhalten. Nur dass das Erzbischöfliche Ordinariat es versäumt hat, angesichts eines Bauwerks, das schon im Februar vom BDA-Landesverband Bayern einen Preis in der Kategorie "Besondere Bauten" erhielt (daher ist die Nike auch der "Preis der Sieger"), Shirts mit dem Aufdruck "Double 2019" im Fanshop bereitzustellen. Schade eigentlich.

Eine U-Bahn, eine Schule, Wohnungsbau, Poing: Es ist der Alltag, der schön und gut sein soll

Wer Poing besucht, wo das Kirchzentrum eine neue Ortsmitte definieren soll, hat in Erinnerung, was die Deutsche Bauzeitung kürzlich schrieb: "Die neue Ortsmitte von Poing ist an Belanglosigkeit kaum zu überbieten. Alles scheint hier billig: Der dreigeschossige Wohnungsbau, der Supermarkt, der Schnell-Imbiss an der Ecke, das Einkaufscenter am S-Bahnhof. Alles ist beliebig, austauschbar und multiplizierbar. Typisch Randstadt eben." Leider wahr. An der Gruber Straße, die direkt zum Doublesieger führt und von gleich zwei Gewerbegebieten flankiert wird (vom Technologiepark, der kein Park ist, und vom "Gewerbegebiet südlich der Bahn I", wo man die Nummerierung nur als Drohung begreifen kann), steht man vor dem BayWa-Markt "Bau & Garten". Mit Blick auf den abstoßenden Hallenhorror lässt sich vermuten, dass BayWa ein Kürzel ist für: Bayern war auch schon mal schöner. Nicht dass Obi & Co. besser wären. Die Konsumwelt hat die Gewerbebauten der Billigkeit, gut mit dem Auto anzufahren, die sie verdient.

International gefeiert und mit Preisen überschüttet: Die Hamburger Elbphilharmonie bekam nur einen kleinen Nebenpreis.

(Foto: Jörg Buschmann)

Das weithin ausstrahlende, schillernd weiß reflektierte Licht vom nahen Kirchenzentrum wirkt daher in solcher Umgebung fast wie ein Schock. Es stammt von der plastisch polygonal aus dreidimensionaler Keramik modulierten Dachtopografie, worunter sich der mit ortstypischem Nagelfluh bekleidete massive Sockel befindet. Wer den Kirchenraum schließlich betritt, ist fasziniert von der fast magisch zu nennenden Lichtregie darin. Wie die gotischen Kathedralen und Kirchenbauten des Barock: Diese Architektur ist eine Feier des Lichtes. Die Große Nike würdigt eine Baukultur, die diese Auszeichnung verdient. Und Poing hat einen Bau, der womöglich in dieser Lage ist: auszustrahlen, stark zu sein, prägend zu wirken, zu versöhnen mit einem Ort, dem räumliche Qualität so sehr fehlt und der davon jetzt an zentraler Stelle so viel (zu) erfahren hat.

Auch sonst, abgesehen von der Großen Nike für Poing und der insofern etwas kleineren Nike für die Elbphilharmonie, zeigt sich, dass der Alltag als wichtige Bauaufgabe begriffen wird: Weitere Preise gibt es für die Platzüberbauung am Dantebad in München (in der Kategorie "Neuerung" - Florian Nagler Architekten, München), die Wehrhahn-U-Bahn-Linie in Düsseldorf ("Atmosphäre" - netzwerkarchitekten, Darmstadt), die Mediathek der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle / Saale ("Komposition" - F 29 Architekten), die Bremer Landesbank ("Fügung" - Caruso St John Architects, Zürich) und eine Schule in Dettmannsdorf ("soziales Engagement" - Marika Schmidt, Berlin). Übrigens wurde auch noch die "Klassik"-Nike verliehen: Sie geht an die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, die Egon Eiermann nach dem Krieg, bis 1963, als Mahnmal der Demut und Erinnerung interpretierte. Aber auch als Zeichen des Neuanfangs.

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Manchmal müssen solche Zeichen deutlich sein. Vielleicht auch laut, besonders, anders. Womöglich spektakulär. Als (nicht lange nach dem Umbau der Gedächtniskirche) der Wettbewerb zum Münchner Olympiaareal entschieden wurde und das Team um Günter Behnisch und Fritz Auer ein einzigartiges, aufsehenerregendes Gespinst aus Stahl und Acryl vorschlug, kämpfte vor allem ein Architekt in der Jury für diese Vorform der Signature-Ära: Egon Eiermann. Froh ist man heute über eine Gesellschaft, die seinerzeit den Mut hatte, architektonisch nach den Sternen zu greifen. Und das Unbaubare zu bauen. Etwas zu wagen. Doch seither sind die Spektakelbauten so etwas wie PR-Botschafter ihrer selbst geworden. Aus bahnbrechenden Formfindungen und Konstruktionen, ja aus Einzigartigkeit, wurde die seriell repetitive Behauptung der Einzigartigkeit.

Poing zeigt aber: Die Baukunst der Gegenwart kann einzigartig sein und doch einer größeren Idee als der von sich selbst dienen. Das ist bemerkenswert und einen großen Preis wert in Zeiten, da man meist den Preis, aber nicht den Wert kennt.

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