Architekturgeschichte Vom Konstruktivismus zum Kolossalstil

"Klassik - das ist Weisheit, Einfachheit und Zweckmäßigkeit." - Iwan Scholtowski: Hippodrom, Moskau (1950-1955).

(Foto: Staatliches Schtschussew-Museum für Architektur)

Wie die Architekten Sergey Chernyshev und Iwan Scholtowski ihren Weg der Sowjetmoderne beschritten.

Von Christine Tauber

Die Jugendvita von Sergey Chernyshev, dem berühmten Architekten des "neuen Moskau", liest sich, als sei sie von Giorgio Vasari erfunden: Serjoscha wird 1881 im ländlichen Alexandrowskoje als Sohn eines Bauern geboren. Der Vater versucht sich autodidaktisch als Ikonenmaler, und das zeichnerisch begabte Kind geht ihm dabei schon früh zur Hand. Nachdem sein künstlerisches Talent offenkundig geworden ist, muss sich der noch nicht einmal Zwölfjährige im Nachbardorf einem Initiationsritus vor dem Dorfältesten unterziehen, der ihm die Aufnahme an der Moskauer Schule für Kunst, Skulptur und Architektur ermöglichen soll. Die von Chernyshev selbst überlieferte Szene, die einer tiefer gehenden Deutung harrt, spielt sich wie folgt ab: "Ich sollte also meine Prüfung absolvieren. Die Aufgabe bestand darin, einen lächelnden Kopf des Romulus zu zeichnen. Doch egal, wie sehr ich mich anstrengte, das Gesicht sah aus, als ob er weinte. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass man, um ein Lächeln zu malen, die Mundwinkel hochgezogen darstellen muss. . . " Diesem Anfängerfehler zum Trotz wurde der Bauernsohn nach Moskau und anschließend nach St. Petersburg geschickt; ihm stand bald eine kometengleiche Karriere als Architekt bevor.

Dom-publishers haben jetzt zwei Monografien über sowjetische Architekten in ihrer Reihe "Grundlagen" herausgebracht, die im Rahmen des Kooperations- und Forschungsprogramms "Architekten und Bauten der Sowjetunion" zwischen dem Staatlichen Schtschussew-Museum für Architektur und dem Verlag entstanden sind. Geplant sind weitere Monografien, unter anderem zu Boris Jofan, einem der Planer des "Palastes der Sowjets", und zu Alexej Schtschussew, dem Namensgeber des Moskauer Architekturmuseums.

Sergey Chernyshev nobilitierte selbst Propagandaschilder

Der zweisprachige Band (in Russisch und Englisch) über Chernyshev, auf Archivstudien basierend und großzügig mit Abbildungen versehen, bietet interessante Details über die vorrevolutionäre Künstlerausbildung in Russland, die noch ganz am Kanon der Pariser Académie royale de peinture et de sculpture orientiert war: Zeichnen, zeichnen, zeichnen, lautete die Devise, nach antiken Skulpturen, nach Aktmodellen, nach vorbildlichen Zeichnungen, nach Architekturdetails. Ergänzt wurde diese Formationsphase durch eine viermonatige Bildungsreise durch Europa. Entsprechend klass(izist)isch präsentieren sich denn auch Chernyshevs erste eigenständige Bauten mit ihren Säulenportiken und -kolonnaden.

In ihrer chronologischen Nachzeichnung von Chernyshevs Aufstieg blenden Ivan Lykoshin und Irina Cheredina Fragen nach Verstrickungen ihres Helden in die monumentalen Gleichschaltungsmaßnahmen der Revolution und seinem Engagement im Stalin-Regime aus. Keine Aufgabe ist ihm in dieser Sicht der Dinge zu banal, als dass sich daran nicht sein genialischer Zugriff hätte manifestieren können - so selbst an revolutionären Propagandaschildern, die er mit klassischen Formen nobilitierte. In seinem Entwurf für das Moskauer Lenin-Institut 1924 adaptiert Chernyshev einen dem revolutionär-avantgardistischen Zeitgeschmack entsprechenden "harmonisierenden" Konstruktivismus, der dann auch in seinen zahlreichen Arbeiterwohnungen und in Bauten für die Elektroindustrie zur Anwendung kam. Sozialutopische Ideale im Sinne der Frühsozialisten und der Gartenstadtbewegung lagen seinen "Idealstadtentwürfen" zugrunde - für die sozialistische Neustadt Magnitogorsk, das Industriezentrum im Ural, für das Gelände der Allrussischen Landwirtschafts- und Handwerksausstellung 1923 - und mündeten 1935 in den ersten, zusammen mit Wladimir Semjonow entworfenen Generalplan für die urbanistische Restrukturierung von Moskau.

Kunst und Politik verband der Epigone in idealtypischer Weise

In allen ideologischen Verwerfungen präsentiert sich der Architekt nach dem Willen der Autoren als ausschließlich von seinem professionellen Ethos gelenkter Diplomat, der über die Gabe des Schweigens in kritischen Momenten verfügt. Stets ist er um die Erhaltung des historischen Baubestandes, um harmonische Ensemblebildung und Blickachsenkonstruktion bemüht. Im Vergleich hierzu rückt Dmitrij Chmelnizki seinem Untersuchungsgegenstand, Iwan Scholtowski, Aushängeschild des sowjetischen Architektenverbandes und der Architekturakademie, Ausbilder unzähliger Jungarchitekten in seiner Meisterwerkstatt, Stalin-Preisträger sowie oberster Architektur-Zensor, deutlich kritischer zu Leibe. Er fragt nach dessen undurchschaubaren Kontakten in die höchsten Kreise der Sowjetregierung, nach seiner Protektion durch den Volkskommissar für Bildung, Anatoli Lunatscharski, und durch Stalin selbst im Umfeld der Wettbewerbe für den "Palast der Sowjets"; nach den Hintergründen seiner "Dienstreise" nach Italien 1923; nach den Auftraggebern und den Mechanismen, die in den Wettbewerben für Regierungsbauten walteten; generell nach den Entscheidungsträgern in architektonischen Fragen in der UdSSR.

Antworten auf diese für die sowjetische Architekturgeschichte virulenten Fragen kann Chmelnizki jedoch nur bedingt geben, vieles bleibt spekulativ: Er benennt zwar die Forschungsdesiderate, hat sich aber selbst nicht in die Archive begeben, so dass er das "Rätsel Scholtowski" letztlich nicht lösen kann. Dem deutschsprachigen Leser bleibt die Figur umso rätselhafter, als von den 13 Unterkapiteln des russischen Textes nur acht ins Deutsche übersetzt wurden, ebenso wie die russischen Literaturtitel, die auf Deutsch gar nicht existieren. Der von ideologisch-legitimistischen Floskeln strotzende Text der verstorbenen Schülerin Scholtowskis, Anastasia Firsowa, über ihren verehrten Lehrer relativiert zudem den kritischen Impetus von Chmelnizkis Untersuchung, denn ihr panegyrischer Versuch, den Profiteur des Regimes als Aufklärer erstrahlen zu lassen, wirkt im Kontrast absurd.

Den von Philipp Meuser in seinem Vorwort konstatierten dreifachen stilistischen Richtungswechsel in der sowjetischen Architekturgeschichte - vom Konstruktivismus über den Neotraditionalismus zur Sowjetmoderne - machte Scholtowski nur sehr bedingt mit: Er blieb lebenslang italienischen Vorbildern und insbesondere den Vorgaben Andrea Palladios verhaftet, dessen "Quattro libri dell' architettura" er ins Russische übersetzte und dessen Palazzo Thiene in Vicenza er in seiner Moskauer Villa Tarassow nachbaute. Konstruktivistische "Ausreißer" in Scholtowskis Œuvre stellen - bedingt durch die Bauaufgabe - allein das Kesselhaus des Moskauer Wasserkraftwerks Moges sowie einige weitere Industriebauten dar. Der wohl für den Geheimdienst in Moskau errichtete "Palast" in der Mochowaja-Straße war für Scholtowskis Kollegen Wiktor Wesnin der "Sargnagel des Konstruktivismus".

Den in seinen Entwürfen und Bauten vorherrschenden eklektischen, seine Vorbilder nutzenden Neoklassizismus, der sich in idealer Weise mit dem von Stalin favorisierten antimodernistischen Kolossalstil traf, legitimierte Scholtowski in seinem hier wiederabgedruckten Text "Über die wahre und die falsche Schönheit in der Architektur" von 1955: "Klassik - das ist Weisheit, Einfachheit und Zweckmäßigkeit. Ein so tiefes Eindringen in die Prinzipien der wahren Klassik macht uns sowohl von spießbürgerlicher, sinnloser Verzierung als auch von ideenloser Vereinfachung und Inhaltlosigkeit, Merkmalen, die der modernen bürgerlichen Architektur des Westens eigen sind, frei." Künstlerisches und politisches Handeln trafen sich bei diesem staatsbejahenden Epigonen modellhaft, interessierte er sich doch in seinen Bauten ausschließlich für die Fassadengestaltung.

Ivan Lykoshin, Irina Cheredina: Sergey Chernyshev. Architect of The New Moscow. 1881-1963. DOM publishers, Berlin 2015. 264 S., ca. 290 Abbildungen, 28 Euro. Dmitrij Chmelnizki: Iwan Scholtowski. Architekt des sowjetischen Palladianismus. Mit einem Beitrag von Anastasia Firsowa. DOM publishers, Berlin 2015. 212 S., 180 Abbildungen, 28,00 Euro.