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Architekturgeschichte in Wien:Betonharte Politik

In Wien untersucht die Ausstellung "Kalter Krieg und Architektur" den Einfluss der vier Siegermächte nach dem Zweiten Weltkrieg. In der besetzten Stadt versuchten sie, für ihre jeweiligen Bau- und Gesellschaftskonzepte zu werben.

Die Fahrgemeinschaft im Comicstil sieht fröhlich aus. Vier Soldaten in einem offenen Jeep, der eine auf der Rückbank scheint sogar zu pfeifen. Vier Miniflaggen, die auf ihrer Kühlerhaube lässig im Wind flattern, erinnern an einen Blumenstrauß. Eine Collage von Sehenswürdigkeiten im Hintergrund, vom Eiffelturm bis zum Kreml, soll die Herkunft der Insassen illustrieren - sie repräsentieren die vier Siegermächte des Zweiten Weltkriegs.

"Die Vier im Jeep" heißt das Plakat aus dem Jahr 1954. Doch ganz so brüderlich, wie hier das Verhältnis zwischen Frankreich, Großbritannien, den USA und der Sowjetunion dargestellt wird, kann es nicht zugegangen sein. Der Wettstreit der Systeme zwischen West und Ost brauchte nicht lange, um in einem Krieg zu münden, der eigentlich gar nicht so kalt war. Selten hat man das so plastisch, konzentriert und historisch fundiert vor Augen geführt bekommen wie in der Ausstellung "Kalter Krieg und Architektur" im Architekturzentrum Wien (AzW).

Auch Wien war während der zehnjährigen Besatzungszeit in vier Zonen unterteilt. Die strategische Bedeutung von Österreich, gerade der Landeshauptstadt, war groß. Doch anders als für Berlin, wo das Konkurrieren der System sich ebenfalls in der Architektur ablesen lässt, etwa in der ehemaligen Stalinallee und dem Hansaviertel, hat man das für Wien bislang kaum untersucht. Dabei versuchten alle vier Siegermächte, in ihren Besatzungszonen bei der Bevölkerung um die Gunst für ihre jeweiligen Programme zu werben. Was in Form von Stadtplanung, Eigentumswohnung, Kücheneinrichtung, ja selbst dem Sitzplan bei der Wiedereröffnung der Oper vermeintlich unverdächtig daherkam, war tatsächlich betonharte Politik.

Die Propaganda fürs Eigenheim hatte es schwer in Wien, der Stadt des öffentlichen Wohnungsbaus

"Dieses Buch verändert den Blick auf die österreichische Architekturgeschichte", schreibt Angelika Fitz, die Direktorin vom AzW, im Vorwort des ausführlichen und reich bebilderten Katalogs. Bislang sei der Fokus auf die Nachkriegszeit nämlich stark eingeschränkt gewesen. Allein schon, weil man noch nie die vier Alliierten in ihrem Tun miteinander verglichen hat. "Bis heute betreibt jeder eine nationale Architekturgeschichtsschreibung", sagt Monika Platzer, die Kuratorin der Ausstellung. Dabei müsse man gerade diese in ihrem globalen Zusammenhang sehen. "Architektur macht vieles sichtbar", so Platzer. Wirtschaftspolitik etwa, aber auch Kulturpolitik, Soziologie, Mediennutzung.

Die Leiterin der Sammlung des AzWs forschte über Jahre an dem Thema, seit 2014 hat sie intensiv an dem "Puzzlespiel" gearbeitet. Bauten und Stadtquartiere, die in der Zeit nach 1945 in den vier Besatzungszonen entstanden, sind dabei nur ein kleiner Teil der Ausstellung, sozusagen die sichtbare Spitze des Eisberges. Sehr oft geht es um Temporäres, um Medienkampagnen, Ausstellungen, Veranstaltungen, Bücher, das Engagement einzelner Architekten wie Konrad Wachsmann, Ronald Rainer oder Margarete Schütte-Lihotzky - und natürlich die Politik, die dahinter stand. "Amerika hast du es besser?" fragte etwa polemisch 1949 das Magazin Welt-Illustrierte und zeigte dazu Aufnahmen einer ultramoderne Wohnung aus Moskau. Diesen stellte es Elendsmotive aus den USA gegenüber, ein schwarzes Kind in einer heruntergekommenen Wohnung, eine vorsintflutliche Küche. Fake News sind keine Erfindung aus dem 21. Jahrhundert.

Die Amerikaner wollten unterdessen mit aller Macht den Traum vom Eigenheim fördern. Da Wien seit den Zwanzigerjahren kontinuierlich öffentlichen Wohnungsbau betrieb, erschien das offensichtlich als große Marktlücke - und als verlockender Absatzmarkt für den "American Way of Life" in Form der eigenen Produkte aus den USA. Mit einem wahnwitzig hochen PR-Aufwand versuchte man deswegen, ein Neubauquartier in der Veitingergasse im 13. Bezirk als Musterbeispiel für effizientes und kostengünstiges Bauen zu propagieren. Der Marshallplan förderte das Projekt. Doch die Wiener hielten nichts von den Einfamilienhäusern, die Anfang der Fünfziger in Fertigbauweise dort entstanden. Offenbar erinnerten sie die flachgezogenen Bauten zu sehr an Kriegsbaracken. Der Versuch der Stadt Wien, Geld aus dem Marshallplan für sozialen Wohnungsbau abzurufen, scheiterte dagegen. Unterstützung gab's nur fürs private Eigenheim.

Dank Frankreichs Einsatz wurde dagegen über die Ideen von Le Corbusier gestritten, der 1948 in Wien auch persönlich einen Auftritt hatte. "Papst oder Antichrist" titelte noch 1957 Die Wochenpresse. Seine Vorschläge erregten die Wiener Gemüter, allen voran die der etablierten Architekten. Die österreichische Studenten dagegen interessierten sich sehr für seine radikalen Stadterneuerungsideen genauso wie für die Leitlinien der Moderne und probierten diese in ihren Entwürfen aus.

Die Engländer favorisierten die Idee der Gartenstadt, das passte noch zu den alten Nazi-Entwürfen

Die Briten schließlich exportierten ihre Idee der "New Towns": Die neuen, auf dem Reißbrett entworfenen Städte sollten Ordnung in das urbane Chaos bringen, frische Luft, viel Grün und Licht, wo früher Industrieabgase, überfüllte Busse und kein Platz für spielende Kinder war. Ziel war es, das unkontrollierte Wachstum der Städte, das mit der Industrialisierung eingesetzt hatte, in den Griff zu bekommen. Solche Ideen gab es schon länger und nicht nur in London - weswegen die örtlichen Stadtplaner in Wien auch prompt auf ihre Erfahrungen aus der NS-Zeit zurückgreifen konnten. Die gute alte Gartenstadt erlebte ein Revival, Pläne von damals wurden aus der Schublade geholt, manchmal tatsächlich nur die Typografie leicht angepasst. Was einmal mehr am Mythos der Stunde null kratzt. Auch in Architektur und Stadtplanung gab es Kontinuitäten.

Interessant ist, wie ab einem gewissen Zeitpunkt das Pendel klar Richtung Westen schlug. 1949 wurde zwar noch im Museum für angewandte Kunst in Wien das "Zimmer für Stalin" ausgestellt. Österreichische Künstler und Handwerker hatten es dem Diktator als Geschenk zum 70. Geburtstag für den Kreml entworfen und angefertigt. Doch spätestens die Wiedereröffnung der Wiener Staatsoper - das kulturelle Großereignis im Jahr 1955 - macht die Westorientierung klar. Nicht nur, weil die UdSSR beim Wiederaufbau ein Rangtheater favorisiert hatte und man stattdessen ein höfisches Logentheater realisiert hatte. Sondern vor allem durch den Sitzplan bei der Eröffnung, den der Neue Kurier am 5. November 1955 unter der Schlagzeile "Wer sitzt wo in der Oper?" abdruckte. Die österreichische Politprominenz des gerade unabhängig geworden Staates nahm da neben Porsche, Philips und Ford Platz, neben Rothschild, Shell, Firestone, kurz: neben dem amerikanischen und prowestlichen Finanzkapital.

Irgendwann haben die drei im Jeep also ihren vierten Mitfahrer einfach rausgeschmissen.

Kalter Krieg und Architektur. Architekturzentrum Wien. Bis 24. Februar. Das Symposium Cold Transfer findet vom 24. - 26. Januar statt. Der umfangreiche Katalog ist im Verlag Park Books erschienen. Infos unter www.azw.at

© SZ vom 17.01.2020

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