Heimat vs. Urbanisierung Wie hält man das sterbende Land am Leben?

Peter Haimerl hat diesen Konzertsaal vor einigen Jahren im Zuge der Reanimation Blaibachs zusammen mit einigen anderen Visionären erfunden. Nun erzählt er davon, wie man das sterbende Land am Leben hält. Immer mehr Experten, Architekten, Soziologen oder auch Regionalraumplaner sind wie er der Meinung, man habe die "Renaissance der Stadt" nun gebührend lang gefeiert. Jetzt sei endlich mal die Wiedergeburt des Landes angesagt.

Doch wie soll das gehen? "Indem man die alten Zentren stärkt", sagt Haimerl, "indem man den Dörfern neue Perspektiven aufzeigt. Auch mit den Mitteln von Architektur, Kultur und Städtebau." Und indem man das Phänomen der Landflucht nicht als "gottgegeben" akzeptiert. Dennoch: "35 Prozent der deutschen Landgemeinden", so der aktuelle Baukultur-Bericht "Stadt und Land", "sind mit Bevölkerungsrückgängen konfrontiert". Der Urbanisierungsprozess macht das Land zum Verlierer. Die Gründe liegen auf der Hand. In der Stadt gibt es Arbeitsplätze, Bildung und Infrastruktur. Ärzte und Apotheken. Kinos und Theater. Und, ja doch, Extrembügler.

Noch um 1900 lebte auf der Erde nur etwa jeder zehnte Mensch in einem städtisch geprägten Lebensraum. Allein seit 1950 hat sich der Anteil der Städter vervierfacht. Bis 2050 sollen nach Schätzungen der UN mindestens drei Viertel der Weltbevölkerung in riesigen Stadtstrukturen leben. Schon in den nächsten Jahren, warnt eine Studie (Deutsche Bank Research), fehlen der Welt in den Städten bis zu einer Milliarde Wohneinheiten. Was es nämlich gerade wegen des gespenstischen Erfolgs der Stadt dort nicht gibt: Das ist Wohnraum in seiner schönsten Form - bezahlbar und leicht zu finden. Spätestens jetzt, in einer Zeit, da in den Ballungsgebieten von Stuttgart über München bis Berlin und Hamburg die "neue Wohnungsnot" herrscht, kommt das Land ins Spiel.

Der niederländische Architekt Rem Koolhaas glaubt, dass sich "die Zukunft auf dem Land entscheidet". Allen Urbanisierungseuphorien zum Trotz. Auch der Schweizer Mark Michaeli, der in München als Professor die "nachhaltige Entwicklung von Stadt und Land" lehrt, glaubt an ein mögliches Comeback des Landes: "Richtiger wäre es allerdings", sagt er, "nicht vom Zurückkehren, sondern vom Dableiben zu sprechen." Denn das Land könne inzwischen ohnehin vieles, was früher den Städten vorbehalten war. Aus dem Marktplatz als singulärem Ort des Handels ist beispielsweise der eher ortlose Onlinehandel geworden. Und aus Arbeitsplätzen wurden, jedenfalls theoretisch, mobile Tele-, also Fernarbeitsplätze, Stichwort "Homeoffice", die in der Stadt wie auf dem Land funktionieren. Gerade deshalb, so Michaeli, sei der regionale Netzausbau so wichtig. "Deutschland hat die Digitalisierung im Raum verschlafen."

Die Digitalisierung wiederum macht auf dem Land das Arbeiten abseits von Ackerbau, Viehzucht und Tourismus möglich. Dazu passt auch ein fast städtisch geprägtes Wohnen nahe der reanimierten Ortskerne, also nicht in bonbonbunten Einfamilienhäusern, die sich abseits toter Zentren wie Streusel auf dem Donut angesiedelt haben.

Pendler Beam mich nach Hause, Scotty!
Pendler

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Michaeli zufolge geht es nicht um ein Zurück in ein vermeintlich ländliches Idyll, das es eh nie gab, sondern um die künftige "Etablierung urbaner Lebensstile im ländlichen Raum". Oder sagen wir doch gleich: in Blaibach. Hier leben rund 2000 Menschen. Noch. Oder wieder. Der Konzertsaal hat Blaibach bekannt gemacht. "Man lebt jetzt ganz gut vom Tourismus", sagt der Bürgermeister. In der Typologie der Raumordnung ist Blaibach eine "Landgemeinde". Davon gibt es in Deutschland 3 803. Als "Stadt" gilt hierzulande alles, was mehr als 5000 Einwohner hat. Eine "große Großstadt" ist man ab einer halben Million Menschen, die dann immer noch knapp 76-mal in die derzeit größte Stadt der Welt passen würde, in den Großraum Tokio, wo 37,6 Millionen Menschen leben. Vom Dorfsterben sind allerdings nicht nur Dörfer, sondern auch unglücklich agierende Kleinstädte betroffen.