Architektur Wes Brot ich ess

"Paneum": In Asten bei Linz wurde das erste österreichische Brot-Museum eröffnet - entworfen vom Büro Coop Himmelb(l)au.

Von Gerhard Matzig

Schräg gegenüber, vor "Silo 2", hat man das industrielle Stahltor mit einer großen Blech-Breze verziert. Übrigens befindet man sich ja auch an der "Kornspitzstraße 1". Es ist also nicht weiter verwunderlich, wenn man an dieser Stelle das seltsame Gebilde, das soeben im oberösterreichischen Städtchen Asten nahe Linz als "Wunderkammer des Brotes" eröffnet wurde, in die assoziative Nähe von Backwaren aller Art rückt. Und wenn sich Wolf D. Prix noch so vehement dagegen wehrt.

Das erste österreichische Brotmuseum, es trägt den schönen Namen "Paneum" (vom lateinischen "pane" für Brot), ist der jüngste Bau des von Prix in Wien als - alle mal herhören - "Design Principal" geführten, international bekannten Architekturbüros Coop Himmelb(l)au. Und schon, um dem Himmelbau gerecht zu werden, betont Designfürst Prix: "Das Gebäude ist definitiv kein Brot. Es soll auch kein Teig sein.

Eher sieht es aus wie eine Wolke." Noch lieber sähe er es, wollte man in dem silbrig schimmernden, organisch anmutenden, tatsächlich aber holzkonstruktiv (spektakulärerweise stützenfrei!) überwölbten und von gut dreitausend Edelstahlschindeln ummantelten Gefäß auf dem im bewussten Gegensatz orthogonal organisierten Betonsockel "eine Art Arche Noah" sehen. Ein Wolkenschiff also. Unterwegs, um Wertvolles aus der Vergangenheit in die Gegenwart zu transportieren und für die Zukunft zu bewahren.

Ein Stück Brot ist etwas Alltägliches. Aber auch ein Wunder

Das Bild vom Wolkenschiff ist poetisch. Man darf sich aber auch an den hervorquellenden Inhalt einer Knack & Back-Teigrolle erinnert fühlen. Oder an stählerne Zuckerwatte. Oder an einen aus titanischer Höhe ausgespuckten Kaugummi. Oder an das Amalgam-Wahrzeichen der Dentalindustrie. Oder an zwei Wassertropfen im delirierenden Liebesrausch.

Das Schöne an solchen durchaus boshaft gemeinten Assoziationen ist, dass sie den begnadeten Ironiker Prix nicht ärgern. Denn zum Wesen seiner tatsächlich großen, expressiven und starken Baukunst gehört ja immer auch das entscheidende Moment, da die Architektur über sich selbst hinausweist und zum Zeichen jenseits der Baulichkeiten wird. Seine gestischen Raumrätsel, das gilt für die BMW-Welt in München, den Ufa-Kristallpalast in Dresden oder das Musée des Confluences in Lyon, vervollständigen sich im Grunde erst im Auge oder beim Durchschreiten des Betrachters sowie im Gespräch der gesellschaftlichen Rezeption. "Sieht aus wie ein ..." ist eine angenehm typische Reaktion auf Coop-Häuser, wobei die Auto-Komplettierung "Haus" selten den Hoffnungen des Herrn Principal entspricht.

Mit mehr als 3000 Edelstahlschindeln ist die Brettsperrholz-Konstruktion bedeckt.

(Foto: backaldrin)

Sagen wir also: In Asten steht jetzt dort, wo nebenan an der Autobahn nach Linz ein Möbelhaus einen ferrariroten XXXL-Stuhl so emblematisch wie venturihaft und grausam in den Himmel ragen lässt, ein wundersames, formschönes und staunenswertes Kleinod. Inmitten des benachbarten, wie üblich marktschreierisch lautstarken Furors einer Gewerbesteppe ist man dankbar für die federleicht und fast lautlos wirkende, anmutig entrückte Skulptur des Paneums, die auch an Constantin Brâncușis archetypische Formkunst denken ließe - würde sie sich dem Betrachter nicht Sekunden später (oder auch nur wenige Zentimeter weiter) nicht schon wieder ganz anders präsentieren. Als barocke Schaulust etwa.

Aber auch deshalb, weil man es mit einem schillernden, transformatorisch vitalen Baukörper zu tun hat, entspricht das Paneum seinem Inhalt auf so kongeniale Weise. Zu sehen sind in dem nur zwanzig Meter hohen Haus rund 1200 Exponate. Auf einer knapp eintausend Quadratmeter umfassenden Ausstellungsfläche sowie auf vier Etagen versammeln sich die Objekte rund um eine großherzig inszenierte, spiralförmig angelegte und suggestiv raumprägende Stahltreppe.

Die Choreografie der Dingwelt soll den Besuchern verdeutlichen, "welchen Stellenwert Brot in allen Epochen der Menschheitsgeschichte hatte und bis heute hat". Das sagt Peter Augendopler. Er ist der Gründer und Bauherr des privat organisierten, aber öffentlich zugänglichen Brot-Museums (www.paneum.at), das nun den Stammsitz seines Back-Imperiums wie eine Intarsie aufwertet. Augendoplers Firma Backaldrin ("The Kornspitz Company") hat einst den Kornspitz erfunden, der mittlerweile in aller Welt viereinhalb Millionen mal täglich verspeist wird.

Rund um die spiralförmig angelegte Treppe bietet das Gebäude fast 1000 Quadratmeter Ausstellungsfläche. Im Betonsockel ist ein Veranstaltungsforum untergebracht.

(Foto: )

Heute beschäftigt der gelernte Bäcker Augendopler 870 Mitarbeiter weltweit. Hergestellt und verkauft werden diverse Backmittel oder Brotgewürze. Augendopler hat fast 700 Produkte rund um die Backstube im Sortiment. Das Paneum aber ist seiner enormen Sammelleidenschaft gewidmet. Einen Zeitraum von fast 9000 Jahren umspannen seine Objekte, darunter Bilder (sogar eine Miniatur von Jan Brueghel d. J.), Bücher, Münzen, Möbel, Gefäße oder auch Porzellanfiguren und Blechautos mit der Aufschrift "Wonder Bread". Präsentiert werden die mal spirituell motivierten, mal werblichen oder handwerklich bestimmten Objekte in Vitrinen oder auch (das Guggenheim in New York lässt grüßen) ambitioniert an den seifig gerundeten Museumswänden.

Die Schau ist, man darf das ohne Schärfe sagen, ein charmantes Sammelsurium. Das Museum der Brotkultur in Ulm ist dagegen ein Hort strenger Wissenschaftlichkeit. Spaß macht das oberösterreichische Pendant zweifellos. Das liegt zum einen an der mit Leidenschaft zusammengetragenen, naturgemäß speziellen, nämlich biografischen Back-Mischung des Museumsgründers. Zum anderen aber an einer paradoxen Raumraffinesse, konvex und konkav in einem, die auf die Divergenz der Exponate mit einer funktional klugen und emotional sinnlichen Hülle reagiert.

Ein Stück Brot ist etwas zugleich Alltägliches und Mythisches, etwas zugleich Simples und Hochkomplexes. Das Paneum birgt ein Wunder.