Architektur 2017 war das Jahr der Wolkenkratzer

Das höchste in diesem Jahr vollendete Haus befindet sich in Shenzhen und überragt die Stadt deutlich. Es ist fast 600 Meter hoch und wurde vom amerikanischen Architekturbüro Kohn Pedersen Fox entworfen.

(Foto: Qilai Shen/Bloomberg)

In diesem Jahr wurden weltweit so viele Wolkenkratzer errichtet wie nie zuvor. Besonders für China gilt: Es wird nicht das letzte Rekordjahr gewesen sein.

Von Gerhard Matzig

Als der österreichische Architekt Hans Hollein ein Hochhaus in Phallus-Form skizzierte, war das eine Antwort auf die Frage "Erotische Architektur - Wie könnte sie aussehen?" Zugleich war das der Titel eines Hollein-Aufsatzes aus dem Jahr 1967. Das war aber auch die Zeit, da höchste Häuser, wie sie vor allem in der Moderne ab Ende des 19. Jahrhunderts sowie als Folge von Bodenspekulation, neuer Aufzugtechnologie, Stahlbeton als Material und innovativen Konstruktionsweisen möglich wurden, in die Kritik gerieten.

Schon das "Hochhaus" (in Deutschland ist das - rein baurechtlich betrachtet - alles, was den 22-Meter-Einsatzbereich der Feuerwehrdrehleiter übersteigt) galt als architektonische Fortschreibung der Pyramiden oder der mittelalterlichen Geschlechtertürme. Also als Symbol einer mal eher ökonomisch motivierten, mal eher politisch gemeinten Machtfülle der jeweils Herrschenden. Aber der "Wolkenkratzer" (im internationalen Verständnis: zumeist höher als 150 Meter) wurde nun endgültig zum fragwürdigen Formsymbol einer fragwürdig gewordenen Gesellschafts- und Wirtschaftsform.

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Diese kritische Sicht auf die Skyscraper als "Dinosaurier des 20. Jahrhunderts" (Frei Otto) erfuhr einen Höhepunkt im Jahr 2001. Als die World-Trade-Center-Zwillingstürme, vor allem aber auch fast dreitausend Menschen dem Terror zum Opfer fielen, wurden namhafte Stimmen laut, die nun auch das Ende der mittlerweile globalen Wolkenkratzer-Hybris gekommen sahen.

Psychologisch betrachtet sind Hochhäuser eine Art Affenfelsen der Architektur

Bautypologisch galten Häuser, die an den Wolken kratzen, als eine Art Affenfelsen der Architektur. Evolutorisch wähnte man die pompösen Erektionen aus Stahl, Glas und Beton am Ende ihrer Entwicklung angekommen. Die Welt werde sich vom närrischen Kampf um immer neue Höhenrekorde im Bauen verabschieden. Hieß es, dachte man. Falsch gedacht. Das Jahr 2017 lässt sich nämlich als das exakte Gegenteil solcher Prophetie bilanzieren. Tatsächlich wurden noch in keinem Jahr zuvor so viele Wolkenkratzer realisiert wie in diesem Jahr.

Einer Studie zufolge, die der "Council on Tall Buildings and Urban Habitat" (CTBUH) vorgelegt hat, geht das Jahr 2017 in die Baugeschichte ein als das Jahr, da niemals zuvor so viele Wolkenkratzer in so kurzer Zeit auf so engem Raum errichtet wurden. Es ist fast so, schließlich kostet die Planung und der Bau von sehr hohen Häusern viel Zeit, als wäre 2001 nicht das Ende, sondern im Gegenteil eher das Fanal eines baulichen Höhenrausches gewesen, der sich erst jetzt mit aller Macht zeigt.

Wenn der Siedlungsdruck zunimmt, wachsen die Häuser in die Höhe

Insgesamt sind allein in diesem Jahr laut Council - und der Rat nimmt Wolkenkratzer sogar erst ab 200 Meter wirklich ernst - 144 neue Gebäude entstanden, deren Höhen darüberliegen. 15 davon weisen sogar 300 oder mehr Meter auf. Wobei sich die meisten davon nicht mehr in den USA, der Geburtsstätte des modernen Wolkenkratzers, befinden - oder in Dubai, wo zuletzt, 2008, mit dem 828 Meter hohen "Burj Khalifa" das höchste Bauwerk der Welt entstanden ist. Sondern in China.

Vor allem China löst die arabische Halbinsel als Skyscraper-Dorado der Gegenwart und wohl auch der Zukunft ab. 76 in China vollendete Wolkenkratzer sind der Studie zufolge durchschnittlich knapp 250 Meter hoch. Die halbe Jahresproduktion an Stahlbeton-Riesen befindet sich also im Reich der Mitte, das sich gerade zum Reich der Höhe wandelt. In Shenzhen, einer 12,5-Millionen-Einwohner-Metropole, in die unsere größte deutsche Stadt, Berlin, fast viermal hineinpasst, wurde beispielsweise das neue, 599 Meter hohe "Pingan International Finance Center" eröffnet. Shenzhen allein hat ein Dutzend Türme binnen Jahresfrist realisiert. Ähnlich ist es in Shanghai, Peking oder Guangzhou.

Das ist auch kein Wunder, denn unter den größten Städten der Welt befinden sich ebenfalls viele chinesische Städte. Es gibt nicht nur einen Zusammenhang zwischen ökonomischer Potenz und ihrer architektonischen oder stadträumlichen Zurschaustellung, sondern auch eine Verbindung zwischen Siedlungsdruck und Bodenressourcen. Das Rekordjahr 2017 wird also wohl von einem Rekordjahr 2018 abgelöst werden, denn die Ära der Dinosaurier unter den Gebäuden ist eben noch nicht vorbei. Auch das ist ja ein neuer, bemerkenswerter Trend im Hochhausbau: Hohe Häuser dienen immer öfter nicht allein dem Kommerz, also als Büroraum oder Shoppingfläche (oder der Distinktion luxuriöser Hotels), sondern auch dem Wohnen.

Das ist logisch. In der Ära der Verstädterung zieht es die Menschen weltweit in die Ballungszentren, wo zwar Jobs, aber keine Wohnungen zu haben sind. Höhere Häuser, auch Wolkenkratzer, können daher zur Lösung des Problems durchaus beitragen. Für die europäischen Städte, die sich aus dem Kampf um die Lufthoheit schon längst verabschiedet haben, muss das aber noch lange nicht bedeuten, sich wieder auf die eigene Hybris zu besinnen. Doch auch Städte wie London, Paris oder München werden in Zukunft etwas mehr in die Höhe als in die Breite wachsen. Aus ökologischer Sicht ist das eine gute Nachricht. Bis zu einer gewissen Höhe kann das Wohnhochhaus in Relation zum Flächenverbrauch auch seine Energieeffizienz ausspielen.

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