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Architektur:Vorsicht Baustelle!

Zaha Hadid, Rem Koolhaas, Daniel Libeskind - die Visionäre unter den Star-Architekten sind in der Realität angekommen. Von Alexander Hosch

Irgendwann stieg er plötzlich aus einem roten Maserati oder einem schwarzen Porsche und trat ins Rampenlicht wie einst Le Corbusier: der neue Stararchitekt. Manchmal fuhr er auch im Bentley vor, dann trug er statt der Zigarre im Mundwinkel einen gefährlichen Zackenring am Finger und hieß Zaha Hadid. In der Regel bestrahlte das Rampenlicht kein großes Bauwerk, sondern eher eine hippe Skulptur oder eine kleine Ausstellung mit sehr waghalsigen Zeichnungen. Denn der Stararchitekt war das späte Kind einer Glamour-Ära, der achtziger Jahre. Nun sind die Meister der Papierbauwelt in der Realität angekommen und verteidigen ihren Ruf zwischen Monsterbaggern und Giga-Betonmischern: Daniel Libeskind bebaut Ground Zero, coop Himmelb(l)au errichtet die Europäische Zentralbank in Frankfurt, Rem Koolhaas knickt für das chinesische Fernsehen einen Turm.

Libeskind_dpa

Star-Architekt Daniel Libeskind

(Foto: Foto: dpa)

Vermutlich ist sich der neue Stararchitekt damals gar nicht selbst eingefallen. Er war ein natürliches Produkt seiner Zeit. Am Leben erhalten haben ihn die Heimatschutzkommandos, die mittelmäßigen Kollegen und die Lokalmatadore, die den Begriff als Bannfluch mit zu ihren Wettbewerben schleppten: um den Fremden, der schön redet, schlecht baut, kassiert und dann wieder verschwindet, aus dem Feld zu schlagen.

Sie haben sich verrechnet. Der Star kam, sah und baute. Denn was sich ereignete, war eine unvorhersehbare Verlängerung der Achtziger über ihr eigenes Ende hinaus bis ungefähr ins Jahr 2005. Es kam eine Zeit, in der die Menschen aus unerfindlichen Gründen überall Gefallen fanden an einer neuen Abglanzkultur. Sie bestiegen Berge, die Reinhold Messner in einem Bestseller beschrieben hatte. Sie kochten Suppen, wenn vor ihnen Alfred Biolek oder Wolfgang Joop darin herumgerührt hatten. Sie glaubten sogar an Moral und an Werte - vorausgesetzt, dass ein berühmter Moderator diese auf ein paar Buchseiten erklärt hatte.

Bilbao-Effekt

Die ersten Architekten, die in dieser übersichtlichen Wünschewelt Erfolg hatten, waren gar keine. Aber das war um 1995 egal. Mit dem Vorschlag für eine bunt-verschlumpfte Hundertwasser-Schule oder ein Yin-Yang-Museum samt Zen-Garten von André Heller konnte man problemlos jedes Dorfgremium euphorisieren. Man kann es noch heute. 1998 kam der Bilbao-Effekt dazu: der Architekt Frank Gehry und der Guggenheim-Konzern steckten sich in einer bis dahin unbeachteten baskischen Stadt ihre Logos in Form eines metallisch glänzenden Museumsgebirges an. Für einige Zeit verehrte die Welt beide. Das Gleiche galt wenig später für Libeskind und das Jüdische Museum in Berlin.

Exzentrische Bauwerke zogen auf einmal ein Millionenpublikum an. Man feierte sie plötzlich im Vermischten wie den nächsten Disneyfilm oder eine neue Achterbahn. Bei ihren Openings wurden die Foyers zu Anbahnungszonen für Flirts zwischen Baumeistern und Bauherren. Oft waren es - man schrieb nun das Jahr 2000 - Stararchitekten und Starmodemacher, die sich zusammentaten: Tadao Ando und Giorgio Armani, Prada und Rem Koolhaas, Prada plus Herzog & de Meuron, Renzo Piano mit Hermès.

Nie war es für die Architekten leichter, einen verrückten Traum gebaut zu bekommen. Sie nutzten die Gunst der Stunde. Jeder hatte seine Geheimwaffen: Jean Nouvel sein Mysterium, Zaha Hadid ihre fernöstlichen Diva-Klamotten, Daniel Libeskind seine Ehefrau.

Andos Frust

Und Koolhaas brachte immer seine ziegelschweren Thesenbücher mit. Es war Frank Lloyd Wright, der einst über den Widersacher Le Corbusier spottete, dieser schreibe über jedes seiner Bauwerke vier Bücher. Der Architekt Koolhaas schrieb jahrelang, ohne überhaupt zu bauen. Und drang damit so tief wie kein anderer Star in den Diskurs der Gesellschaft ein. Er führte die aufgehübschten Marktplätze harmoniesüchtiger Stadtplaner ad absurdum und holte die verlorenen Peripherien zurück in die Architektur. Ganz nebenbei pumpte er treffsicher die eigenen Bauvorhaben ins mediale Universum. Zum Essay-Thema wurde, womit der Rotterdamer Mastermind sich gerade beschäftigte: Las Vegas, Sankt Petersburg, China, das Antlitz von Europa oder Prada.

Jetzt ringen Bataillone von Baupublizisten um ihre verlorene Distanz zu italienischen Markenschuhen. Denn der Honeymoon zwischen Architektur und Zeitgeist ist vorbei. Guggenheim hat kein Geld mehr für Gehry-Burgen. Prada besitzt jetzt genug glitzernde Showroom-Paradiese. Die verständnisvollen Auftraggeber hatten ihren Spaß oder ihren return on invest. Nun gibt man das Geld lieber wieder für andere Dinge aus als für Starbauwerke. Zuletzt traf es Tadao Ando: Erst ließ Karl Lagerfeld ihn nach jahrelangem Feilen an Wohnhausplänen kalt abblitzen. Dann räumte vor zwei Wochen auch der Pariser Stil-Entrepreneur François Pinault (Gucci, YSL) Andos Entwurf für ein privates Kunstmuseum in die Schublade. Er hatte dem Japaner in all den Jahren der Vorbereitung nicht einmal seine Bilder gezeigt. War's das, Stars?

Ende einer Ära

Die Ära der visionären Architekten geht zu Ende. Nicht, weil es sie nicht mehr gäbe. Sondern weil die Stars nun auf der ganz normalen Großbaustelle angekommen sind - da, wo sie immer hin wollten. Es geht dort nicht mehr um exaltierte Riesen-Follys mit Nutzungsanforderungen in homöopathischer Dosis - sondern um die Wurst, wie bei allen anderen Architekten auch. Es geht jetzt zum Beispiel um die Sicherheit der Eisenflechter auf dem Mega-Bauplatz des künftigen BMW-Auslieferungscenters im Münchner Norden (coop Himmelb(l)au).

Es geht um schnöde Investorenwünsche und um die Einpassung technisch hochkomplizierter Formen in knappe Zeitpläne und enge Budgets. Der auratische Schaffensprozess ist in die Herrschaftszone von Rendite & Ratio geraten. Das Ganze klappt dann entweder, wie bei Zaha Hadid, die nach ihrem hochgelobten Kunstmuseum für Cincinnati gerade ein tadellos funktionierendes Autowerk abgeliefert hat. Oder es klappt nicht, wie bei Daniel Libeskind, dessen Idee für Ground Zero von einem Kollegen und der Baupolizei auseinander genommen worden ist.

Was bleibt von den visionären Jahren der Architektur? Erstens Geld im Portemonnaie - die Archi-Stars verdienen endlich was. Zweitens ein gestärktes Interesse für die Stadtränder, für Baukultur überall. Kein Konservativer kann heute mehr, ohne Gelächter zu ernten, behaupten, mit ein paar adretten, zentral gelegenen Einkaufsreservaten für Reiche könne so etwas wie Stadtgestalt beschrieben werden.

Und vor allem drittens: eine Menge angeblich unbaubarer Gebäude, die erfreulicherweise trotzdem entstanden sind. Nun liefern sie wie die Berg-Isel-Skischanze (Hadid), der Flughafen von Bilbao (Calatrava) oder jüngst die Casa da Musica in Porto (Koolhaas) reiches Anschauungsmaterial für jenen Iconic Turn, der die einen elektrisiert, während die anderen noch bestreiten, dass viele neue Oberflächen schon für eine neue Bildwissenschaft ausreichen.

Zweckform und Avantgarde

Besonders auf Deutschlands Starbaustellen verband sich indes zuletzt die Zeichenhaftigkeit der Hülle mit einer Erneuerung des Inhalts: Die in Millimeterstatik erbaute Niederländische Botschaft von Rem Koolhaas in Berlin ist mit silberfarbener Lauftreppe und ihrer kapriziösen Polycarbonat-Gediegenheit geradezu ein Beitrag zur Umdeutung militärisch-diplomatischer Komplexe.

Und im jüngst eröffneten Leipziger BMW-Werk gelang Zaha Hadid die nahtlose Verschmelzung von Zweckform und Avantgarde, indem sie die verschränkten Rampen und Vektoren ihrer dynamischen Bausprache in die fließende Logik eines Produktionssystem für Automobile überführte. Die Form folgt der Funktion, aber ganz ohne rechten Winkel. Eine solche Vorstellung hat die Interpreten der Architektur lange Zeit überfordert. Nun steht das Ding einfach da.

Gehrys Enttäuschung

"Noch nie", sagt Zaha Hadid, "wurde so spezifisch gebaut wie heute. Jeder Bau ist ein Unikat." Das Problem ist vielleicht, dass nun ständig und überall solche Unikate entstehen. Welche Architekturleuchtzeichen werden bleiben? Gehrys postexpressionistische Klinkerkathedrale in Herford oder das neue Münchner Stadion-Schlauchboot von Herzog & de Meuron? Das nur Interessante verblasst neben dem Genialen. Bye-bye, Stars - und willkommen im Qualitätszeitalter! Es verlangt von jedem neuen Bauwerk die Reifeprüfung.

Strahlt es in die Architekturgeschichte? Oder glänzt es nur für einen Tag? "Für ein Gesamtkunstwerk braucht es ein Netzwerk von Menschen, die die gleiche Sprache sprechen", sagt der 42-jährige Roman Delugan, der viel von der Stargeneration gelernt hat und zusammen mit seiner Ehefrau Elke Meissl in Wien reihenweise kompromisslos avantgardistische Entwürfe wie das selbstgenutzte Penthouse Ray 1 errichtet. Es gibt kein richtiges Bauwerk mit dem falschen Investor. Bau, schau, wem! Wenn sie zu viel bauen, droht den Stars der Visionen das Los der großen Architekturfabriken: Manchmal sind deren Ergebnisse grandios - aber sehr oft auch ziemlich langweilig.

© SZ vom 6.7.2005
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