Architektur und Politik Drohgebärden in Stein

Was verbindet, was trennt den NS- Architekten Albert Speer und Karl Friedrich Schinkel? Klaus Heinrich gibt brillante Antworten.

Eines Tages überreichte der Architekt Albert Speer seinem Herrn und Auftraggeber Adolf Hitler einen Band über den jung verstorbenen preußischen Architekten Friedrich Gilly, der, wie Speer in seinen "Spandauer Tagebüchern" behauptet, ihm "das eigentliche Genie und Vorbild war". Friedrich Gilly (1772 - 1800) hatte die neueste Mode der Monumentalität in Berlin bekannt gemacht, die radikale Formensprache der französischen Revolutionsarchitektur. Sein Entwurf eines Denkmals für Friedrich den Großen - eine kolossale, halb dorische, halb wahnwitzige Tempelanlage auf dem Leipziger Platz - trug ihm den Ruf eines Genies und die Begeisterung eines jungen Neuruppiners ein: Karl Friedrich Schinkel soll durch diesen Entwurf endgültig für die Baukunst gewonnen worden sein, bald gehörte er zum Schüler- und Freundeskreis um Friedrich Gilly.

Was Hitler von dessen Entwürfen hielt? Er habe sich, sagt Speer, nicht dazu geäußert, auch in der Architektur sei ihm das Preußische fremd geblieben: "Am Klassizismus liebte er streng genommen die Möglichkeit zur Monumentalität." Gewiss, Speer strickt hier an seiner Legende, die etwa so geht: Hitler, der Fan der Wiener Ringstraße, habe den Klassizisten seinen Anfängen und Idealen entfremdet.

Interessanter als die Rechtfertigungsstrategien des verurteilten Kriegsverbrechers Albert Speer ist die Tradition, in die er sich stellen möchte: französische Revolutionsarchitektur, preußischer Klassizismus, sein Lehrer Heinrich Tessenow, der 1931 Schinkels Neue Wache zum Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs umgestaltete. Wie liegen hier die Verhältnisse, was hat das eine mit dem anderen zu tun? Welche Wege, Trampelpfade und Sackgassen führen von Schinkel zu Speer?

Vom Konzept "Selbstreinigung durch Kahlschlag und Abriss" hält Klaus Heinrich wenig

Solche Fragen werden gern beiseitegeschoben. Man verweist entweder auf humanistische Äußerungen Schinkels, auf seine menschenfreundlicheren Proportionen oder auf beides. Und siehe da, gut und böse sind wieder säuberlich geschieden. Dass es auch in diesem Fall produktiver ist, Spannungen nachdenkend auszuhalten, beweisen die Architekturvorlesungen, die der Religionswissenschaftler Klaus Heinrich Ende der Siebzigerjahre hielt. Die Arbeitshypothese ist eine wirklich unangenehme: Die Veranstaltungssphäre, "in der das NS-spezifische Leben dargestellt wird", man denke an das Parteitagsgelände in Nürnberg oder die Pläne für ein zur Reichshauptstadt Germania verunstaltetes Berlin, sehe aus wie die Einlösung der "Veranstaltungsutopie des Feste feiernden Klassizismus". Heinrich beschreibt nicht lediglich die NS-Architektur als einen spezifischen Klassizismus, er will zugleich und vor allem wissen, woher die Willfährigkeit der klassizistischen Architektur bei dieser Indienstnahme rührt.

In Schinkels Neuer Wache in Berlin, hier eine Aufnahme von 1903, sieht Klaus Heinrich die Wacht dargestellt, bei der man immer auf Wache ist.

(Foto: Vintage Germany)

Klaus Heinrich, 1927 in Berlin geboren, gehörte zu den Mitbegründern der Freien Universität Berlin. Mit einem "Versuch über das Fragen und die Frage" wurde er 1952 promoviert. Seine Habilitation hieß "Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen". Seit 1971 lehrte er im schönen Dahlem am Institut für Religionswissenschaft. "Tatsächlich hielt er Vorlesungen über alles, was ihn interessierte. Das war nicht wenig. Er hatte beizeiten der Leitung der Universität erklärt, was das Curriculum war, nämlich er persönlich", schreibt Ulrich Raulff in seinen Erinnerungen an die "wilden Jahre des Lesens" (Klett Cotta, 2014).

Auf der Grundlage von Mitschnitten und Mitschriften erscheinen die legendären Dahlemer Vorlesungen seit 1981. Gemeinsam mit Arch+ hat der Stroemfeld Verlag nun acht Vorlesungen Klaus Heinrichs zu Schinkel und vier zu Speer in einem Band vereint. Er bietet die derzeit beste Einführung in das Werk Karl Friedrich Schinkels, weil er den viel zu oft folgenlos verehrten Architekten als Gegenstand geistiger Auseinandersetzung ernst nimmt.

Damit kein Missverständnis aufkommt: Heinrich macht Schinkel nicht den Prozess, er wirft dem Klassizismus nicht vor, dass Speer und Konsorten sich seiner bedienten. Er hält wenig von Vergangenheitsbewältigung durch Abriss, "Selbstreinigung durch Kahlschlag". Es geht ums Verstehen, also um Differenzen, "warum zum Beispiel Schinkels Bauten uns heute noch Wohlbehagen bereiten und zugleich die Verwendung von Elementen solcher Bauten für Veranstaltungen, die von einem solchen Wohlbehagen nichts mehr wissen, uns bis heute erschrecken lassen".

Heinrich trug, wenn wir Ulrich Raulff glauben wollen, seine Fragen und Antworten auf besondere Weise vor: Er absolvierte seine Vorlesung "streng peripatetisch: er denkwandelte. Wie die Spitze eines sehr langsam ausschlagenden Pendels ambulierte er vor versammeltem Auditorium erst in die eine, dann in die andere Richtung und dann wieder zurück."

Die Architekturvorlesungen müssen ausgedehnte Lichtbildervorträge gewesen sein, denkwandeln mit Dias. Im Buch kann man dies auf beglückende Art nacherleben; nicht nur sind zahlreiche, oft wenig gezeigte Abbildungen zusammengetragen worden. Wann immer es Rückbezüge oder Vorausdeutungen gibt, sorgen kleine Bildchen im Text und ein einfaches Verweissystem dafür, dass man hier sein Sehen schulen, anschaulich mitdenken kann.

Albert Speer stellt Hitler das Modell des Deutschen Hauses für die Weltausstellung in Paris 1937 vor.

(Foto: SZ Photo Scherl)

Heinrich geht nicht schnurstracks auf eine Antwort los, vielmehr bringt er immer neue Beispiele, um die Frage zu präzisieren, andere Blickwinkel zu erproben, weitere Kontexte zu erschließen. Dabei bleiben die konkreten politischen Verhältnisse weitgehend ausgeklammert, es geht nicht um Kulturgeschichte, sondern um eine Kultgeschichte der Architektur und deren Repräsentationscharakter: "Es gibt keine nicht-repräsentative Architektur."

Der Vergleich von Schloss Charlottenburg und Schinkels Neuem Pavillon im Schlosspark ebenda erhellt eine andere Kosmologie, ein gewandeltes Weltverhältnis. Vereinfachend gesagt: Im Barock und Rokoko steht das rustizierte Erdgeschoss für die Unterwelt - real das Reich der Dienstboten -, die Beletage für die Feste der Herren, darüber die Kuppeln als Himmelsdimension der absolutistischen Herrschaft. In Schinkels Schlosspark-Pavillon sind beide Geschosse gleichberechtigt, nicht höfische Choreografie, sondern bürgerliche Intimität und Stimmungskult prägen sie. Nicht umsonst zitiert Schinkel gern Motive aus seinen Bühnenbildern und Panoramen. Monumentalität wird im Klassizismus, anders als zuvor, aus der Stereometrie abgeleitet.

In der französischen Revolutionsarchitektur herrschte "das totale Einverständnis mit der Gruft"

Ausführlich würdigt Heinrich die Entwürfe von Étienne-Louis Boullée und Claude-Nicolas Ledoux, also das, was unter dem irreführenden Namen "Revolutionsarchitektur" firmiert. Heinrich schlägt die Bezeichnung "Gattungsarchitektur" vor: ein Kult der Gattung Mensch, der zugleich "Totenkult" ist. In den französischen Entwürfen, etwa für ein Newton-Kenotaph, eine Nationalbibliothek oder die Idealstadt Chaux, herrscht das "totale Einverständnis mit der Tombe", der Gruft, dem Grabhügel. Gedächtnis der Gattung - der leere Raum, Vernunft der Gattung - tote Vernunft. Genau diese Verschwisterung von Totenkult und Kosmologie macht Schinkel nicht mit, sooft er auch Motive der rationalistischen Gattungsarchitekten nutzt. Deswegen entsteht um seine Bauten herum auch kein Niemandsland. Dieser Vorzug hängt eng mit der Bindung ans Theater, mit Spiegelungen, mit dem "Erscheinungshaften" zusammen.

Auch der NS-Architektur eignen theatrale Züge, sie entwirft Kulissen für Massenaufmärsche, "Attrappenarchitektur". Aber diese Architektur kann nicht auf die Bühne zurück. Speers Monumentalarchitektur im Inneren der Städte war, so Klaus Heinrich, Lagerarchitektur. Die Monumentalisierung des Lagers erweist sich als dessen Verewigung, ewiger Gleichschritt passt zum "fanatischen" Kampf.

Was hier grob zusammengefasst wird, entfaltet Klaus Heinrich in vielen detaillierten Beobachtungen, bettet es ein in seinen Großversuch der Selbstaufklärung über das Verhältnis von ästhetischem und transzendentalem Subjekt. Das ästhetische Subjekt will in den Ordnungen und Opferungen nicht mitmachen, es protestiert. In der Fülle wird Schinkels Ausnahmestellung deutlich - seine Architektur verleitet zum Spielen. Die Frage nach der Willfährigkeit des Klassizismus allerdings beantwortet Klaus Heinrich nur andeutungsweise. Er hat sie in späteren Vorlesungen aufgegriffen. Her damit!

Klaus Heinrich: Dahlemer Vorlesungen. Karl Friedrich Schinkel/ Albert Speer - Eine architektonische Auseinandersetzung mit dem NS. Arch+ Verlag in Kooperation mit Stroemfeld Verlag, Aachen und Frankfurt am Main 2015. 224 S., 443 Abb., 35 Euro.