Architektur und Kulturgeschichte Gänge durch dunkelste Flure

Vielleicht hat sich Korridor so verbreiten können, „weil er das Unbeobachtbare schlechthin, nämlich das Instrument der Beobachtung war?“

(Foto: picture alliance/dpa)

Der Architekturhistoriker Stephan Trüby erzählt die "Geschichte des Korridors" und zeigt auf vergnüglichste Weise, dass dieser Raumtyp mehr bietet als Kunstlicht und Kommunikationsabbruch.

Von Peter Richter

Von allen Räumen im Haus hat kaum einer eine so schlechte Reputation wie der Korridor. Schlafgemächern, Wohnzimmern, selbst Küchen werden gewisse Aufenthaltsqualitäten und damit auch poetische Potenziale zugebilligt. Von Korridoren hingegen erwartet man sich lediglich eine "Mischung aus Kunstlicht und Halbdunkel", wie einst Rainer Paris in "Warten auf Amtsfluren" bemerkte, und eine inszenierte Geschäftigkeit, herumgetragene Akten, zügiges Gehen, denn: "Jeder Aufenthalt auf dem Gang ist legitimierungsbedürftig."

Bei Carl Schmitt galten sie sogar als die eigentlichen "Schlachtfelder" vor den Türen zur Macht, bevölkert von Schranzen, die sich in den "Korridorfähigkeiten" des Antichambrierens üben. Und viel freundlichere Gedanken haben auch andere Autoren nicht auf den Korridor verwendet - wenn ihm überhaupt mal welche zuteil wurden. Umso verdienstvoller, dass der Münchener Architekturhistoriker Stephan Trüby jetzt gleich eine ganze "Geschichte des Korridors" vorgelegt hat, denn trotz ihrer bemerkenswerten Unbeliebtheit sind Korridore doch eine ebenso bemerkenswert feste Größe in der Architektur, und zwar weltweit und seit langen Zeiten.

"Die Omnipräsenz des Korridorraums steht in einem krassen Gegensatz zu seiner nur spärlichen Theoretisierung", stellt Trüby fest. Dass er zumindest diesem Missstand entschlossen entgegentreten möchte, machen Sätze klar wie dieser: "Die beiden naheliegendsten unter den darwinistisch geprägten Theorieansätzen haben sich für eine evolutionstheoretisch grundierte Analyse des Korridors allerdings als Sackgassen erwiesen: die Memetik und Niklas Luhmanns Systemtheorie."

Und zwar eignet sich Luhmann schon deswegen nicht zur Klärung der Korridorfrage, weil die für ihn so zentrale Kategorie der Kommunikation hier an der architektonischen Tücke des Objekts scheitern muss: "Bauliche Vorrichtungen für mutwilligen Kommunikationsabbruch (Korridore etc.) kann sein Theoriedesign nicht verarbeiten." Schließlich: "Könnte es sein, dass der Korridor sich nur deshalb so verbreiten konnte, weil er das Unbeobachtbare schlechthin, nämlich das Instrument der Beobachtung war?"

Man bekommt es hier mit anderen Worten zwar ganz klar mit der Buchversion einer Dissertation zu tun, aber mit einer von hinreißender Vergnüglichkeit. Vielleicht, wer weiß, hat es ja auch damit zu tun, dass der Doktorvater Peter Sloterdijk hieß, wenn diese Gänge durch die dunkelsten Flure von sowohl Architekturgeschichte als auch Psychosoziologie gewissermaßen mit heiterem Pfeifen zurückgelegt werden. Und die große historische Bewegung, der sein Schüler Trüby da folgt, ist tatsächlich faszinierend: Erst ist der "corridóio", der sich nun einmal vom lateinischen Wort fürs Rennen ableitet, ein offener Laufgang auf oder hinter Festungsmauern, dann bohrt er sich für ein paar Jahrhunderte durch das Innerste der westlichen Architektur, um schließlich im 20. Jahrhundert wiederum ins Freie zu treten als Metapher für geopolitische und militärische Räume, wie im sogenannten Polnischen Korridor, mit dem nach dem Versailler Vertrag der östliche Teil Preußens vom Rest des Deutschen Reiches abgetrennt wurde: "Zwischen einer Epoche vormoderner 'Kriegskorridore' und einer Epoche nachmoderner 'Kriegskorridore' spannt sich ein Zeitalter der Moderne, deren gesamte Architekturproduktion vom Phänomen des 'zivilen Korridors' geprägt ist."

Nachzuverfolgen, wie der nun aber zustande kam, ist schon deshalb eine große Lesefreude, weil auf diesem Wege - und zwar wie in einer der Enfiladen aufeinanderfolgender Säle, die im Schlossbau den Korridoren vorausgingen - auch gleich die wichtigsten Kapitel der zivilen Architekturgeschichte Europas abgeschritten werden: von der italienischen Villa zum französischen Schloss und weiter zum englischen Landhaus, von Gefängnissen und Armenasylen zu Krankenhäusern, schließlich Mietskasernen, und von dem überdachten Fluchttunnel, der vom Vatikan auf die Engelsburg führt, zu den "Exit Architekturen", die schon länger Trübys Spezialthema sind: die Fluchtwege, die heute, sehr zum Unwillen vieler Architekten, der zwingende Ausgangspunkt jeder Gebäudeplanung zu sein haben. Denn wo einst "design codes" herrschten, herrschen nun "building codes", wo es einst ums Decorum ging, also Vorschriften zu einem angemessenen Aussehen, geht es beim Bauen heute im Kern nur noch um wenig anderes als den Brandschutz.

Wobei die Architekturgeschichte das eine ist, das andere aber die geistesgeschichtliche Deutung. Trübys Material legt nahe, dass es der Puritanismus war, der die Vervielfältigung der Korridore vorangetrieben hat, um das Selbst gegen die sündige Welt zu wappnen, wie das damals hieß - also in jeweils eigene Räume zu pferchen, die das einst nach allen Seiten offene Zimmer zu abgeschlossenen Zellen machen.

Die Karriere der Korridore in Strafanstalten und Krankenhäusern erweist sich natürlich als Musterbeispiel einer Foucault'schen Entwicklung zur Verfeinerung der Überwachung hin. Und ihre Rolle in den Mietshäusern der Jahrhundertwende erweist sich nicht zuletzt in dem psychologischen Stellenwert, den sie in den Schriften von Freud, Benjamin und Kafka einnehmen, bevor die Architektur der Moderne die Korridore einerseits aus der Wohnung verdammt, sie bestenfalls durch "architektonische Promenaden" ersetzt, schlimmstenfalls durch funktionalistisch abgezirkelte Minimalstgrundrisse, und sie dafür aber außerhalb der Wohnung als sozialistische Gemeinschaftsräume oder dunkle Rues Interieures in den Wohnmaschinen wieder aufleben lässt.

Das alles ist am Ende auch wieder nur ein Baustein zu einer Vervollständigung des Bildes, das man sich auf der Ebene der gebauten Umwelt von dem machen muss, was Norbert Elias den Prozess der Zivilisation genannt hat. Man kann gar nicht oft genug an das heroische Projekt des WDR erinnern, diesen Prozess in einer Serie zu verfilmen, was zwar scheiterte, aber immerhin so epochale Arbeiten wie die von Wolfgang Schivelbusch über die Geschichte der Eisenbahnreise oder die von Martin Warnke über die Entwicklung von Wohnzimmer und Couchecke hervorgebracht hat.

Rem Koolhaas hatte die Fruchtbarkeit dieses Ansatzes früh erkannt und Trübys Dissertation zu einem der Ausgangspunkte für seine gefeierte Biennale-Ausstellung und Publikationen über die "Elements", die einzelnen Elemente der Architektur, gemacht. Man wünscht sich dermaßen ausführlich in die kulturhistorischen Tiefe hineinbohrende Studien wie die von Trüby über die Korridore nun natürlich auch für Türen, Treppenhäuser, Keller, Dachböden, Klosetts und Badezimmer - und zwar, so flüssig wie "Die Geschichte des Korridors" geschrieben ist, am besten ebenfalls von Trüby.

Stephan Trüby: Die Geschichte des Korridors. Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2018. 383 S., 79 Euro.